Aarau

Mittels Lasertechnik entsteht erstmals ein 3-D-Modell der Meyerschen Stollen

Die Studenten machen die Drecksarbeit: Mitarbeiter des Instituts für Vermessung und Geoinformation zwängen sich durch den Meyerschen Stollen in Aarau und zeichnen die Koordinaten auf. Zum ersten Mal entsteht ein 3-D-Modell.

Heller Schlamm ziert die T-Shirts der neun Männer und einer Frau, die sich stundenlang durch die Meyerschen Stollen zwängten, bewaffnet mit Gummistiefeln, Helm und Gasmesser für die Sicherheit. Dazu zwei Laser-Messgeräte im Wert von mehreren zehntausend Franken pro Stück.

Dieses Geld ist futsch, wenn der Apparat nass wird. «Unser Messgerät ist nicht wasserdicht und die Stollen sind teilweise sehr eng. Das macht es schwierig», sagt Kevin Hilfiker, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Vermessung und Geoinformation (IVGI) der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) in Muttenz bei Basel.

Zusammen mit dem Softwareingenieur und Höhlenforscher Yvo Weidmann leitet er das Vermessungsprojekt. Sieben Studenten und eine Studentin wirken mit.

Wenn die Höhe des Stollens es zulässt, platzieren die Studierenden das Lasergerät auf einem Stativ und befestigen sieben Zentimeter dicke Styroporkugeln an der Stollenwand. Bei den späteren Arbeiten am Computer dienen die Kugeln als Orientierungspunkte. Weiter braucht der Laser zusätzliches starkes Licht.

«Messungen ins Dunkle sind wertlos», sagt Hilfiker. Dann geht es los: Der Laserkopf dreht sich unzählige Male um die eigene Achse und misst, wie weit das Gestein von ihm entfernt ist. Dafür zeichnet er Dutzende Millionen Punkte auf und speichert deren Koordinaten und Farbtöne.

910 Millionen Punkte pro Tag

Pro Tag kommen so 910 Millionen Punkte zusammen. Mit über 100 Gigabyte Daten setzt sich das Team diese Woche vor dem Computer und fügt die letzte Woche an fünf Tagen gesammelten 4,5 Milliarden Punkte zu einem Gesamtbild zusammen; das erste exakte 3D-Modell der Meyerschen Stollen.

Allerdings erfasst das Modell nur rund einen Fünftel des ganzen Stollensystems, nämlich den südlichen Teil, der unter dem Bahnhof und der Post liegt. Allein dafür haben die Studierenden das Lasergerät an 140 verschiedenen Orten aufgestellt.

An manchen Stellen, wo auch gebückt kein Vorwärtskommen war, fehlte der Platz für ein Stativ. Dort klemmten die Forscher das Lasergerät mit einer Spezialanfertigung zwischen die Stollenwände. Dafür zu sorgen, dass das Gerät sauber bleibt, sei der schwierigste Teil der Arbeit, sagt Silvan Feer, 27-jähriger Geomatik-Ingenieur in spe.

Er kannte die Meyerschen Stollen bisher nur vom Hörensagen. Nun spürt er sie an seinem ganzen Körper, hat unzählige Male Ellbogen und Knie angeschlagen, am Abend hatte er Rückenschmerzen vom ständigen Bücken.

«Es ist halt wirklich sehr eng dort unten», sagt er. Platzangst hat er aber keine. «Aber je länger man im Stollen ist, desto lieber kommt man wieder heraus.» Fünf Tage lang, jeweils von 8 bis 18 Uhr hat Silvan Feer mit seinen Kollegen gearbeitet.

Auch von der Oberfläche her haben die Forscher Messungen vorgenommen, zum Beispiel durch einen Schacht von der Bahnhofstrasse aus. Dank des neuen 3-D-Modells kann der Wasserfluss in den Stollen noch genauer untersucht und beurteilt werden. «Wir lernen die Stollen immer besser kennen», sagt Rolf Strebel, Gewässerverantwortlicher der Sektion Tiefbau der Stadt Aarau.

Ohne den Aufschluss Meyer-Stollen im neuen Bahnhof wäre das Projekt nicht möglich gewesen, der Platz hätte gefehlt. Im Vorraum des Aufschlusses wurden die Daten aus den Stollen direkt von den Studierenden am Computer ausgewertet und bearbeitet.

Zwar werden für Besucher auch weiterhin nicht alle Bereiche der Meyerschen Stollen zugänglich sein, doch vielleicht wird das 3D-Modell zumindest in Teilen bald öffentlich – dies wird noch mit dem Stadtmuseum abgeklärt.

Die Daten könnten zumindest in Teilen auf www.aarau.ch/geoportal gezeigt werden, dem Geoinformationssystem der Stadt Aarau. «Dann könnte jeder am Bildschirm die Meyerschen Stollen begehen», sagt Hilfiker.

Angestossen hat das Projekt der IVGI-Leiter Reinhard Gottwald, der früher bei der Aarauer Firma Kern arbeitete, einer der ersten Hersteller von Vermessungsinstrumenten.

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