Seit einem guten Jahr läuft das Pilotprojekt der Caritas in Suhr. Die Idee hinter «Eine helfende Hand»: Ältere, von Armut und Einsamkeit bedrohte Leute unterstützen, damit sie so lange wie möglich daheim bleiben können. Damit die Hemmschwelle so tief wie möglich liegt, sitzen die Caritas-Mitarbeiterinnen nicht in einem Bürokomplex, sondern in einem knallroten Baustellenwagen mitten im Dorf. Ein schweizweit einzigartiges Pilotprojekt, das so erfolgreich ist, dass nach wenigen Monaten bereits ein weiterer Standort in Zürich eröffnet wurde. Und doch eines, das auch Anlaufschwierigkeiten hatte.

Ida Odermatt schraubt am Regler des Elektroofens. Es ist kühl im kleinen Bauwagen auf dem Kiesplatz hinter dem Restaurant Central, aber nicht unangenehm. Das Wasser in der Kaffeemaschine jedenfalls ist nicht gefroren, heute zumindest nicht. «Allzu bequem soll es hier drin ja nicht sein», sagt Ida Odermatt. Nicht, dass die Caritas-Mitarbeiter gemütlich im Wagen sitzen bleiben. Aber das ist bei Ida Odermatt sowieso kein Problem: «Ich will raus, ich will im Einsatz sein», sagt sie.

Kontakt häufig über die Kinder

Raus kommt sie tatsächlich. Seit Juli ist Ida Odermatt als Koordinationsleiterin im Team Suhr dabei und inzwischen haben sie und ihre drei Kolleginnen genug zu tun. Konkrete Zahlen zu den Klienten möchte Caritas nicht nennen. Aber seit November habe es deutlich angezogen. «Vorweihnachtszeit», sagt Ida Odermatt. Denn häufig seien es die Töchter und Söhne, die für ihre Mutter oder den Vater die Caritas organisieren. «In der Vorweihnachtszeit steigt das Bedürfnis nach Nähe und Zuwendung, gleichzeitig haben die Kinder und Verwandten die Zeit dafür nicht und brauchen Entlastung. Und das ist ja genau unser Ziel, Familien zu entlasten.»

Doch die Vorweihnachtszeit erklärt nicht alles. Es sei auch der Standort, den die Caritas im September gewechselt hat. Denn bis dahin stand der Wagen im Quartier Feld, und damit mitten im Wohnquartier. Das ist zwar nah an den Leuten, aber eben zu nah. Ungesehen anklopfen ging nicht. «Das ist die grösste Schwierigkeit für uns», sagt Ida Odermatt. «Denn der Nachbar darf auf keinen Fall sehen, dass man Hilfe braucht.» Eine Haltung, die insbesondere die Generation im Alter zwischen 80 und 90 Jahren präge. «Ihr Drang nach Selbstständigkeit und Unabhängigkeit ist unglaublich stark. Diese Lebensqualität zu unterstützen, das ist unsere Aufgabe.»

In einem Punkt bleibt sie stur

Die Caritas reagiert nicht nur auf Anfragen, sondern auch proaktiv. Zwar putzt sie keine Klinken, doch spricht sie mit Hauswarten und beobachtet, wo Hilfe nötig sein könnte. Aber nie zu aufdringlich, wie Ida Odermatt sagt. «Man kann niemanden zwingen, Hilfe anzunehmen.» Respekt und Vertrauen sei für ihre Arbeit unabdingbar. Um allen Klienten und ihren Eigenheiten gerecht zu werden, achtet Ida Odermatt ganz genau darauf, wer wen besucht. «Der Klient mit seinen Wünschen steht an allererster Stelle. Wir müssen darauf eingehen, wer von uns Betreuerinnen am besten für diesen Klienten geeignet ist.»

Denn der Respekt gegenüber der Person sei das Allerwichtigste, das Eingehen auf ihre ganz persönlichen Wünsche. Und die sind vielfältig: Die einen möchten über die Vergangenheit reden, andere möchten die Blumentöpfe im Garten neu bepflanzen, wieder andere möchten zum Arzt begleitet werden oder können nicht mehr allein die Bettwäsche wechseln. Das Zweitwichtigste in der Betreuung: Mobilisierung, die Klienten sollen raus an die frische Luft. «Die Einwände, weshalb das jetzt gerade nicht möglich sei, werden äussert kreativ formuliert», sagt Ida Odermatt und lacht. Das sei der einzige Punkt, in dem sie stur bleibe. Die Anlaufschwierigkeiten sind nun also überwunden. Die Zusammenarbeit mit der Gemeindefachstelle Netzwerk 50+ und der Spitex laufe gut, und dank des neuen Standorts komme es auch öfters vor, dass jemand an die Bauwagentür klopfe.

Inzwischen stammen die Klienten längst nicht mehr nur alle aus Suhr, das Angebot hat sich herumgesprochen. «Ursprünglich wäre das Angebot auf Suhr beschränkt gewesen», sagt Ida Odermatt, «aber wenn jemand Hilfe braucht, dann kommen wir – egal ob er in Suhr wohnt oder in einer Nachbargemeinde.» Deshalb ist sie auch guter Dinge, dass das Projekt nach der zweijährigen Probezeit weitergeführt wird. Der Entscheid darüber wird im Sommer gefällt.