Ein 46-jähriger Österreicher mit Wurzeln im Balkan nutzte das Prachtswetter an Ostern, um mit seinem Töff über die Staffelegg Richtung Schwarzwald zu fahren. Auf der Rampe zur Passhöhe hinauf wechselte er auf die dort zur Verfügung stehende zweite Spur, um ein mit rund 70 km/h bergwärts fahrendes Auto zu überholen.

Kein Problem für seine Maschine, eine BMW S 1000 RR. Wohl aber eines für deren Lenker: Das Überholmanöver dauerte nur etwa acht Sekunden, die durchschnittliche Geschwindigkeit lag bei etwa 126 km/h, doch das Lasermessgerät der Kapo ermittelte eine kurzzeitige Spitzengeschwindigkeit von 144 km/h. Nach Abzug der Toleranzmarge von 4 km/h ergibt das einen Wert von 140 km/h. Erlaubt sind auf dem betreffenden Abschnitt 80 km/h. Die Voraussetzungen für den Rasertatbestand (mindestens 60 km/h mehr als die zulässigen 80 km/h) waren damit exakt erfüllt.

Im Zeitraffer: eine Fahrt über die Staffeleggstrasse in doppelter Geschwindigkeit

Im Zeitraffer: eine Fahrt über die Staffeleggstrasse in doppelter Geschwindigkeit

  

Seinen Führerschein hat der Österreicher seither nicht mehr gesehen. Gestern stand er in Aarau vor Gericht. Der Vorhalt der Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau: qualifizierte grobe Verletzung der Verkehrsregeln. Der Beschuldigte, heisst es in der Anklageschrift, sei durch vorsätzliche, sprich mit Wissen und Willen, begangene Verletzung elementarer Verkehrsregeln das hohe Risiko eines Unfalls mit Schwerverletzten oder Todesopfern eingegangen, indem er die zulässige Höchstgeschwindigkeit besonders krass missachtet habe. Dafür beantragte die Staatsanwaltschaft eine bedingte Freiheitsstrafe von 12 Monaten bei einer Probezeit von drei Jahren und eine Busse von 3000 Franken.

Beschuldigter verneint Vorsatz: «Es ist einfach passiert»

Auf die Frage von Gerichtspräsidentin Bettina Keller-Alder, weshalb er so schnell gefahren sei, antwortete der Beschuldigte, es sei bergauf gegangen, da habe er ein bisschen mehr aufs Gaspedal gedrückt, aber er habe nicht so schnell überholen wollen. Er habe auch nicht das Gefühl gehabt, dass er so schnell unterwegs sei. Und auf den Tacho geschaut habe er nicht. «Es ist einfach passiert.»

Sein Verteidiger wollte, da der erforderliche Vorsatz gefehlt habe, nur eine grobe (nicht eine qualifizierte grobe) Verletzung der Verkehrsregeln gelten lassen und beantragte eine bedingte Geldstrafe von 180 Tagessätzen sowie eine Busse von 1500 Franken. Er berief sich dabei auf eine 2016 erfolgte Änderung der bundesgerichtlichen Praxis zum Rasertatbestand, die dem Richter einen beschränkten Beurteilungsspielraum gewährt. Das Bundesgericht erkannte damals, dass bei Tempoexzessen im Raserbereich weiterhin grundsätzlich Vorsatz anzunehmen sei. Es könne im Einzelfall aber nicht ausgeschlossen werden, dass kein Vorsatz und damit auch kein Raserdelikt vorliege.

Die Einzelrichterin sah im Fall des Österreichers aber keine Veranlassung, den Rasertatbestand zu verneinen. Eine Ausnahme sei nur zu machen, wenn die Tempobeschränkung aus andern als aus Sicherheitsgründen erfolgt sei. Bettina Keller-Alder folgte damit bei der rechtlichen Würdigung der Staatsanwaltschaft. Sie verurteilte den Lenker zu einer bedingten Freiheitsstrafe von 12 Monaten bei einer Probezeit von zwei Jahren und einer Busse von 1500 Franken.