Heime
Mehr Demenzkranke – doch braucht es deshalb mehr Pflegeplätze?

Bis 2035 sind doppelt so viele Pflegeplätze für Demenzkranke nötig - das sagt zumindest eine Statistik. Einige Heime bauen aus, um dafür gerüstet zu sein. Dabei sind sich Experten nicht einig, ob das jetzige Angebot nicht doch reicht.

Marina Bertoldi
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Weil die Menschen immer älter werden, leiden viele von ihnen bereits beimEintritt ins Alters- und Pflegeheim an Demenz.

Weil die Menschen immer älter werden, leiden viele von ihnen bereits beimEintritt ins Alters- und Pflegeheim an Demenz.

Chris Iseli/AZ

Im Pflegeheim Lindenfeld in Suhr, im Länzerthus in Rupperswil, in der Seniorenresidenz Falkenstein in Menziken, im Alterszentrum Gränichen: Vielerorts werden spezielle Abteilungen für Demenzkranke ausgebaut oder sind geplant. Laut einer Statistik soll sich die Anzahl Demenzkranker bis ins Jahr 2035 verdoppeln. Wie dramatisch ist die Lage in den Heimen?

Rund 8000 an Demenz erkrankte Menschen leben im Kanton. Das besagt eine Schätzung der Schweizerischen Alzheimervereinigung aus dem Jahr 2014. Jährlich erkranken zudem 1900 Menschen neu. «Die Leute werden immer älter und es gibt deshalb immer mehr Menschen mit einer demenziellen Entwicklung», erklärt Annemarie Rothenbühler von der Schweizerischen Alzheimervereinigung Sektion Aargau. Da seien die neu geplanten Demenzstationen ein guter Schritt, aber es brauche noch viel mehr Plätze. «Deshalb ist es wünschenswert, wenn Heime bei einem Neubau auch in Zukunft eine Demenzabteilung einplanen.»

Samuel Vögeli, bis vor kurzem Leiter der Alzheimervereinigung Aargau, sieht die Sache ähnlich. «Normale Pflegebetten gibt es mehr als genug. Wir suchen aber immer wieder Plätze für Demenzkranke, die zum Beispiel aggressiv oder weglaufgefährdet sind und deshalb spezieller Pflege bedürfen», sagt er. Das Problem sei vor allem, dass das Angebot der stationären sowie teilstationären Pflegeplätze nicht gleichmässig auf die Regionen verteilt sei. «Oft müssen wir jemanden quer durch den Kanton verpflanzen.»

Mehr Demente im Altersheim

Die Alters- und Pflegezentren spüren, dass heute mehr Bewohner dement sind als vor einigen Jahren. «Das durchschnittliche Eintrittsalter steigt und damit auch die Wahrscheinlichkeit, dass die eintretende Person bereits eine beginnende Demenz aufweist», sagt Thomas Zeller vom Alterszentrum Schöftland. Jede Institution müsse sich also für die Zukunft darauf einrichten, dass ein Teil der Bewohnenden bereits dement sei oder werde. «Dies stellt erhöhte Anforderungen an die Ausbildung und Weiterbildung des Personals.»

Die Altersresidenz Falkenstein in Menziken plant zurzeit eine Wohngruppe für Demenzkranke mit 16 Plätzen. «Wir erhalten regelmässig Anfragen nach Angeboten für an Demenz erkrankte Menschen. Sei es in der Tages- wie auch für die Nachtstruktur», sagt Ursula Gnädinger, stellvertretende Geschäftsleiterin. Das Angebot der Tagesstätten und des Ferienzimmers würde rege genutzt. Für die geplante Demenzwohngruppe gebe es bereits heute Anfragen.

Anders klingt es bei Beat Huwiler, Geschäftsführer des Vereins Aargauische Spitäler, Kliniken und Pflegeinstitutionen VAKA. Er sieht momentan keinen speziellen Bedarf an Pflegeplätzen für Demenzkranke: «Dass 8000 Menschen dement sind, bedeutet nicht, dass sie alle in ein Pflegeheim müssen.» Rund die Hälfte der Demenzkranken würde zu Hause wohnen und womöglich durch Angehörige betreut. Ausserdem nähmen in der Region auch alle Pflegeheime ohne Spezialabteilung Demenzkranke auf. Viele hätten ein integratives Konzept, bei dem Demente und Normalpflegebedürftige zusammenleben. «Die Angebotsstruktur im Kanton Aargau wird auch von uns fortlaufend geprüft. Im Moment ist es aber so, dass es im Kanton sogar zu viele Pflegeplätze gibt.»

Ambulante Pflege wichtig

Auch im Pflegeheim Lindenfeld in Suhr hat die Anzahl Bewohnerinnen und Bewohner mit einer demenziellen Erkrankung zugenommen. «Da aber längst nicht alle Menschen, die an Demenz leiden, automatisch eine speziell ausgerichtete, geschützte Pflege und Betreuung benötigen, sondern sich in den gewohnten Pflegealltag integrieren lassen, erleben wir keinen Nachfrageüberhang», sagt Direktor Thomas Holliger. Das habe auch mit dem bereits vorhandenen Angebot an Pflegeplätzen zu tun. Allerdings würden Entlastungsangebote für pflegende Angehörige wie Tagesplätze immer wichtiger. «Dieser Tendenz wollen wir mit dem geplanten ‹Pavillon für geschützten Wohnraum› Rechnung tragen.»

Den Bedarf an ambulanter Unterstützung will auch der Spitex-Verband Aargau künftig besser decken. Er entwickelt deshalb zurzeit ein Rahmenkonzept, das die zielgerichtete Pflege von Demenzkranken und die Unterstützung der Angehörigen im ambulanten Umfeld ermöglichen soll. So sollen auch Menschen mit Demenz so lange wie möglich selbstständig leben und an der Gesellschaft teilhaben können.

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