Was würde man heute mit einer gebrauchten Zahnbürste tun, die irgendwo liegengeblieben ist? Keine Frage, man würde sie in den nächsten Abfallkorb schmeissen. Genauso wie ein Programmheft oder ein feuchtes Frottiertuch.


Nicht so vor 87 Jahren. Das zeigen die Listen der Fundgegenstände, die während dem Eidgenössischen Turnfest in Aarau vom 9. bis 19. Juli 1932 abgegeben wurden. Diese Listen liegen im Staatsarchiv Aargau. Und sie geben keinen weltbewegenden, aber neckischen Einblick in das Leben des damaligen Turnvolkes.

Alle auf einmal

1932 feierten die Turner in Aarau bereits ein Jubiläum. Und was für eines: 100 Jahre Eidgenössisches Turnfest. Das allererste war am 24. April 1832 in Aarau zur Gründung des Schweizerischen Turnverbandes abgehalten worden. Bis zum 100-Jahr-Jubiläum hatten bereits drei weitere Eidgenössische in Aarau stattgefunden, und zwar anno 1843, 1857 und 1882. Trafen sich die Turner in den ersten Jahren noch jährlich, fand das Eidgenössische erst alle zwei, später alle drei, ab 1947 alle vier Jahre statt. Seit dem Fest 1972 (auch das fand in Aarau statt) wird es alle sechs Jahre organisiert.

Nun also zurück ins Jahr 1932: Filmaufnahmen mit dem Titel «Turnerstadt Aarau» zeigen, wie die Turner im Schachen unter freiem Himmel über Böcke springen und an Barren und Ringen rotieren, gestreckt bis in die Zehenspitzen und umringt von hunderten Zuschauern:

ZU VERWENDEN MIT KATJAS ARTIKEL – FÜR WIEDERVERWENDUNG ANFRAGEN BEIM STV – Anno 1932: das vorletzte Eidgenössische Turnfest in Aarau in bewegten Bildern

Anno 1932: das vorletzte Eidgenössische Turnfest in Aarau in bewegten Bildern.

Allesamt tragen sie unschuldiges Weiss, die Turner, von den Schläppli bis zu den ärmellosen Leibchen, alles eng anliegend. Besonders eindrücklich: Die Sequenzen, in denen tausende Turner gleichzeitig und in Reih und Glied ihre Arme kreisen lassen, hüpfen und springen, sich wiegen und beugen, umschlussendlich in langen Reihen in entgegengesetzter Richtung zu marschieren – ein perfekt orchestrierter Ameisenhaufen.

Rund 16 000 Turnerinnen und Turner sollen damals zwischen dem 9. bis 19. Juli 1932 in Aarau angetreten sein. Kein Wunder, blieb da beim Umziehen auch das eine oder andere liegen und vergessen; von den tausenden Festbesuchern ganz zu schweigen. Lange sind die Listen fein säuberlich erfasster Gegenstände, präzise wurden Fundort, Art und Wert des Gegenstands sowie die Fundgebühr und die Adresse des Finders verzeichnet.

Ein Zwänzgi im Nastuch

Der erste gelistete Gegenstand: ein kleines Geldtäschchen, Inhalt Fr. 1.40, Fundort Halle III, Wert des Gegenstandes 1.60. Abgeholt wurde es nicht mehr. Es folgen dutzende Schirme, Festkarten, Futterale, Turnschuhe, Handtaschen, Hüte, Mäntel, Handschuhe, Armbanduhren, Broschen und Ketten, Füllfederhalter und Geldbeutel. Manche Gegenstände sind nur ein paar Rappen wert, manche 100 Franken. So, wie der braunlederne Handkoffer, Fundgegenstand Nummer 44, gefunden auf der Tribüne am 9. Juli, mit folgendem Inhalt: 1 Paar schwarz-weisse Damenspangenschuhe, 1 Paar braunseidene Strümpfe, 1 roter Pullover, 1 Hemd, 1 Frottiertuch, 1 Waschtuch, 1 Plüschmütze, 1 Zahnbürste und 2 Taschentücher, wovon eines mit dem Buchstaben «B» bezeichnet.

Erstaunlich ist an den Listen nicht nur, was alles abgegeben wurde; für wie viele scheinbar vernachlässigbare Gegenstände die Mühe auf sich genommen wurde, diese zum Fundbüro zu bringen. Vom Taschentuch mit einem eingewickelten 20-Rappenstück über benutzte Socken bis hin zur erwähnten – und ebenfalls gebrauchten – Zahnbürste. Überraschend ist vor allem auch die Tatsache, dass die allermeisten Gegenstände auch wieder abgeholt wurden.

Natürlich gibt es auch Listen mit Suchenden, die einen Gegenstand verloren hatten: So war der Firma Zweifel an einem der Verkaufsstände ein Gartenschirm rot-weiss abhandengekommen, der Turnverein Burgdorf vermisste einen Bierzipfel und eine auf Schloss Buonas am Zugersee wohnhafte Dame hatte ihren Rotfuchs mit grauem Futter liegenlassen.