Biographie

Memoiren des Grossvaters - oder von Frauengeschichten bis zum Fürst

Hans Peter Bachmann mit der Russland-Karte, auf der er den Weg seines Grossvaters eingezeichnet hat. ksc Hans Peter Bachmann mit der Russland-Karte, auf der er den Weg seines Grossvaters eingezeichnet hat. ksc

Hans Peter Bachmann mit der Russland-Karte, auf der er den Weg seines Grossvaters eingezeichnet hat. ksc Hans Peter Bachmann mit der Russland-Karte, auf der er den Weg seines Grossvaters eingezeichnet hat. ksc

Hans Peter Bachmann (61) hat die Memoiren seines Grossvaters im Keller gefunden. Nun hat der Aargauer aus den Geschichten ein Buch gemacht.

So dünn sind die Seiten, dass man sie kaum zwischen den Fingern spürt. Dünn und vergilbt, auf einem Deckblatt hat ein Teekrug seinen Abdruck hinterlassen. «Meine Erlebnisse in Russland», so der Titel des einen Heftchens, «Jugend- und Schicksalserinnerungen auf einem fürstlichen Schloss in Russland» ein anderer.

Was Hans Peter Bachmann in den Neunzigerjahren im Keller seines Elternhauses an der Schönenwerderstrasse in Aarau in einem alten Küchenmöbel findet, sind fast hundertjährige Heftchen. Mehrere autobiografische Geschichten aus dem Leben eines jungen Schweizers, abenteuerlich und blutrünstig. Geschrieben hat sie nicht irgendein Fremder. Der Autor ist Hans Peter Bachmanns Grossvater, Friedrich Bachmann.

Mord, Frauen und Spionage

Hans Peter Bachmanns Schwester rät ihm, die Broschüren fortzuschmeissen. Doch Bachmann behält sie. Jahre später wird er sich ihnen widmen, wird die Geschichte seines Grossvaters studieren.

Es ist eine Geschichte, wie sie nur das Leben schreiben kann: Es ist das Jahr 1890. Friedrich Bachmann ist noch ein Jüngling, als er vom Hof im Emmental aufbricht, auf in die weite Welt. Eine Feuersbrunst nach einem Blitzschlag hat die elterliche Existenz vernichtet, es fehlt am Nötigsten. In Ostpreussen, da soll alles besser sein. Der 16-Jährige macht sich auf den Weg, reist als blinder Passagier über Huttwil und Laufenburg quer durch Deutschland und landet schliesslich im kriegsgebeutelten Russland.

Frauengeschichten und russische Fürstin

Friedrich Bachmann lässt kein Abenteuer aus, kein Schicksalsschlag bleibt ihm erspart: Er wird verhaftet und im letzten Moment gerettet, erlebt das Elend der Kriegsjahre, muss töten, um nicht getötet zu werden, verheddert sich in Frauengeschichten und landet schliesslich in den Armen einer russischen Fürstin. Bachmann reist weiter, wird zum Spion für die Weisse Armee, wird verhaftet und muss sich in Pedrograd (heute St. Petersburg) vor Gericht verantworten. Er entgeht haarscharf dem Todesurteil, verliert aber seine grosse Liebe. 1922 kehrt Bachmann in die Schweiz zurück, ins Emmental.

Hier wird Hans Peter Bachmanns Vater Otto geboren, der später als junger Mann nach Aarau kommt und eine Familie gründet. Hans Peter Bachmann wird 1950 als jüngstes von drei Kindern in Aarau geboren. Er geht hier zur Schule und absolviert eine Lehre als Verkäufer. Bachmann wächst mit den Geschichten seines Grossvaters auf, die Eltern erzählen immer wieder von den Abenteuern. Die Heftchen im Küchenschrank aber geraten im Laufe der Jahre in Vergessenheit – bis Bachmann sie Jahrzehnte später beim Auflösen des Haushaltes seiner verstorbenen Mutter wieder findet.

Ein grosses Erbe

Hans Peter Bachmanns Freunde brennen auf die Geschichten aus dem Leben des Grossvaters, als sie von der Existenz der Heftchen erfahren. Doch Bachmann hadert lange mit sich selbst, traut es sich nicht zu, die Geschichte neu zu schreiben. «Ich bin kein Schreiber», sagt der Früchte- und Gemüsespezialist. Schliesslich lässt er sich aber von seinen Freunden breitschlagen und nimmt sich der Memoiren seines Grossvaters an.

Bachmann studiert die Geschichten eingehend, verfolgt den Weg seines Grossvaters quer durch Ostpreussen und Russland, recherchiert und holt Informationen ein; alles mithilfe des Internets – und alles während seiner Freizeit. «Inzwischen kenne ich Russland und Ostpreussen besser als die Schweiz», sagt Bachmann – obwohl er nie einen Fuss auf russischen Boden gesetzt hat. Nach zwei Jahren Arbeit ist das Buch fertig. Er nennt es «Hoffnungslose Flucht».

Bachmann wohnt längst nicht mehr in Aarau. Es hat ihn in die Ostschweiz gezogen, nach Pfungen bei Winterthur. Jetzt kommt er nach Aarau, um aus seinem Buch vorzulesen. «Weil die Geschichte einen Bezug zu Aarau hat», wie er sagt. Hier sei er mit den Geschichten seines Grossvaters gross geworden, hier hat der die Heftchen wiedergefunden. Hier hat eines seiner grössten Abenteuer seinen Anfang genommen.

Lesung Donnerstag, 12. Mai, 20 Uhr, in der Stadtbibliothek Aarau

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