Prozess

Mordfall Gränichen: Wie aus einem Denkzettel plötzlich Mord wurde

Im Oktober 2012 wurde der zweifache Vater David M. in einem Gewerbebetrieb erschossen. Nächste Woche kommt es zum Prozess. Angeklagt sind zwei Männer.

«Ja, de Siech läbt no.» Ein 43-jähriger Serbe schiesst auf einen jungen Mann. Er lebt noch. Er versucht zu fliehen. Doch der Täter ist brutal. Ein zweiter Schuss in die Herzgegend. Das Opfer schleppt sich mühsam weiter. Dann fällt er tot auf den Boden.

Es ist Sonntagabend. Eine dunkle, kühle Nacht im Oktober 2012. Viele Aargauer sitzen zu Hause und schauen sich einen Krimi an. Die obige Szene könnte die Handlung sein. Sie ist es auch. Allerdings nicht im Fernsehen, sondern im wahren Leben: In diesem Moment wird in einer Werkstatt in Gränichen ein Mensch erschossen. Im Fenster der Werkstatt ist ein Einschussloch zu sehen.

Der Mord in Gränichen vom 7. Oktober 2012 sorgte landesweit für Schlagzeilen. Jetzt liegt die detaillierte Anklageschrift der Kantonalen Staatsanwaltschaft vor. Nächste Woche, vom 9. bis 11. Dezember, kommt es zur Gerichtsverhandlung vor dem Bezirksgericht Aarau. Das Interesse für den Fall ist ebenso gross, wie der Andrang sein wird, deshalb findet die Verhandlung im Gebäude der Mobilen Einsatzpolizei in Schafisheim statt. Der Hauptangeklagte sitzt zurzeit in der Justizvollzugsanstalt Lenzburg.

Weil die beiden Angeklagten laut der Kantonalen Staatsanwaltschaft nicht geständig sind, kommt es zu einem Indizienprozess. Auch die Pistole – es könnte eine Zastava M70 mit einem Schalldämpfer gewesen sein – ist spurlos verschwunden.

Mysteriöser Mord Gränichen: Anklage stützt sich nur auf Indizien

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Die Anklageschrift liest sich süffig, obwohl daraus nie so richtig hervorgeht, wer nun welche Aussage gemacht hat. Und es gilt die Unschuldsvermutung. Die eigentliche Schlüsselfigur ist der Mitangeklagte Daniel G., 51 Jahre alt, ruhig, korrekt und anständig. Zuverlässig und hilfsbereit. Durchschnittlich intelligent. Wenig Selbstzweifel. Gute Selbsteinschätzung. Er betreibt in Gränichen an der Industriestrasse eine mechanische Werkstatt.

In dieser beschäftigt er eine Frau, Nadja M. Sie spielt eine grosse Rolle in diesem schicksalshaften Fall. Sie ist die Gattin des späteren Opfers, dem 31-jährigen Kranmonteur David M. und hat eine sexuelle Beziehung zum Werkstattbesitzer Daniel G.

Zuerst sieht sie in ihm mehr den Vater als den Geliebten. Sie hat grosse Eheprobleme, zu wenig Geld und am liebsten möchte sie sich von ihrem Mann trennen. Daniel G. zeigt sich grosszügig gegenüber dem Ehepaar, das zwei kleine Kinder hat: Er begleicht seine Rechnungen, gewährt ihm Darlehen.

Im Frühling 2011 trennen sich Nadja M. und David M. Die zwei Kinder kommen zur Mutter. David M. kann sich mit der Trennung von seiner Frau und seinen zwei Kindern nicht abfinden. Er fühlt sich benachteiligt, ist frustriert, wütend. Der Hobby-Thaiboxer wird schnell ausfällig.

Die Beziehung zwischen Nadja M. und Daniel G. wird inniger. Er, der verheiratet ist und seine Liebschaft verheimlicht, verkehrt häufig in deren Wohnung von Nadja M. und pflegt einen engen Kontakt zu ihren zwei Kindern. David M. ist rasend vor Eifersucht. Er droht, die ganze Familie seiner Frau auszulöschen. Ob er wirklich vom ihrem Liebesverhältnis gewusst hat, ist unklar. Auf alle Fälle will er seine Frau zurück.

