Manchmal gab es nicht mehr als Cornflakes. Oder ein bisschen Eis, für den Blutzucker. Und sonst nur Stoff, Fäden, Reissverschlüsse, Bordüren, Knöpfe, Kordeln. Ratternde Maschinen, hüpfende Spulen, Hell und Dunkel. Und wieder Cornflakes. Und wieder ein Morgen, ein neuer Tag, ein Tag weniger.

Das war München. Drei Jahre lang studierte Corinne Pfister (25) hier an der internationalen Schule Esmod Modedesign. Mit einer Studienkollegin hatte die Fricktalerin aus Bözen eine Wohnung, ein einziges grosses Nähatelier mit zwei Betten, Bad und Küche. Pfister lacht. «Das Wohnzimmer war kein Wohnzimmer mehr, so voller Stoffe, Nähmaschinen und Fäden.» Hier haben sie an ihren Abschlussarbeiten gewerkelt, Tag und Nacht, getrieben vom nahenden Abgabetermin, von immer neuen Ideen, von Ehrgeiz, von Freude, von Selbstzweifeln. Gelohnt hat sich die Plackerei: Pfisters Kollektion, inspiriert von afrikanischen Körperbemalungen, wurde mit dem «Prix Créatif» als die ideenreichste ihres Jahrganges ausgezeichnet.

Kleider mit eigenem Motiv

Das war vor gut drei Jahren. In der Zwischenzeit hat Pfister den Master of Arts in Design gemacht. Und jetzt sitzt sie in ihrem eigenen Laden an der Milchgasse 10, einer Kombination von Verkaufsgeschäft und Atelier. Ohne ausgefallene Frisur, ohne knallrote Lippen, ohne ausgeflippte Kleider, wie man das von einer Modedesignerin erwarten würde. Bloss in Jeans und Shirt, darüber ein Jäckchen, zwei Spangen halten die Fransen aus dem Gesicht. Corinne Pfister ist glücklich. Vor ein paar Tagen erst hat sie Eröffnung gefeiert. Das ist ihr Laden, ihr «Concept Store». Hier hat sich die gelernte Schneiderin mit ihrem Label «Neer» selbstständig gemacht. Mit nur gerade 25 Jahren.

Das ist mutig. Ihre Kreationen sind schön, die Stoffe teilweise mit Prints bedruckt, die sie aus eigenen Fotos entwickelt hat. Die Pullis, Jacken, Röcke, Shirts und Hosen sind gut tragbar; raffiniert geschnitten, aber schlicht. Ein Pulli beispielsweise kostet um die 190 Franken – kein Schnäppchen, aber trotzdem wenig Geld für die Arbeit, die dahintersteckt. «Das ist nicht viel Geld für Mode, die nicht von der Stange kommt», sagt Corinne Pfister. Ausserdem bietet sie an, die Stücke auf Mass zu schneidern oder beim Print auf individuelle Kundenwünsche einzugehen. Jeden Donnerstagabend öffnet sie ihr Atelier für Näherinnen, die ihre eigenen Ideen umsetzen wollen, daneben bietet sie weitere Workshops an. Und in den Auslagen finden sich nebst ihren Kollektionen Unikate und Kleinserien von acht weiteren Jungdesignern: Keramik, Taschen, Schmuck, Fotografie und Kinderkleider, Illustrationen und Seesäcke.

Ob sie vom Laden leben könne, werde sich zeigen, sagt Pfister. Als sicheres Standbein hat sie eine Anstellung als Lehrerin für Textiles Werken an einer Privatschule in Olten. «Wenn ich einmal alt bin, will ich mir nicht vorwerfen müssen, ich hätte es mit der Selbstständigkeit nicht probiert», sagt sie. Jetzt sei genau der richtige Moment: jung und unabhängig, WG, keine Kinder. Klar habe sie sich während der letzten Monate, als sie noch den Master absolvierte, nach einer Stelle bei einem Schweizer Label umgeschaut. «Aber es gibt kaum Labels, die vom Entwurf bis zur Produktion alles in der Schweiz machen. Ich hätte mich also auf einen Teil im Prozess beschränken müssen, und das wollte ich nicht.» Zu spannend sei es, eine Kollektion von Anfang bis zum Ende zu begleiten.

Aarau inspiriert sie

Und was ist mit Erfahrungen bei grossen Modehäusern, mit Praktika im Ausland? Pfister schüttelt den Kopf. Die Jahre in München seien gut gewesen. «Aber allein der Karriere und der Arbeit zuliebe will ich nicht allein am anderen Ende der Welt sitzen.» Sie fühle sich in Aarau so wohl. Hier wohnt sie seit ihrer Rückkehr und von hier wolle sie aktuell auch nicht weg. «Ich muss meinen Lebenslauf nicht mit grossen Namen aufmöbeln, ich bin nicht daheim in dieser Glamour-Welt. Mir geht es vor allem ums Handwerk.»

Genauso wenig wie aus Glamour macht sie sich etwas aus Modetrends. «Es geht so vieles und nichts ist schlimmer, als wenn sich jemand verkleidet.» Modetrends nimmt sie in erster Linie als Inspiration, als Antrieb zu Neuem. «Wenn ich auf der Strasse etwas sehe, das mir gefällt, greife ich es auf.» Das bezieht sich nicht nur auf Menschen: Auf Aaraus Strassen angetan haben es Corinne Pfister die bemalten Giebel. Und zwar so richtig: «Ich weiss noch nicht wie, aber ich möchte die Giebel gern in meiner neuen Kollektion aufgreifen.»