Aarau

Mit dem Taxi fand «Wally» ihr Glück

Auf Einkaufstour mit einer 85-jährigen ehemaligen Taxifahrerin

Auf Einkaufstour mit einer 85-jährigen ehemaligen Taxifahrerin

Wally Konrad heiratete den falschen Mann und verpasste ihre grosse Liebe, weil sie kein Englisch sprach. Dafür fand sie als Taxifahrerin in Aarau ihr Glück.

Mit grossen Stiefeln an den Füssen stand sie 1943 an der Schweizer Grenze. Hinter sich der Krieg, vor sich eine ungewisse Zukunft. Das Mädchen Wally Konrad wusste damals noch nicht, dass sie den falschen Mann heiraten würde. Auch ahnte sie nicht, dass sie eine stadtbekannte Aarauer Taxifahrerin wird.

Aufgewachsen ist Wally Konrad im deutschen Worms - als Tochter eines Schweizers und einer Deutschen. Heute wohnt sie in der Telli-Überbauung. Wally Konrad ist mittlerweile 85 Jahre alt und trägt ihre Fingernägel pink. An den Wänden in ihrer 2 ½-Zimmer-Wohnung hängen viele Papst-Bilder. Sie ist katholisch. Nichtsdestotrotz thront auf einer Ablage neben einem Engel auch ein goldener Buddha. Staub gibt es hier keinen. Dafür ein grosses Bett, auf dem ein riesiges rotes Plüschherz liegt. Ganz alleine wohnt sie hier.

«Ein Scheusal geheiratet»

Mit der Liebe hatte Wally Konrad wenig Glück: «Ich habe ein Scheusal geheiratet», sagt sie. Ihr Vater habe ihr von der Heirat abgeraten. «Aber wissen Sie, er sah hübsch aus und er machte Musik.» Sie liess sich blenden. Musste viel Schlimmes erleben. Wally Konrad erzählt von Gewalt in der Ehe, von vielen grossen und kleinen Gemeinheiten. Warum hat sie ihren Ehemann nicht angezeigt? «Der Kinder wegen», sagt sie und wird dabei laut.

Man merkt ihr die damalige Verzweiflung noch heute an. 32 Jahren war sie mit ihrem Ehemann zusammen. Mit 53 liess sie sich scheiden, zog in eine Einzimmer-Wohnung in Schönenwerd und blühte auf. Wally Konrad holte die Autoprüfung nach und wurde Taxifahrerin «Dieser Beruf ist mir auf den Leib geschrieben», sagt sie. Mit einem Mercedes fuhr sie die Menschen während 25 Jahren dorthin, wo sie es wünschten. «Und zwar immer diskret und pünktlich», betont die 85-Jährige. Vor zehn Jahren war Schluss mit Taxi fahren. Seither lebt sie von einer bescheidenen AHV-Rente.

Wally Konrad auf einem alten Foto in einer der glücklichsten Zeiten ihres Lebens: Als Taxifahrerin am alten Bahnhof in Aarau

Wally Konrad auf einem alten Foto in einer der glücklichsten Zeiten ihres Lebens: Als Taxifahrerin am alten Bahnhof in Aarau

Auto fährt sie aber auch heute noch, und zwar zügig. «Ich drück das Gaspedal schon, wenn ich kann», sagt sie und dreht die Schlagermusik auf. Die Dame spricht, wie ihr der Schnabel gewachsen ist. Sie sagt schon mal Dinge, wie: «Das Leben ist manchmal verschissen». Es macht sie liebenswert - obwohl, Streit haben, das möchte man nicht mit Wally Konrad. Denn schimpfen kann sie! Mit erhobenem Zeigefinger wettert sie gegen jeden, der nicht genug Abstand hält zu ihrem kleinen Opel. «Wer kein Abstand hält, ist ein Aufschneider», lautet ihre Devise. Ihr Traum wäre ein «Amischlitten» gewesen. Den Luxus konnte sie sich aber nicht gönnen. Dafür gönnt sie sich statt Brot Wegglis. «Das gibt am wenigsten Abfall». Denn Brotkruste isst Wally Konrad nicht. «Dafür war ich schon immer zu faul», sagt sie. Sie schlemmt auch gerne Schwedentörtli. Und nach Schweden, dahin wäre sie furchtbar gerne einmal gereist. Es kam nicht dazu.

Es kam auch nicht zur Liebesgeschichte mit dem Mann ihrer Träume. Auch wenn sie noch heute an diesen Mann denkt, den sie vor ihrer unglücklichen Ehe getroffen hat.

Ein schöner Amerikaner

Nach ihrer Flucht aus Deutschland war Konrad Dienstmädchen an verschiedenen Orten in der Schweiz. Einmal begleitete sie eine Familie in die Ferien nach Adelboden. Und dort traf sie ihn in einem Café: Franky Bones - einen amerikanischen Piloten. Bones musste zusammen mit seiner Truppe in der Schweiz notlanden und war darum im Berner Oberland. «Er war so ein schöner Mann. Und Manieren hatten diese Amerikaner - «unglaublich!», schwärmt sie.

Dummerweise sprach Wally Konrad kein Wort Englisch. Doch was kümmert das die Liebe? «Die Serviergomsle redete Englisch und sagte mir, dass Franky mich am liebsten nach Amerika mitnehmen würde.» Selig sei sie gewesen neben Franky Bones im Kaffee zu sitzen - vor allem, wenn er ihre Hand hielt.

Abschied für immer

Dann kam der Tag der Abreise. «Ich wäre so gerne einfach für immer neben ihm sitzen geblieben», erzählt Wally Konrad. Bones schenkte ihr zum Abschied einen Ring mit einem blauen Stein. «Er schrieb mir dreiseitige Briefe. «Und ich verstand kein Wort davon.» Irgendwann gab er es auf. Lange Zeit später las ich von einer Zusammenkunft amerikanischer Piloten in Frankreich. Wally Konrad wollte hinfahren - hoffte Bones dort wieder zu sehen. Aber ihr fehlte das Geld für die Reise. Sie sah den schönen Amerikaner niemals wieder.

Diesen November feierte Wally Konrad ihren 85. Geburtstag. Der Aarauer Stadtweibel Anton Aeschbach kündigte in einem Brief seinen Besuch und einen obligaten Blumenstrauss an.
Die 85-Jährige rief ihn unverzüglich an und sagte ihm: Einen Blumenstrauss kann ich nicht essen, den will ich nicht. Der Weibel brachte dann drei Flaschen Wein und Wally Konrad konnte ihn sogar zu einem halben Gläschen überreden, wie sie stolz erzählt.

Fürs neue Jahr wünscht sie sich vor allem Gesundheit. Die 85-Jährige ist zuckerkrank und hat darum Probleme mit den Beinen. Schlimmer ist für sie aber der graue Star, der das Sehen jederzeit verschlechtern könnte. Das wäre dann das Ende ihrer Autokarriere. «Hoffentlich nicht!», sagt sie. Ein paar Jährchen möchte sie schon noch Auto fahren.

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