Aarau
Mit dem Blindenstock am Bahnhof Aarau zielsicher zum Bus 136 nach Frick

In der Nacht auf Mittwoch sind am Bahnhof Aarau die letzten Markierungen für sehbehinderte Menschen aufgetragen worden. Sie sind gut, bilanziert Martin Münch vom Schweizerischen Blindenbund an der gestrigen Begehung.

Hubert Keller
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Organisierte Blindenbegehung am Bahnhof Aarau
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Instruktion vor Ort: An jeder Haltestelle kann mit Knopfdruck eine Stimme abgerufen werden, die den nächsten Bus ansagt.
Eine blinde Person tastet sich mit dem Führerstock an den weissen Markierungen am Bahnhof Aarau entlang.
Cécile Streuli und ihr Führhund Camiro kennen den Bahnhof mittlerweile gut. Den Bus erreichen sie entlang der weissen Markierungen.

Organisierte Blindenbegehung am Bahnhof Aarau

Chris Iseli

«Wer ist da? Ah, die Erika!» Die beiden Frauen begrüssen sich herzlich. «Sobald ich die Stimme höre, erkenne ich die Person», sagt Cécile Streuli.

Die 78-jährige Frau aus Trimbach, die mit dem Zug nach Aarau gekommen ist, ist blind. Mit 40 hatte sie die erste Augenoperation. Nur hell und dunkel kann sie knapp noch unterscheiden.

Sie vertraut ihrem Führhund Camiro, mit dem das Temperament durchgeht, als er Cody, ebenfalls ein Blindenführhund, erkennt. «Beides Buben, vom gleichen Wurf», erklärt Cécile Streuli.

Im Bahnhof Aarau kann sich die erblindete Frau nicht nur auf ihren Hund verlassen, sie braucht den Führstock, mit dem sie entlang der weissen Markierungen wedelt.

Nun steht sie mit einem Dutzend weiteren sehbehinderten Menschen in der Bahnhofshalle. Martin Münch, Mitarbeiter der Aarauer Beratungsstelle des Schweizerischen Blindenbundes, erklärt, wie sich sehbehinderte und blinde Menschen im Bahnhof und auf dem Bahnhofsplatz zurechtfinden.

«Vergangene Nacht sind die letzten Markierungen aufgetragen worden», verkündet Münch wie einen Sieg. Darauf angesprochen, stellt er dem Bahnhof aber ein gutes Zeugnis aus: «Die Markierungen und Hilfen sind gut. Am liebsten ist uns zwar, wenn eine Stadt ohne solche lesbar ist, doch hier am Bahnhof ist das nicht möglich.»

Er geht der Gruppe, die sich entlang der weissen Leitlinie hinaus auf den Bahnhofplatz bewegt, voraus. Bis zu jenem Absatz, über den Sehende im Dutzend gestolpert sind. Entlang dieser Kante, die der Entwässerung dient, sind längst auch weisse Linien angebracht worden. Sie dienen allerdings nur als visuelles Signal, damit die Menschen, deren Augen noch intakt sind, daran denken, die Füsse zu heben.

Die Blinden ertasten ein Feld, das anzeigt, dass es links zum Perron geht. Der Bus 135 Laufenburg Bahnhof wartet. Vor der geöffneten Tür ist ein sogenanntes Aufmerksamkeitsfeld angebracht.

«Die Buschauffeure sind instruiert, sie wissen, worauf sie achten müssen. Wenn ein Busfahrer einen sehbehinderten Menschen an seinem Stock oder dem Führhund erkennt, wird er anhalten und ihn ansprechen», sagt Münch.

An jeder Haltestelle kann mit Knopfdruck eine Stimme zum Reden gebracht werden: «Bus 136 in 2 Minuten nach Frick.»

Der Hund versteht Italienisch

Die Trimbacherin Cécile Streuli ist häufig in Aarau. «Nein», sagt sie, «unruhig ist der Bahnhof Aarau nicht. Ich kann die Geräusche und Stimmen gut filtrieren. Der Bahnhof Zürich ist viel schlimmer.»

Letzthin, als sie bei der Beratungsstelle an der Konradstrasse hinter dem Bahnhof war, fand sie sich nicht mehr zurecht. Wegen der Baustelle für das Veloparking wurde sie anders als üblich geführt. «Doch als ich so dastand und überlegte, kam ein Herr auf mich zu und zeigte mir den Weg zum Coop. Von da wusste ich wieder wie weiter.»

Der Blindenhund führt auf Ansprache und Befehl. Die weissen Markierungen bedeuten ihm nichts. «Wenn ich Camiro kein Kommando geben kann, ist auch er verloren», sagt Streuli. Und dann fügt sie noch an, dass sie mit dem Camiro Italienisch rede: «Das Italienische hat mehr Vokale.»

Cécile Streuli ist rüstig, das Alter sieht man ihr nicht an. «Ich bin ein Wandervogel.» Am vergangenen Wochenende sei sie mit Freunden im Baselbiet unterwegs gewesen. Die Natur erlebt sie durch Gerüche und Geräusche, Vogelpfeifen und den Geruch blühender Bäume oder frisch gemähten Grases.

Beim Einkauf ist sie auf Hilfe angewiesen. Schriftliches kann sie auch nicht selber erledigen. Trotzdem lebt Cécile Streuli allein, sie kocht, putzt, wäscht, bügelt – und sorgt für sich und ihren treuen Camiro.

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