Aarau
Mit dem Tram über die Staffelegg um 1900: «Es war eine Fricktaler Idee»

Im Jahr 1900 war eine elektrische Strassenbahn von Frick nach Aarau geplant. Das nie realisierte Tram sollte fricktaler Arbeiter möglichst schnell in die Industriebetriebe fahren. Der ehemalige Stadtarchivar hat interessante Pläne gefunden.

Andreas Fahrländer
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Undatierte und stark überhöhte Zeichnung des Tramtrassees mit dem Scheiteltunnel und den Haltestellen Asp und Küttigen.

Undatierte und stark überhöhte Zeichnung des Tramtrassees mit dem Scheiteltunnel und den Haltestellen Asp und Küttigen.

Stadtarchiv Aarau

Martin Pestalozzi, ehemaliger Stadtarchivar von Aarau, beschreibt das Projekt in den Aarauer Neujahrsblättern 2014. «Ich wusste schon lange, dass es dieses Projekt gab, aber hatte nichts Konkretes in der Hand. Vor meiner Pensionierung letztes Jahr habe ich gezielt danach gesucht und in den Beilagen der Stadtratsakten die Pläne gefunden», erklärt Pestalozzi.

Staffeleggstrasse war Anschluss fürs Fricktal

Das Fricktal, das als ehemals vorderösterreichisches Gebiet 1803 zum neu geschaffenen Kanton Aargau stiess, war von Aarau aus bis dahin nur per Postkutsche oder zu Fuss erreichbar. Der Bau der Staffeleggstrasse war 1804 das erste grössere Bauprojekt des jungen Aargaus. Es war identitätsstiftend und band das Fricktal stärker an den Kanton.

Tram von Frick nach Aarau

Mit dem Aufkommen grösserer Industriebetriebe und der Einführung der Elektrizität wurden im Aargau bald Pläne für elektrifizierte Bahnen ausgearbeitet. Wie das Wynental und das Suhrental sollte auch das Fricktal eine eigene Bahnverbindung in die Kantonshauptstadt erhalten. 1896 erhielt der Aarauer Stadtammann Max Schmidt Post aus Rheinfelden. Emil Frey, alt National- und Regierungsrat und Direktor des Rheinfelder Wasserkraftwerkes, warb für eine Staffeleggbahn von Frick nach Aarau.

Er stiess bei Schmidt auf offene Ohren. 1897 nahm der Stadtammann gemeinsam mit Vizestadtammann Stierli – der notabene zugleich Redaktor des «Aargauer Tagblatts» war – an einer Gründungsversammlung für eine Bahngesellschaft im Gasthof Löwen in Herznach teil. Schon damals wurde diskutiert, ob die Kettenbrücke tramtauglich sei oder ob eine weitere Brücke über die Aare gebaut werden müsste.

Bahn mit 20 bis 30 Triebwagen

Die Strecke sollte von Frick das Staffeleggtal hoch über die Passhöhe führen und via Küttigen über die Kettenbrücke, dann in Aarau den Zollrain hoch in die Rathausgasse und durchs Obertor bis zum Aargauerplatz. Zwischenstationen waren nur in Herznach, Asp und Küttigen geplant. «Für das Tram waren einzelne zweiachsige Triebwagen für 20 bis 30 Personen vorgesehen, eventuell mit einem Anhänger, der jeweils vor der Kettenbrücke abgehängt worden wäre», weiss Martin Pestalozzi. «Stadtammann Schmidt war sehr progressiv.

Er hat in Aarau das neue Elektrizitätswerk initiiert und machte sich für die Verbreitung der Elektrizität stark», erklärt er. «Stierli war als Journalist der Propagandist des Projekts. Ein weiterer Verfechter der Bahn war Hermann Kummler-Sauerländer, der in seiner Fabrik elektrische Leitungen produzierte.»

Scheiteltunnen zwischen Asp und Küttigen

Ein Mangel waren unter anderem die fehlenden Haltestellen in Ueken und Densbüren – offenbar versprachen die Bauerndörfer zu wenig Profit für die Bahn. Vor allem Arbeiter sollten damit rasch in den Industriestandort Aarau kommen. Etwa 30 Minuten hätte die Fahrt von Frick aus gedauert. Zwischen Asp und Küttigen war ein 2,3 Kilometer langer Scheiteltunnel geplant.

Erster Weltkrieg lässt Projekt verschwinden

Realisiert wurde das Vorhaben nie. «Schmidts Nachfolger war weniger technikbegeistert. Der Erste Weltkrieg hat das Projekt in den Himmel befördert. Nach dem Krieg war noch einmal davon die Rede, doch die Pläne verschwanden bald für immer in den Akten», sagt Pestalozzi. «Bemerkenswert ist, dass die Initiative zur Bahn nicht aus Aarau kam. Es war ganz klar eine Fricktaler Idee.» Der Gedanke an eine elektrische Bahn über die Aargauer Jurahöhen ist reizvoll.

Vorerst wird aber weiterhin das Postauto das Fricktal mit Aarau verbinden. Es braucht über die Passhöhe 39 Minuten und bedient immerhin 23 Haltestellen. Ab 2015 plant die Postauto Schweiz AG den Einsatz von Gelenkbussen auf der Staffeleggstrasse, da die konventionellen Fahrzeuge zu Spitzenzeiten für das stetig wachsende Fahrgastaufkommen nicht mehr ausreichen.