Wie viel zu schnell Wojciech (Name geändert) an jenem Freitagabend im Oktober 2014 wirklich auf dem Staffelegg-Zubringer zu Tale bretterte, weiss niemand. Er selber womöglich auch nicht. Aber als im Horentaltunnel eine Kamera seinen Opel Vectra erfasste, betrug das Tempo satte 154,2 km/h. Dies bei einer erlaubten Höchstgeschwindigkeit von 80 km/h. Die Videosequenz zeigt aber offenbar auch, dass der Lenker dauernd bremste. Der damals 35-jährige Pole muss demnach vorher noch schneller unterwegs gewesen sein.

Beim Kreisel am Südportal war die Höllenfahrt zu Ende: Der Opel raste geradeaus über die zur Mitte hin leicht ansteigende Insel, hob ab und kollidierte mehrmals heftig mit der linken und der rechten Betonbrückenmauer. Nachdem eine Drittperson dem Leichtverletzten auf der Brücke aus dem Wrack geholfen hatte, rannte Wojciech unter Zurücklassung eines Schuhs in Richtung Telli davon.

Die Polizei schnappte den Flüchtigen innert Kürze. Der Blutalkoholtest ergab einen Wert von 2,16 Promille. Bei der ersten Einvernahme sagte Wojciech, er sei nicht selber gefahren. Schliesslich sei er in seinem Zustand gar nicht in der Lage dazu gewesen. Die Videoaufzeichnung aus dem Horentaltunnel zeigt freilich, dass der Lenker allein im Auto war. Dass Wojciech, sturzbetrunken, wie er war, von Frick bis zur Endstation an der Bibersteinerstrasse fahren konnte, sei in der Tat erstaunlich, meinte gestern vor dem Aarauer Bezirksgericht Pflichtverteidiger Heinz Fehlmann.

Keine Erinnerung

Bei der Schlusseinvernahme und in der gestrigen Hauptverhandlung erklärte Wojciech nur noch, sich nicht mehr an die Fahrt erinnern zu können. Die Staatsanwaltschaft wollte den seit etwas mehr als drei Jahren im Fricktal wohnhaften Bauarbeiter für zweieinhalb Jahre hinter Schloss und Riegel stecken. «Hätten sich andere Verkehrsteilnehmer im Kreisel befunden», so Staatsanwalt Marco Spring, «hätten sie kaum eine Chance gehabt.»

Zur Last legte Spring dem Beschuldigten die grobe Verletzung der Verkehrsregeln, das Nichtbeherrschen des Fahrzeugs, das Führen eines Motorfahrzeugs in angetrunkenem Zustand, die versuchte Vereitelung der Blutprobe, das pflichtwidrige Verhalten nach dem Unfall und das Führen eines Motorfahrzeugs, obschon ihm der Führerausweis aberkannt war. Dies, weil rund ein Jahr zuvor zuvor mit 2,6 Promille am Steuer erwischt worden war.

Alkoholproblem unbestritten

«Haben Sie ein Problem mit Alkohol», wollte Gerichtspräsidentin Bettina Keller-Alder wissen. Mit einem treuherzigen Lächeln antwortete Wojciech: «Ich habe den Eindruck, dass das so ist.» Auf Nachfrage der Gerichtspräsidentin bestätigte er die Bereitschaft, sich einer Therapie zu unterziehen, wenn das Gericht eine solche anordnen sollte.

Der Sachverhalt war unbestritten. Und was den Bier- und Wodka-Exzess an jenem Abend ausgelöst hatte, brachten Wojciech und ein weiterer als Zeuge geladener Pole übereinstimmend zum Ausdruck. Nachdem Wojciechs Ehefrau diesen verlassen hatte, suchte er nach ihr und sprach dabei dem Alkohol tüchtig zu. In einem Hotel im Fricktal, sagte der Zeuge, habe Wojciech «Ärger gemacht», worauf er vom Hauswart hinausgewiesen worden sei. Vom Zeugen nach Hause gefahren, trank Wojciech dort weiter. Dann setzte er sich ins Auto und fuhr über die Staffelegg, um die Suche fortzusetzen.

In einem Punkt waren sich Staatsanwalt und Verteidiger einig: Dass Wojciech die Ehefrau und Mutter des gemeinsamen Kindes suchte, sei verständlich. Die Raserfahrt lasse sich damit aber nicht rechtfertigen, sagte der Staatsanwalt. «Bei Raserdelikten», so Spring weiter, «handelt der Täter nach neuster Bundesgerichtspraxis immer vorsätzlich.» Einen Beurteilungsspielraum gebe es aus Sicht der Staatsanwaltschaft keinen.

Mit seinem Urteil folgte das fünfköpfige Gesamtgericht im Wesentlichen aber dem amtlichen Verteidiger. Es sprach Wojciech schuldig und verurteilte ihn unter anderem zu einer Freiheitsstrafe von 24 Monaten, aufgeschoben zugunsten einer Therapie. Das Gericht attestierte dem Polen angesichts der Trunkenheit am Abend der Tat eine verminderte Schuldfähigkeit.

Nebenbei: Ein Jahr später kam es an der gleichen Stelle zu einem fast identischen Unfall. Der alkoholisierte Lenker und sein Beifahrer wurden dabei schwer verletzt – weit schwerer als Wojciech.