Luigi steht stramm wie ein Soldat, die Hacken zusammen. René hat mit einer Kreide einen Strich auf den Boden gezogen und platziert seine Zehen genau dahinter. Ruedi im Muskelshirt nimmt einen Hüpfer wie ein übermütiges Fohlen und Franz aus dem Luzernischen schiebt die Kugel nahezu aus dem Stand.

Mal holpern die Kugeln über die Bahn, mal machen sie beim Aufsetzen keinen Mucks und nur die Bahn schnurrt unter dem Gewicht der rollenden Kugel. Vorne kesselts bei allen, mal lauter, mal leiser. Fallen alle neun Kegel, schellt die Anlage wie ein Telefon, die Männer an den Tischen rufen «gut Holz». Wenn nicht, sagt sicher einer: «Muesch mol links uf links.»

Im Gemeinschaftszentrum Telli wird gekegelt. Nicht einfach aus Plausch, hier gilt es ernst. Seit Anfang Woche läuft hier die 1. Telli-Meisterschaft. Die Männer hier sind Profis, die meisten kegeln seit über 30 Jahren, kennen sich genauso lang. Es ist eine kleine Welt für sich, eine, in der alle von Beginn an miteinander per Du sind. Eine Welt, die vom Aussterben bedroht ist.

Eine Wissenschaft für sich

Es ist auch eine Welt, die nicht ganz einfach zu verstehen ist. Das fängt bei der Organisation an: Veranstaltet wird das Turnier vom Kegelklub Suhrental, Mitglied der Vereinigung Freie Aargauer Talschaft. Diese Vereinigung umfasst alle 13 Kegelklubs zwischen Menziken und Lauffohr. Der Keglerverband Talschaft wiederum gehört der Schweizerischen Freien Kegelvereinigung an. Das ist alles kompliziert, aber nicht unwichtig, denn die Zugehörigkeit ist ausschlaggebend fürs Reglement.

Wer bei den «Freien» dabei ist, kegelt mit Kugeln mit 25 Zentimeter Durchmesser und einem Gewicht von rund 10,4 Kilogramm. Jeder gefällte Kegel gibt einen Punkt. Bei den anderen drei Schweizer Verbänden ist das ganz anders, im Welschen beispielsweise muss der vorderste Kegel fallen, sonst gilt der Schuss als Nuller. «Kegeln ist eine Wissenschaft für sich», sagt Hansruedi Steiner aus Unterentfelden, Präsident vom Keglerverband Talschaft.

Die Kegelbahn in der Telli gibt es seit 40 Jahren, aber zum allerersten Mal findet hier eine Meisterschaft statt. Zwei Wochen dauert sie. Eine halbe Ewigkeit. Doch die Kegler schütteln die Köpfe. Nein, nein, sagen sie, das sei noch kurz. Normal waren früher drei Wochen, damals, als die Verbände noch mehr Mitglieder zählten. Und die Schweizer Meisterschaft dauere heute noch zwei Monate. Hansruedi rechnet vor: Jeder der 220 Teilnehmer der Telli-Meisterschaft spielt dreimal 50 Schuss, pro 50 Schuss braucht man gut 20 Minuten. Verteilt auf nur drei Bahnen dauert das halt einen Moment.

René aus Sarmenstorf wickelt aus seinem Schweisstuch eine alte Margarine-Schachtel aus. Ein Schwamm liegt darin. Wozu? «Zum Finger-Nässen», sagt er. Das sei gut für den Halt. Ruedi Hunziker aus Suhr, Präsident des Kegelklubs Suhrental und Turnierverantwortlicher, zuckt mit den Schultern und sagt fast schon entschuldigend: «Wir haben alle unsere Mödeli.»

Beat Lauterjung, Abwart der Kegelbahn, grinst. Er beobachte die Kegler gern, sagt er, da gebe es die verrücktesten Dinge zu sehen. «Manche kommen mit der Mappe unter dem Arm und vermessen mit dem Klappmeter alles, bevor sie mit Kleberli oder Kreide die korrekte Fussposition markieren.» Dann gibt es da noch den Trick, einen angefeuchteten Bierdeckel oder den Kleber eines Fussel-Rollers unter die Schuhsohle zu kleben, damit der Fuss nicht abschlipft.

Andere machen sich die Finger mit Wachs klebrig oder mit Nivea oder Melkfett schlüpfrig. Könnte es einem den Finger abreissen, wenn man stecken bleibt? Nein, sagt Ruedi, das könne nicht passieren. Einem aus Reinach hätten sie aber einmal zwei Finger abnehmen müssen, weil er sie zwischen zwei Kugeln eingequetscht hatte. «Die waren flach», sagt Ruedi und die Männer nicken mit verzogenen Gesichtern. «Der arme Kerl.» Aber sonst sei Kegeln absolut ungefährlich, es gebe höchstens Muskelkater.

Bis das Gegenüber verschwand

Die meisten hier kennen das Kegeln von ihren Eltern. So wie Hansruedi, der als Kind im Restaurant Kreuz in Erlinsbach nachmittagelang von Hand die Babeli wieder aufrichtete. Am Abend gab es dafür ein Stück Brot, eine halbe Cervelat und 50 Rappen. «Ein Heidengeld», sagt er und lacht. Von Hand wurden damals auch die Ranglisten geführt; hinter jedem einzelnen Kegler sass einer und notierte bei jedem der 150 Schüsse, wie viele Kegel fielen.

Heute übernimmt das ein Computer, nach jedem Schuss führt ein Drucker Buch, krächzend fährt der Druckkopf über das Papier – Anzahl Schüsse, Anzahl gefällter Kegel, Anzahl Neuner. Drei Zahlen, drei Krächzer. «Bescheissen geht heute nicht mehr so gut wie früher», sagt Hansruedi und grinst.

Früher, da war sowieso alles etwas anders. Da habe man am Abend lange gesessen, mit Bier und Jasskarten und dicken Stumpen in den Mundwinkeln. Gepafft wurde, bis man sein Gegenüber nicht mehr sah und später die Frau daheim einen mit den verrauchten Kleidern auf die Terrasse schickte. Die Männer lachen und gucken doch etwas nachdenklich in ihre Gläser. Heute trinken sie Cola und Café Crème und geraucht wird vor dem Eingang.

«Heute sind wir halt ruhiger», sagt Hansruedi. Ist es das Alter? Nicht nur, sagen die Männer. Das Rauchverbot, die Promillegrenze, alles zusammen. Aber der Zusammenhalt, der sei noch immer gut, auch wenn immer mehr von ihnen sterben. «Die Jungen fehlen», sagt Ruedi. Das Durchschnittsalter der Kegler liege schweizweit bei 70 Jahren.

Die Kegler haben es nicht einfach. Die Jungen kegeln nicht, sie bowlen. Gross ist der Unterschied nicht und die Kegler haben auch nichts gegen Bowler. «Bowling ist halt etwas Neumodisches, das ist auf Unterhaltung ausgelegt», sagt Ruedi. «Kegeln ist etwas Altes, Urchiges.» Und während beim Bowling nur die wenigsten an Meisterschaften teilnehmen, ist genau das bei den Keglern das Ziel. «Und wer von den Jungen geht heute schon gerne noch Verpflichtungen ein?»