Auch über zwei Wochen nach dem Vierfachmord von Rupperswil bleiben Ablauf und Umstände der Tat weiterhin rätselhaft. Es fehlen sowohl konkrete Hinweise auf die Mörder, auf das Motiv und auch der Tathergang ist weitgehend ungeklärt.

Wir haben für Sie die Neuigkeiten, das bereits Bekannte und die offenen Fragen zusammengetragen. 

Das steht in den neusten Medienberichten:

  • Stiefvater von Simona F. arbeitet bei Sondereinheit: Der Stiefvater von Simona F. (†21) arbeitet bei der Polizei, wie «SonntagsBlick» berichtet. Seine Kollegen von der Sondereinheit «Argus» hätten einen Kranz niedergelegt. Die Truppe rückt bei besonders heiklen Einsätzen aus, bei Geiselnahmen etwa, Amokläufen oder Banküberfällen. «Seine Arbeitskollegen wollten auf diesem Weg ihr Beileid ausdrücken», sagt Sprecher Max Suter.

  • Justizdirektor Urs Hofmann: «Diese Tat darf nicht ungesühnt bleiben»: Auch den Aargauer Justizdirektor Urs Hofmann lässt der Vierfachmord von Rupperswil nicht mehr ruhig schlafen: «Der Fall beschäftigt und bedrückt mich sehr – wie viele Menschen in der Schweiz –, und er geht mir auch nachts immer wieder durch den Kopf», sagt der Regierungsrat, der seine Winterferien in Goms wegen der Tragödie abbrach, zu «Blick». Er sei überzeugt, dass der oder die Täter gefasst würden. Hofmann: «Die Aargauer Kantonspolizei ist bekannt für ihre hohe Aufklärungsquote bei Kapitalverbrechen.»

    Dass die Behörden nur spärlich über den Fortgang der Entwicklungen informieren würden, ist für den Regierungsrat nachvollziehbar: «Die Intensität der Information ist für mich aufgrund des Ermittlungsstandes korrekt.» Auch er will nicht sagen, ob es mittlerweile eine heisse Spur zu den Tätern gibt. Dass in Rupperswil Verunsicherung und Angst herrscht, kann Hofmann sehr gut verstehen. Er betont denn auch, dass «Staatsanwaltschaft und Polizei mit Hochdruck und mit grösster Professionalität an der Aufklärung dieser ruchlosen Tat arbeiten». Mehrere Dutzend Beamte von Polizei und Staatsanwaltschaft würden ohne Unterlass ermitteln. Hofmann: «Es handelt sich dabei um den aufwendigsten Kriminalfall im Aargau seit Menschengedenken. Diese Tat darf nicht ungesühnt bleiben.»

    An den heute Freitag und morgen Samstag stattfindenden Trauerfeiern für die Ermordeten wird der Regierungsrat teilnehmen. Wie «Blick» weiter schreibt, sollen auch dort Ermittlungen durchgeführt werden. Zudem würden zur Zeit hunderte von Handykontakten der Opfer überprüft.    
  • Schauer wird auch beim ersten Geldabheben gefilmt: Carla Schauer (†48) wird von einer installierten Kamera beim Bankomat gefilmt, wie sie um 9.50 Uhr beim Bancomaten der Hypothekarbank Lenzburg in Rupperswil Geld abhebt. Wartet die Täterschaft im Auto abseits des Kamerablickfelds? Das Bildmaterial zeigt allerdings nur sie, wie der «Blick» erfahren haben will. Eine weitere Kamera ist an der Fassade der nahen Schule angebracht. Ob ihr Blickfeld zur Bank gegenüber reicht? Diese Frage muss zumindst vorläufig offen bleiben. Zudem: Entlang von Schauers Weg am Tatmorgen sind zahlreiche Kameras installiert, sie stehen allerdings auf privaten Grund oder sind Attrappen.
  • Ein letzter Facebook-Post um 7:01: Fünf Jahre war Carla Schauer mit ihrem Sohn Dion (†19) auf Facebook befreundet und nutzte dieses Jubiläum, um auf dessen Profil die Worte «My Familiy» und ein Kuss-Smiley mit Herz zu posten. Das war gemäss «Blick» um 7.01 Uhr am Morgen. Vier Stunden später war sie tot. Auch ihre Sohn wurde an diesem Tag ermordet. Der «Blick» spekuliert, was der Zeitpunkt des Posts für den Tatablauf bedeutet. Bedeutet die scheinbare Unbeschwertheit der Worte, dass noch alles in Ordnung war und die Mörder erst später kamen? Um 10.10 Uhr hob Carla Schauer Geld ab, um 11.20 Uhr drang Rauch aus ihrem Haus, in dem sie verbrannte.

