In Aarau ist am 1. Mai so etwas wie ein neues Zeitalter angebrochen. Mit dem Entscheid der Stadion-Bauherren, kein neues Einkaufszentrum zu bauen, geht ein Jahrzehnt zu Ende, in dem vieles auf das Torfeld ausgerichtet war. Besonders im Detailhandel. Der traditionelle Einkaufsschwerpunkt Igelweid/Altstadt ist nun von einem Tag auf den anderen nicht mehr infrage gestellt. Die Gefahr der Abwanderungen von Fachmärkten ist vom Tisch. Und auch die Kinos bleiben in der Stadt. Beim Stadion wird es kein Multiplex-Kino mehr geben.

Wohntürme statt Einkaufszentrum: Plan B fürs neue FC-Aarau-Stadion

Wohntürme statt Einkaufszentrum: Plan B fürs neue FC-Aarau-Stadion

Das Aarauer Projekt sieht ein Einkaufszentrum und Kino vor. Weil das zu teuer ist, plant die Stadt nun Wohnungen. Es droht eine weitere Abstimmung.

Chance für andere Projekte?

Wird es nach dem Wegfall des Einkaufszentrums Torfeld an anderen Orten einfacher, Interessenten für Verkaufsflächen zu finden? Etwa im Aeschbachareal oder beim Projekt Hintere Bahnhofstrasse (WSB-Bahnhof). Allzu grosser Optimismus erscheint nicht angebracht. Aarau gilt schon heute als eher «overshopped». Thomas Hochreutener erklärte Radio SRF: «Seit Jahren sagen wir, wir haben eigentlich genügend Shoppingcenter, wir haben in der Schweiz bereits 197.» Wie die az am 15.4. berichtete, ist die Mantel-Nutzung der «Tissot Arena» in Biel kommerziell kein Erfolg.

Viele Ähnlichkeiten zu Hardturm

Ein neues Zeitalter ist aber auch angebrochen, weil Aarau erstmals seit fünfzig Jahren mit einem grösseren Hochhaus-Projekt konfrontiert ist. In den sechziger Jahren ging es um die drei geplanten Bürohochhäuser in der Telli, von denen schliesslich nur eines realisiert wurde. Jetzt plant die HRS auf den vergleichsweise kleinen Baufeldern 6 und 7 drei Türme mit je 150 Wohnungen. Also insgesamt 450 Wohnungen (plus je einen Gewerbeanteil von mindestens zehn Prozent).

Stadtrat Lukas Pfisterer über die neuen Stadionpläne

Stadtrat Lukas Pfisterer über die neuen Stadionpläne

 

In der neuen Form gleicht das Aarauer Stadionprojekt extrem dem Hardturm-Projekt in Zürich. Auch dort will die HRS die Querfinanzierung der Schüssel (in Zürich 18 500 Zuschauer, in Aarau 10 000) mittels Hochhäusern sicherstellen. Das Projekt sieht den Bau von zwei Towern vor – mit 137 Metern die höchsten in Zürich. In den Hochhäusern sollen 600 Wohnungen entstehen. Das Hardturm-Projekt («Ensemble») ist im letzten Sommer vorgestellt worden. Bis zum ersten Spatenstich dürfte noch einige Zeit vergehen. In Zürich sind die Initianten zeitlich weniger ambitioniert als in Aarau, wo der Baubeginn im besten Fall schon im August 2019 erfolgen soll.

Jetzt die Hochhaus-Diskussion

Die höchsten Wohngebäude in Aarau stehen in den Goldern (17 Etagen, rund 50 Meter). Das höchste Bürohochhaus ist in der Telli (80 Meter). Der letztes Jahr vollendete GastroSocial-Turm ist 50 Meter hoch, das AEW-Hochhaus 43 Meter.

Mit ihren 75 Meter kommen die Torfeld Türme fast an die Höhe eines Hochhauses heran, das viele Aargauer von der Eisenbahn-Fahrt nach Zürich kennen: der «Limmat Tower» in Dietikon. Ende 2015 sind die ersten Bewohner in das 80 Meter hohe Gebäude eingezogen. Alle 98 Eigentumswohnungen sind verkauft.

Ob die Nachfrage in Aarau auch so gross wäre, ist offen. Fest steht: Die HRS ist optimistisch, Investoren für die drei Hochhäuser zu finden – was mit dem Anlage-Notstand der Pensionskassen (Negativzinsen) zusammenhängt.

Doch vorerst wird es nun im Rahmen der Revision der Bau- und Nutzungsordnung eine Diskussion geben, ob man in der Stadt derart hohe Wohngebäude haben will. Ein neues Thema – es ist wirklich ein neues Zeitalter angebrochen.