Aarau
Motion knapp gescheitert: Es gibt keine Mehrwegbecher-Pflicht

SP-Einwohnerrätin Silvia Dell'Aquila wollte im Abfallreglement der Stadt festlegen, dass bei bewilligungspflichtigen Veranstaltungen Mehrwegbecher benutzt weden müssen. Zwar unterstützten die meisten Einwohnerräte das Grundanliegen, lehnten den Weg aber ab.

Nadja Rohner
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Bei Grossveranstaltungen wie dem Gurten-Festival werden schon heute Mehrwegbecher eingesetzt.

Bei Grossveranstaltungen wie dem Gurten-Festival werden schon heute Mehrwegbecher eingesetzt.

Keystone

Etwa 20 Sekunden lang sah es ganz danach aus, als würden künftig bei Aarauer Veranstaltungen die Getränke nur noch in Mehrweg- statt in Einwegbechern ausgegeben. Mit einer Motion hätte das Abfallreglement so ergänzt werden sollen, dass Veranstalter von öffentlichen Anlässen auf öffentlichem Grund verpflichtet würden, Mehrwegbecher zu verwenden – auch auf Privatgrund, sofern die Veranstaltung von mindestens 500 Personen besucht wird. Andere Städte hätten sehr gute Erfahrungen damit gemacht, so Motionärin Silvia Dell’Aquila.

Der Stadtrat beantragte beim Einwohnerrat, diese Motion nicht zu überweisen. Doch nach den ersten Auszählungsversuchen sah es so aus, als würde die Motion knapp mit 24 zu 25 Stimmen überwiesen. Schon ging Einwohnerratspräsidentin Lelia Hunziker zum nächsten Traktandum über, als sich im Rat Unmut regte – da waren fälschlicherweise zwei Enthaltungen dem Sieger-Lager zugerechnet worden. Nach zwei weiteren Zählversuchen stand fest: Nur 23 Ratsmitglieder sprachen sich für die Überweisung aus. Die Motion ist also gescheitert.

Aber: In der Diskussion wurde deutlich, dass das Anliegen „weniger Abfall dank Mehrwegbechern“ von Links bis Rechts auf Gegenliebe stiess. Eine Reglementierung hielten aber beispielsweise die SVP und die FDP für falsch, Olivia Müller (FDP) sprach von einem „grossen Einschnitt in die Wirtschaftsfreiheit der Bar-Betreiber“. Die Stadt solle das Thema aber beim Verein Maienzug Vorabend einbringen – schliesslich ist der Vorabend wohl der Anlass, bei dem die grössten Müllberge entstehen.

Die Entgegnung der Ratslinken, wonach die Wirtschaftsfreiheit Grenzen habe – „Man darf das Abwasser ja auch nicht ungefiltert in die Aare ablassen, obwohl das billiger wäre“, sagte Oliver Bachmann (SP) – vermochte die anderen nicht zu überzeugen. Auch die zuständige Stadträtin Regina Jäggi (SVP) betonte, sie unterstütze das Anliegen, möchte das Ziel aber lieber durch Auflagen für bewilligungspflichtige Anlässe erreichen als durch Reglementierungen. „Aus Sicht des Stadtrats sollte der Einsatz von Mehrweggeschirr oder Mehrwegbechern nicht ins Abfallreglement aufgenommen werden, sondern es soll wie bis anhin mit Bewilligungsauflagen und Empfehlungen gearbeitet werden können“, heisst es in der Botschaft des Stadtrats. „Das Stadtbauamt wird zusammen mit der Stadtpolizei ein Merkblatt, wie es andere Städte bereits haben, ausarbeiten und auf der Homepage der Stadt aufschalten.“

Mehrwegbecher: eine ökologische Lösung

Auch unter ungünstigsten Annahmen ist ein Mehrweg-System jeder Einweg-Lösung ökologisch deutlich überlegen» – so heisst es in einer Studie, die von den Umweltministerien Deutschlands, Österreichs und der Schweiz für die Fussball-Europameisterschaft 2008 in Auftrag gegeben worden war. Selbst das beste Einwegsystem oder kompostierbare Becher führten zu einer doppelt so hohen Umweltbelastung wie das ungünstige Mehrweg-System. Dieses sei «mit Sicherheit die ökologisch beste Lösung» und entschärfe zudem das Littering-Problem wesentlich.

Laut der «IG Saubere Veranstaltung» schafft ein Mehrwegbecher aus Polypropylen etwa 150 Durchläufe, bis er aussortiert und rezykliert werden muss. Heissgetränke vertrage er nicht. Die Becher seien für Anlässe mit einem Bedarf ab 2000 Stück geeignet. Ein Einwegbecher koste zwar 10 Rappen weniger im Einkauf, dafür sei dessen Entsorgung teuer. Man findet im Netz aber auch Kritik an den Mehrwegbechern. Etwa, dass der Personalaufwand für die Ausgabe und Rücknahme höher ist als bei einer Einweglösung und dass die Mehrwegbecher viel Platz beanspruchen.