Im Juli letzten Jahres kam es in Küttigen zu einer Kollision zwischen einem Auto und einem Velo. Eine 76-jährige Rentnerin aus Zürich bog, vom Staffelegg-Kreisel her kommend, scharf nach rechts in Richtung der Gewerbebetriebe am Horebach ab. Dabei passierte es. Der Velofahrer verletzte sich leicht. An beiden Fahrzeugen entstand geringfügiger Sachschaden.

Gestern stand die Rentnerin vor dem Bezirksgericht. Sie hatte den Strafbefehl der Staatsanwaltschaft angefochten. Diese hatte ihr mangelnde Aufmerksamkeit und ungenügendes Rechtsfahren vorgeworfen und sie zur Bezahlung von 855 Franken (Busse, Strafbefehlsgebühr und Polizeikosten) verknurrt.

Der Velofahrer war als Zeuge geladen. Er räumte ein, 1 bis 1,5 Meter vom rechten Strassenrand entfernt gefahren zu sein. Darum habe er auch eine Busse gefasst – und bezahlt. Er hatte auch ausdrücklich darauf verzichtet, einen Strafantrag wegen fahrlässiger Körperverletzung zu stellen. Er hatte aber nicht das Gefühl, besonders schnell gefahren zu sein.

Anderer Meinung war die als Zeugin aufgebotene Beifahrerin – die Hauswartin der Alterssiedlung, in der die Rentnerin wohnt. Der Velofahrer, sagte sie, müsse «wie ein Blitz» die abschüssige Strasse heruntergebraust sein – «ja, etwa so schnell wie die Tour de Suisse». Die Automobilistin dagegen sei ganz langsam abgebogen. Dass diese abgelenkt gewesen oder zu weit links gefahren sei, verneinte die Zeugin. Den Velofahrer habe sie erst realisiert, als es schon gekracht habe.

Die Beschuldigte, eine amerikanisch-schweizerische Doppelbürgerin, die ihre Pelzmütze während der ganzen Verhandlung aufbehielt, meinte, die Strecke sei durchaus einsehbar. Sie vermute, dass der Velofahrer ungebremst talwärts gefahren sei. Einsprache habe sie nicht wegen des Geldes gemacht. Sondern unter anderem, weil die Polizisten gegen sie eingenommen gewesen seien. Die hätten sie wohl für «eine aus dem grossen Kanton» gehalten. Und mit dem Velofahrer seien sie Duzis gewesen.

Gerichtspräsidentin Patricia Berger sprach die Frau von Schuld und Strafe frei. Dabei verfuhr sie nach dem Grundsatz «in dubio pro reo»: Es sei nicht erwiesen, dass die Beschuldigte zu wenig weit rechts gefahren oder unaufmerksam gewesen sei. Die Strasse sei sehr schmal und der Velofahrer sei 1 bis 1,5 Meter vom rechten Rand gefahren. Darum sei es zur Kollision gekommen. (uw)