  • Geld abheben nicht so einfach: Carla Schauer hob vor dem Mord zweimal Geld ab. Über den genauen Betrag macht die Polizei keine Angaben. Zwar können Kunden bei ihrer Bank grundsätzlich so viel Geld abheben, wie sie wollen. Doch gilt die Regel: Bei höheren Beträgen wird nachgefragt, wie AKB-Sprecherin Ursula Diebold gegenüber der «Aargauer Zeitung» sagt. Dies ist auch bei der Neuen Aargauer Bank (NAB) so. Sprecher Roland Teuscher: «Jeder Barbezug am Schalter wird vom Bankmitarbeitenden hinsichtlich Berechtigung geprüft.» Falle ein gewünschter Betrag «bezüglich Höhe oder Bezugsverhalten aus dem Rahmen», kläre man im Gespräch den Hintergrund ab. Zudem sei das Bank- und Schalterpersonal geschult darin, auffällige Situationen zu erkennen. Speziell hinsichtlich Enkeltrickbetrügern. Aber offenbar haben auch die meisten Banken für Erpressungsversuche gegenüber Kadermitgliedern Vorkehrungen getroffen. Aus Sicherheitsgründen wollten die angefragten Banken gegenüber der «Aargauer Zeitung» diesbezüglich aber keine genaueren Informationen geben. 

  • In Turnschuhen zum Trauergottesdienst: Wie Gemeindeammann Ruedi Hediger gegenüber der «Aargauer Zeitung» bestätigt, findet am Freitag in Rupperswil ein Trauergottesdienst für Carla S. und ihre beiden getöteten Söhne statt. Organisiert hat den Trauergottesdienst die Familie von Carla Schauer. Tags darauf findet in Hunzenschwil in der Evangelisch-Methodistischen Kirche die Trauerfeier für Simona F. statt, die ebenfalls getötete Freundin des ältesten Sohnes von Carla S. Die Familie wünscht sich in der Todesanzeige in der «Aargauer Zeitung», dass die Anwesenden auf Trauerkleidung verzichten. Stattdessen solle man Turnschuhe anziehen. «Wer Simona kannte, weiss, wie sehr sie Sneakers mochte. Sie würde sich sicher freuen, wenn diejenigen, die mögen, solche Schuhe tragen», schreibt die Familie.

  • Trauerbewältigung an Schule: Auch für die Schulkollegen von Davin (†13) an der Sportschule in Buchs AG ist die Bluttat ein Schock. Die Schule trauerte am Dienstagmorgen um ihren verstorbenen Schüler. Dies, indem sie sein Pult, dekoriert mit Kerzen und Fotos, im Eingangsbereich aufstellt, wie der «Blick» berichtet.  Schul-Koordinator Thomas Merkhofer: «Es ist uns wichtig, dass die Schüler genügend Zeit und Raum erhalten, dieses schreckliche Ereignis zu verarbeiten. Darum haben wir die Jugendlichen heute Morgen zu einer Eröffnungszeremonie eingeladen». Und: «Es war schlicht, nicht aufgezwungen. Jeder durfte trauern, wie er wollte.» An der kleinen Trauerfeier nahmen rund 20 Klassengspändli und über 30 Sportkollegen von Davin teil. Merkhofer: «Die Schüler in dieser Situation zu sehen, ist sehr berührend. Sie sind zusammen traurig und kurz darauf erzählen sie sich wieder Anekdoten über Davin und lachen zusammen.» Auch Vertreter des Schulpsychologischen Dienstes waren den ganzen Morgen zur Betreuung bereit. 

  • Schulzeugnisse wurden ausgewertet: «Kurzfristig brauchte die Polizei Unterlagen aus der Primarschule», sagte der Rupperswiler Gemeindepräsident Rudolf Hediger gegenüber «SonntagsBlick». Falls sich in den schulischen Leistungsausweisen unerklärliche Leistungsabfälle feststellen liessen, könnte dies auf Probleme im direkten Umfeld der Kinder hinweisen. 

  • Behörden-Unterlagen geprüft: Neben den Schulzeugnissen wurden auch Steuer- und Betreibungsregister sowie die Einträge im Einwohnermeldeamt überprüft, wie der «Blick» schreibt. 