Nadja M. bekommt immer mehr Angst vor ihrem Mann. So könne sie nicht mehr weiterleben, sagt sie zu ihrem Geliebten Daniel G. Es müsse etwas passieren. Man müsse jemanden suchen, der den Wahnsinnigen David M. stoppe. Der Geliebte beruhigt sie und sagt, er werde sich darum kümmern. Er werde sich auf die Suche nach einem Profikiller machen.

Denn auch Daniel G. bekommt zunehmend Probleme mit dem eifersüchtigen Ehemann: Dieser will immer mehr Geld von seinem Nebenbuhler. Er bedroht ihn, wird teilweise gewalttätig. Setzt ihn unter Druck und fordert die Finanzierung einer Wohnung.

Der Geliebte ist verzweifelt. Nicht nur der Repressionen wegen, sondern auch weil er spürt, dass der eifersüchtige Mann nie eine gemeinsame Zukunft zwischen ihm und Nadja M. und ihren Kinder tolerieren würde.

Nun plant Daniel G. den Befreiungsschlag. Er will David M. eine eindrückliche und nachhaltige Lektion erteilen. Dafür braucht er einen Kumpanen und findet ihn in Zeljko J.

Dieser betreibt im gleichen Quartier wie Daniel G. eine kleine Autoreparaturgarage und einen Taxibetrieb. Er wohnt, wo er arbeitet – in einem Wohnwagen innerhalb der Werkstatt. Die beiden helfen sich gegenseitig aus und sehen sich täglich in einer der Werkstätten. Und als Zeljko J. 2012 in eine finanzielle Notlage schlittert, seine Miete für die Garage nicht mehr bezahlen kann und vor dem Ruin steht, kommt dies Daniel G. gelegen.

Wie schon seiner Geliebten hilft er Zeljko J. aus der Patsche. Wie schon früher zahlt er auch Zeljko J. Rechnungen, übernimmt sogar als neuer Mieter die Garagenräume. Der hoch verschuldete Zeljko J. hat keine andere Wahl, als dies anzunehmen. Er steht in der Schuld von Daniel G., ist abhängig von ihm.

Doch Zeljko J. sieht in Daniel G. auch einen Bruder, als Teil seiner Familie. Diese bedingungslose Loyalität benutzt Daniel G. 

Er weiss, Zeljko J. ist skrupellos, ein brutaler Straftäter, mit psychischen Störungen. Er weiss noch mehr: Zeljko J. und David M. kennen einander und hassen sich wegen eines wüsten Streits um einen Gebrauchtwagen.

Deshalb benutzt Daniel G. ihn. Zeljko J. soll seinem Mitstreiter David M. die sogenannte Abreibung verpassen. Wie diese erfolgen soll, wissen nur sie zwei. Zeljko J. beschafft sich eine Waffe, samt Munition, direkt aus Serbien.

Daniel G. arrangiert am 7. Oktober 2012 in seiner Werkstatt in Gränichen ein Treffen mit David M.

Um 20.15 Uhr erscheint er. Er hat noch 15 Minuten zu leben. Daniel G. empfängt David M. im Partyraum seiner Werkstatt. Öffnet ihm ein Bier. Daniel G. verlässt den Raum. Dann erscheint Zeljko J.

Er trägt Mantel und Schirmmütze. In der Hand wahrscheinlich die Waffe. Er schiesst David M. in die Brust. Die Kugel trifft ihn durch seine Trainerjacke hindurch. Es kommt zu dramatischen Szenen in der Werkstatt. «Spinnst Du», soll Daniel G. den Schützen Zeljko J. angeschrien haben. Und er tupft dem Opfer mit einem nassen Frottiertuch das Gesicht. Er ruft die Polizei. So hat er es kaum gewollt. Oder doch?

«Ja, de Siech läbt no.» Ein 43-jähriger Serbe erschiesst einen jungen Mann. Er lebt noch. Er versucht zu fliehen. Doch der Täter ist brutal. Ein zweiter Schuss in die Herzgegend. Das Opfer schleppt sich mühsam weiter. Dann fällt er tot auf den Boden.

Es ist Sonntagabend. Der Krimi ist fertig. Nicht am Fernsehen. Im wahren Leben.

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