Prozess
Mordfall Gränichen: Wie lange muss Todesschütze Zeljko J. ins Gefängnis?

Das Bezirksgericht Aarau entscheidet ein Jahr nach dem Schuldspruch nun über das Strafmass für Zeljko J., der 2012 in Gränichen David M. erschoss. Eine zentrale Rolle im Prozess wird dem psychiatrischen Gutachten zukommen.

Fabian Hägler
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Mordfall Gränichen
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Zeljko J. (44) und Daniel G. (52): Sie sind für den Tod von David M. im Oktober 2012 in Gränichen verantwortlich.
Der Tatort: eine Metallbearbeitungsfirma in Gränichen. Der 31-jährige David M. wurde hier erschossen.
In der Nacht nach der Tat wird das Opfer aus einem Zelt weggebracht. Opfer David M. war 31 Jahre alt und lebte seit einem Jahr getrennt von seiner Frau und den zwei gemeinsamen Kindern.
Der Tatort in der verhängnisvollen Nacht nach dem Mord. Anwohner des Gränicher Wohn- und Gewerbegebäudes hörten an jenem Sonntagabend Schüsse und alarmierten die Polizei.
David M.: Als die Polizei zum Tatort kam, lag er schwer verletzt am Baden. Er verstarb noch am Tatort.
Ein Einschussloch am Tatort.
 Securitas-Mitarbeiter bewacht den Tatort am Tag danach.
 Forensiker bei der Arbeit am Tag nach der Tat.
 Polizisten durchsuchen ein Auto beim Tatort.
 Ein Spürhund kommt zum Einsatz.
 Polizisten suchen auf einer Wiese nach Spuren und der Tatwaffe.
 Forensiker am Tatort

Mordfall Gränichen

Chris Iseli

Vor gut drei Jahren, am 7. Oktober 2012, wurde der 31-jährige David M. in einer Werkstatt in Gränichen tot aufgefunden. Erschossen hat ihn Zeljko J., Auftraggeber des Mordes war Daniel G. – zu diesem Schluss kam das Bezirksgericht Aarau im vergangenen Dezember. Die beiden Angeklagten wurden des Mordes schuldig gesprochen. Als Motiv für die Tat sah das Gericht den Umstand, dass das Opfer einer Beziehung zwischen seiner von ihm getrennt lebenden Ehefrau und Daniel G. im Wege stand.

Über das Strafmass entschied das Gericht vor einem Jahr aber nur im Fall von Daniel G. – der Inhaber einer Metallverarbeitungsfirma und Auftraggeber des Mordes wurde zu einer Gefängnisstrafe von 15 Jahren verurteilt. Das Strafmass für Zeljko J., Taxichauffeur und Todesschütze, sollte in einem zweiten Prozess festgelegt werden – zuvor musste ein psychiatrisches Gutachten erstellt werden.

Gutachter wird befragt

Dieses liegt inzwischen vor, und so kommt es morgen Donnerstag, genau ein Jahr nach dem Mordurteil, zur nächsten Verhandlung im Fall Gränichen. Dabei geht es laut der Gerichtskanzlei nur um die Strafzumessung für Zeljko J., der eigentliche Tathergang ist nicht mehr Gegenstand der Verhandlung. Das Gutachten soll laut Gerichtskanzlei zeigen, ob Zeljko J. unter einer psychischen Störung leidet und deshalb vermindert zurechnungsfähig ist. Das Gutachten wird morgen vom Verfasser erläutert, ausserdem wird der Gutachter befragt.

Zeljko J. wird auch im Gerichtssaal anwesend sein. Er wird nicht mehr befragt, darf aber das sogenannte «letzte Wort» ans Gericht richten, sich also nochmals persönlich zum Fall äussern. Der Bosnier sitzt seit Ende August 2013 in der Strafanstalt Lenzburg auf eigenen Antrag im vorzeitigen Strafvollzug. «Das bedeutet nicht, dass wir von einem Schuldspruch ausgegangen sind», sagte seine Anwältin Anna Schuler nach der ersten Verhandlung. Es sei nur darum gegangen, Zeljko J. aus seiner Einzelzelle in der Untersuchungshaft in den «normalen» Strafvollzug zu versetzen.

Strafanträge noch offen

Wie lang der Bosnier noch hinter Gittern bleiben muss, lässt sich nur schwer abschätzen. «Die konkreten Strafanträge werden morgen beim Plädoyer gestellt», sagt Fiona Strebel, Sprecherin der Staatsanwaltschaft. Je nach Ergebnis des Gutachtens ist für Zeljko J. eine Haftstrafe, eine Verwahrung oder eine Therapie in einer entsprechenden Institution denkbar. Das Gericht, das in gleicher Zusammensetzung tagt wie beim ersten Prozess, wird seinen Entscheid noch am Donnerstag eröffnen – dann wird auch das Strafmass klar. Nach der schriftlichen Begründung kann das Urteil ans Obergericht weitergezogen werden.

Anwältin kritisiert Gutachten

Anwältin Schuler sagt jetzt schon, dass sie eine Berufungsverhandlung anstrebt. «Ich halte an den Anträgen aus der ersten Verhandlung fest und plädiere weiterhin auf Freispruch», sagt sie. Zeljko J. hatte bei der ersten Verhandlung behauptet, er sei zwar am Tatort gewesen, habe aber nicht auf das Opfer geschossen. Seine Verteidigerin kündigt an, sie werde sich zum Strafmass gar nicht gross äussern, sondern das begründete Urteil abwarten und dieses dann vor Obergericht anfechten. «Ich bin nach wie vor überzeugt, dass unter der geltenden Rechtsordnung ein Freispruch erfolgen müsste», hält sie fest.

Schuler kritisiert zudem das psychiatrische Gutachten. Dieses umfasst 79 Seiten, davon seien 57 eine reine Zusammenfassung von Unterlagen und Aussagen über ihren Mandanten. Auch der Rest überzeugt die Anwältin nicht: «Insgesamt erachte ich das Gutachten als ungenügend, insbesondere enthält es nur ungenügende Aussagen zu den Erfolgsaussichten einer Therapie für meinen Mandanten.» Es gebe allerdings auch interessante Punkte darin, so widerspreche der Gutachter unter anderem der Einschätzung der Staatsanwaltschaft, Zeljko J. sei ein krankhafter Lügner.