  • Opfer gefesselt? Sowohl der «Blick» wie auch die «SonntagsZeitung» schreiben davon, dass die Opfer offenbar gefesselt aufgefunden worden waren. Dies wurde von den Ermittlern bislang jedoch weder bestätigt oder dementiert. 

Von offizieller Seite dringen nur spärlich Informationen zum Fall an die Öffentlichkeit – und das hat seinen Grund: Die Polizei will aus ermittlungstaktischen Gründen nicht zu viel verraten, um nicht etwaigen Verdächtigen wichtige Informationen zukommen zu lassen. Oberstaatsanwalt Philipp Umbricht sagte zur «Schweiz am Sonntag»: «Wir können uns nicht leisten, entscheidende Details zu verraten, nur um das Informationsbedürfnis der Bevölkerung zu stillen.» Trotzdem geht das Mutmassen und Spekulieren in den Medien aber weiter. Das liege auch in der Natur der Sache, so Umbricht: «Der Mensch will ein Ereignis einordnen. Er kann mit Unsicherheiten schlecht umgehen.»

Das sind die neusten Infos von offizieller Seite:

  • Opfer kannten die Mörder eher nicht: Zwar werde die Möglichkeit, «dass Personen aus dem Umfeld der Opfer an der Tat beteiligt waren, beispielsweise als Anstifter», nicht ausgeschlossen, sagte Oberstaatsanwalt Philipp Umbricht zur «NZZ am Sonntag». Doch sei «die Wahrscheinlichkeit, dass diese Personen in die eigentliche Tatbegehung involviert waren», klein. Fest steht, dass bislang niemand verhaftet wurde.

  • Auswertung der Hinweise «mühsam»: Die Staatsanwaltschaft hatte die Bevölkerung zur Mithilfe, beispielsweise durch Einsenden von Aufnahmen von in Autos installierten Bordkameras, aufgerufen; die Auswertung des eingegangenen Materials dauere weiterhin an. «Die Abklärung dieser Hinweise ist mühsam und braucht viel Zeit», sagte Philipp Umbricht zur «NZZ am Sonntag».

  • Spurensicherung nicht abgeschlossen: Auch über die Festtage wurde am Tatort im Spitzbirrli-Quartier in Rupperswil nach Spuren gesucht. Sowohl im Haus selbst, wie auch in der Umgebung suchte der kriminalpolizeiliche Dienst nach Hinweisen. Wie ein Polizist gegenüber der «SonntagsZeitung» sagte, wurden in der Nähe des Waldes auf einer Strasse zwei Keramik-Messer gefunden - obwohl die Stelle nur einen Tag vorher genauestens untersucht wurde. «Die Messer lagen gestern noch nicht hier. Das sieht nach einem geschmacklosen Streich aus», sagte der Polizist. Unter der Telefonnummer 062 835 81 81 nimmt die Polizei 24 Stunden am Tag Hinweise entgegeng.

 Was wir alles noch nicht wissen:

  • Tatzeitpunkt: Wann genau wurden die vier Opfer getötet?Fest steht, dass Carla Schauer am 21. Dezember erst um 9.50 Uhr bei einem Bankomaten der Hypothekarbank Lenzburg in Rupperswil, und um 10.10 Uhr auf der Kantonalbank in Wildegg Geld abhob. Unterwegs war sie mit ihrem schwarzen Audi A3 mit dem Kennzeichen AG 301 479. Die Fahrt an die Lenzhardstrasse in Rupperswil dauert maximal 10 Minuten. Die Feuerwehr wurde um 11.30 Uhr alarmiert. Das heisst, dass die Tat in der relativ kurzen Zeit zwischen 10.20 und 11.30 Uhr stattgefunden haben muss.

  • Todeszeitpunkt: Zumindest für die Öffentlichkeit ist unklar, ob die 19- und 13-jährigen Söhne und die 21-jährige Freundin des älteren Sohnes schon tot waren, als Carla Schauer vom Geldholen zurück ins Haus an der Lenzhardstrasse kam. Die Behörden äussern sich dazu nicht detaillierter - aus ermittlungstaktischen Gründen.

  • Täterschaft/Motiv: Die Behörden betonen, dass sie weiterhin in sämtliche Richtungen ermitteln. Mehr als ein Beziehungsdelikt steht aber ein Raubmord mit Erpressung im Vordergrund. 

