Die Bohnen stecken im Boden, ebenso wie Kartoffeln, Zwiebeln und Knoblauch, Erbsen und Salat. Das braucht Wasser. Die dreijährige Sofia schleppt eine Giesskanne quer durchs Beet. Saverio Pesce derweil harkt geduldig in der Erde. «Ein Garten hat Tradition, das gehört dazu», sagt der 66-jährige Italiener, der seit Jahren mitten in Suhr wohnt. Lange schon steht er auf einer Warteliste für einen Schrebergarten, vergeblich. Seit Anfang März aber ist Pesce glücklich: Endlich hat er einen Pflanzblätz, den er bestellen kann. Mitten im Dorf, direkt an der Tramstrasse, gemeinsam mit vier weiteren Parteien. Der Gemeinschaftsgarten ist eines der beiden ersten Projekte der Quartierentwicklung, die Projektleiterin Annemarie Humm seit dem Start des Pilotprojektes im Oktober letzten Jahres lanciert hat.

Quartierentwicklung. Was schön tönt, war doch bis anhin wenig greifbar. Etwas, was auch die Suhrer an den Infoforen umtrieb, schliesslich lässt sich die Gemeinde das vierjährige Pilotprojekt 750 000 Franken kosten. Mehr als einmal tauchte die Frage auf, was denn ein Quartierentwickler konkret tue. Um das zu beantworten hat sich die Gemeinde Unterstützung beim Institut Sozialplanung und Stadtentwicklung der Fachhochschule Nordwestschweiz geholt, die das Projekt begleitet. Und jetzt nehmen die ersten Projekte Form an. Im Gemeinschaftsgarten wird seit Anfang März gearbeitet, das Gesuch für das zweite Projekt liegt seit letzter Woche auf: die Zwischennutzung des brachliegenden katholischen Pfarrhauses am Sonnmattweg 4 als sogenanntes Nachbarschaftshaus.

Keine Grenzen gesetzt

Annemarie Humm steht auf der Terrasse des Pfarrhauses, mit Blick auf den weitläufigen Garten. Hier hat sie Anfang Februar gemeinsam mit Praktikantin Enesa Puric ihr Büro eingerichtet. Mit Platz zum Vergeuden: Das Haus hat acht Zimmer, teilweise mit Lavabo, verteilt auf drei Stockwerke. Diese Zimmer sollen nun mit Leben gefüllt werden, als Zwischennutzung, vorläufig für ein Jahr. Denn die Tage dieses Hauses sind gezählt; das Projekt für ein Mehrfamilienhaus mit acht Wohnungen besteht bereits. Bei einem Gespräch erfuhr zufällig Humm davon, dass das Haus leersteht und fragte bei der katholischen Kirche um eine Zwischennutzung an. Sie stiess auf offene Ohren – «ein absoluter Glücksfall.»

Jetzt sucht Humm Mieter, die im neuen Nachbarschaftshaus eine Idee umsetzen möchten. Der Bandbreite sind keine Grenzen gesetzt; vom Kindercoiffeur bis zur Massagepraxis, von der Schreibstube bis zum Kleidertausch-Event oder dem Federballturnier im Garten, hier soll alles Platz haben. Bereits fest eingeplant ist ein Kindersingen jeden Montagnachmittag, ebenso ein Repair-Café im September. Auch wird jede Woche ein Freitagabend-Treff stattfinden, eröffnet wird das Haus am 19. Mai. «Wir möchten hier im Haus testen, wie sich die Suhrer einen solchen Freiraum aneignen, ob sie ihn nutzen, ob sich eine Dynamik entwickelt, wie sie sich engagieren», sagt Humm.

Gegen die Vereinsamung

Mitmachen – diese Devise gilt auf für den Gemeinschaftsgarten. Jeder Suhrer darf auf dem gemeindeeigenen Stück Land pflanzen, jäten und schaufeln können. Es gibt Beete, die gemeinsam bewirtschaftet werden, und solche, auf denen die einzelnen Gemeinschaftsgärtner selber fuhrwerken können. Je nach Gusto, wild durcheinander, oder, wie in den Beeten von Saverio Pesce, klar strukturiert: «Ich habe einen Plan gezeichnet», sagt er und lacht.

Er mag es, gemeinsam mit anderen Nachbarn, bis vor kurzem Wildfremden, zusammen im Garten zu arbeiten. «Man lernt neue Leute kennen, das ist sehr interessant», sagt er. Die Argentinierin Ligia Callone pflichtet ihm bei: «Früher sass jeder in seinem eigenen Gärtchen. Jetzt arbeiten hier alle zusammen, mit spricht miteinander, man lernt einander kennen.» Das tue allen gut.

Solche Räume seien wichtig für ein Dorf, für das Gemeindeleben, sagt Annemarie Humm. «Gemeinsame Projekte fördern die Lebensqualität und den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Das ist das beste Mittel gegen Anonymität und Vereinsamung.» Solche Projekte soll es deshalb in den verbleibenden dreieinhalb Jahren der Projektphase noch einige geben: «Wir initiieren so viel wie möglich und schauen, was es braucht und was machbar ist», sagt Humm. Die Projektphase sei im Grunde genommen ein vierjähriges Wunschkonzert – im positiven Sinn: «Wer eine Idee hat, soll damit zu uns kommen, und wir probieren gemeinsam, es möglich zu machen.»