Das sind die heissen Spuren:

  • Patienten in Wohler Apotheke: Wie der TV-Sender «TeleM1» berichtet, begaben sich am Tag des Verbrechens zwei unbekannte Männer in eine Apotheke in Wohlen (rund 15 km von Rupperswil entfernt) zur Pflege ihrer Schnittverletzungen. Gemäss den Betreibern der Apotheke waren die Männer zuvor noch nie als Kunden da gewesen. Die Staatsanwaltschaft äusserte sich bisher dazu, wer die Männer sind und ob sie etwas mit dem Vierfachmord zu tun haben könnten.

  • Weisser Kleinwagen: Gemäss Bewohner des Spitzbirri-Quartiers wurde am Morgen des  Montag, 21. Dezember, ein weisser Kleinwagen in der Umgebung der Lenzhardstrasse gesehen. Die Polizei bittet in ihrem Zeugenaufruf um Informationen zu einem solchen Auto. 

  • Parallelen zu Verbrechen in USA: Im Juli 2007 spielte sich in Cheshire, im US-Bundestaat Connecticut, ein Verbrechen mit erstaunlichen Ähnlichkeiten zum Fall in Rupperswil ab. Zwei Männer drangen in ein Haus ein und ermordeten die Mutter und ihre beiden Töchter. Die Mutter wurde vorher zum Geldabheben an eine Bank geschickt. Nur der Vater der Familie überlebte schwerverletzt. Gerichtspsychiater Josef Sachs sagte gegenüber «TeleM1», es sei nicht ausgeschlossen, dass sich die Täter von Rupperswil vom Mord in Cheshire inspirieren liessen.

Das sagen die Experten:

  • Unprofessionelle(r) Täter: Deutschlands bekanntester Profiler Axel Petermann vermutet gegenüber der «Schweizer Illustrierten» im Falle einer Erpressung «unprofessionelle Täter aus der Region». Dafür spreche, dass die Täterschaft ein Messer als Tatwaffe verwendete. Petermann: «Profis planen besser. Sie betrachten eine Erpressung als Geschäft und haben oft ein Verantwortungsgefühl. Im Sinne von ‹Ich habe das Geld, ich kann die Opfer freilassen›. Bei regionalen Tätern, die unstrukturiert vorgehen, muss man befürchten, dass es zum Mord kommt.» Zudem, so Petermann, deute das Feuer darauf hin, dass die Täter kein Risiko eingehen und ihre Spuren vernichten wollten. 

  • Routinierte Täter: Der Gerichtspsychiater Frank Urbaniok dagegen geht ob der Brutalität des Verbrechens davon aus, dass die Täter schon «in ähnlicher Weise auffällig wurden», so Urbaniok auf «TeleM1». Für ihn ist klar: Hier waren mehrere Täter beteiligt, für einen Einzelnen wäre dieses Verbrechen nicht zu bewältigen gewesen. 

  • Situation ist eskaliert: «Irgendetwas Unplanmässiges muss vorgefallen sein», sagt Markus Melzl, der 39 Jahre für die Basler Staatsanwaltschaft arbeitete, gegenüber der «Basler Zeitung». Er tendiere zur Vermutung, dass den mutmasslichen Erpressern aufgrund eines Zwischenfalls die Kontrolle entglitten sei. Auch er glaube an eine eher jüngere, unerfahrene Täterschaft. (rhe/jkr/pz)

Quiz: Was hat den Aargau 2016 bewegt?

Sicherheitsdirektor Urs Hofmann (l.) und Kapo-Kommandant Michael Leupold über Rupperswil und den «perfekten Mord»

Sicherheitsdirektor Urs Hofmann (l.) und Kapo-Kommandant Michael Leupold am Montag, 11.1. im «TalkTäglich» über Rupperswil und den «perfekten Mord».

Sneakers statt Trauerkleidung für Mordopfer in Rupperswil

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«Diese Tat sticht heraus»: Die wichtigsten Momente aus der Sendung «TalkTäglich» zum Vierfachmord in Rupperswil im Zusammenschnitt.

«Diese Tat sticht heraus»: Die wichtigsten Momente aus der Sendung «TalkTäglich» zum Vierfachmord in Rupperswil im Zusammenschnitt. (05.01.2016)

War es ein Wiederholungstäter? Der bekannte Forensiker Frank Urbaniok vermutet, dass der Täter von Rupperswil wahrscheinlich nicht zum ersten Mal gemordet hat. (Tele M1, 27.12.2015)

War es ein Wiederholungstäter? Der bekannte Forensiker Frank Urbaniok vermutet, dass der Täter von Rupperswil wahrscheinlich nicht zum ersten Mal gemordet hat. (Tele M1, 27.12.2015)