«Wer einen Menschen tötet, für den soll es sein, als habe er die ganze Menschheit getötet. Und wer einen Menschen rettet, für den soll es sein, als habe er die ganze Welt gerettet.» Diese Stelle im Koran liebt Muris Puric aus Oberentfelden am meisten.

Der 46-jährige Islamwissenschaftler kommt aus Bosnien und steht dem Zentrum der Islamischen Gemeinschaft der Bosniaken des Kantons Aargau in Oberentfelden vor. Als Gelehrter darf er den Titel «Imam» tragen – was laut Koran einem religiösen Oberhaupt einer muslimischen Gemeinschaft gleichkommt. Muris Puric redet über die vergangenen Anschläge in Paris und wie er und die Islamische Gemeinschaft mit dieser Situation umgehen.

Muris Puric, haben Sie gestern eines der 30 Exemplar des Satiremagazins «Charlie Hebdo» in Aargau ergattert?

Muris Puric: Nein, sie waren alle ausverkauft. Ich hätte gerne ein Magazin gekauft, nur um zu sehen, mit welchen Mitteln man jetzt erfolglos versucht, eine ganze Religionsgemeinschaft zu erniedrigen. Eigentlich könnte die Ausgabe genau so gut «Anders Behring Breivik» heissen: Der rechtsextremistische und islamfeindliche norwegischer Terrorist beging ebenfalls Anschläge, 2011 tötete er im Namen Christus in Norwegen 77 Menschen. Damals gab es keine Demonstrationen gegen Terror.

Sie haben kein Verständnis für Mohammed-Karikaturen?

Alles was man tut, soll von Nutzen sein. Sachen, die niemanden was nützen und dazu noch bewusst gemacht werden, um andere Menschen zu provozieren – dafür habe ich kein Verständnis. «Charlie Hebdo» verletzt mit seinen Karikaturen einen Intimbereich von uns Muslimen. Natürlich hat jeder Mensch ein Recht auf freie Meinungsäusserung. In der heutigen Zeit scheinen jedoch Worte und Bilder keine Werte mehr zu besitzen, keine Grenzen mehr zu kennen.

Rechtfertigt Kränkung eine solche Tat?

Nein und ich verurteile sie. Sie beweist mir, dass der Mensch zu den grausamsten Wesen auf dieser Welt gehört. Terrorismus hat keine Religion. Fürs Töten gibts keinen einzigen vernünftigen Grund, vor allem keinen religiösen. Für mich sind die Attentäter psychisch Kranke und haben nichts mit einer tiefgläubigen-islamischen Gesellschaft zu tun. Jeder der Mörder trägt Verantwortung für sein Vergehen.

Die Attentäter aus Paris töteten im Namen Allahs.

Gott verbietet Alkohol, Drogen, Pornografie. Und er verbietet zu töten.

Im Koran gibt es Stellen, in denen Gewalt vorkommt.

Es gibt weit mehr Gewalt in der Bibel als im Koran. Die Vorstellung, dass der Islam sich durch das Schwert aufgedrängt hat, ist eine westliche Fiktion – erfunden zur Zeit der Kreuzzüge, in der westliche Christen brutale heilige Kriege gegen den Islam führten.

Was löst der Terrorakt in Frankreich in Ihnen aus?

Wut! Die Berichterstattung in den Medien über den Anschlag ist für mich eine Hasshetze gegen den Islam und schürt die Islamfeindlichkeit. Jede andere Religion verübt Massenmorde, da spricht man nur über einzelne psychisch gestörte Menschen. Verüben jedoch Muslime ein Attentat, werden sie gleich mit einer ganzen Religionsgemeinschaft in Verbindung gesetzt. Die Vorurteile gegen Muslime sind gross, man sollte nicht vorbehaltlos alles glauben und andere Menschen einfach so verurteilen. Wer weiss schon die wirkliche Wahrheit über die Terroristen? Aber wenn man eine schlechte Antwort hören will, hört man keine gute.

Wie verarbeitet die Islamischen Gemeinschaft der Bosniaken den Anschlag?

Gerade über diese Vorurteile sind wir verletzt: Jetzt werden wieder alle Muslime in den gleichen Topf geworfen und als gewalttätig hingestellt. Wir versuchen aber unseren Mitgliedern das Positive unseres Glaubens zu übermitteln und nehmen die Anschläge als Prüfung für uns Muslime an. Erstaunlicherweise gibt es immer mehr Christen, die zum Islam konvertieren: Die Berichterstattung über solche Anschläge wie in Frankreich machen die Menschen neugierig auf unsere Religion. Sie wollen wissen, was wirklich dahinter steckt.

Sprechen Sie als Imam die Vorfälle an?

Menschen suchen meinen Rat und fragen, wie sie auf provokative Fragen reagieren sollen. Ich ermutige sie, indem ich ihnen sage, dass sie sich nicht provozieren lassen, ruhig sein sollen.

Imam Muris Puric: «‹Charlie Hebdo›-Karikaturen verletzen Intimbereich von uns Muslimen.»

Imam Muris Puric: «‹Charlie Hebdo›-Karikaturen verletzen Intimbereich von uns Muslimen.»

Gab es Anfeindungen gegen Ihre
Moschee?

Gott sei Dank leben wir in einer Umgebung, in der es Menschen gibt, die Anstand und Intelligenz besitzen und uns als religiöse Gemeinschaft respektieren. Wir sind eine Gemeinschaft, die sich nie etwas zu Schulden hat kommen lassen.

In welchem Umfeld geraten die Menschen unter extremem Einfluss?

Für mich stellen die Medien eine grosse Gefahr dar. Sie publizieren Artikel von schlimmen Verbrechen und pushen sie. Es sind aber auch die Werbekanäle, die Kriegskämpfe proklamieren und Minderjährigen coole Spiele verkaufen. Dabei werden sie ermutigt ein Krieger oder Rambo zu sein. Die Menschen, die in eine Moschee kommen, werden sicherlich nicht zum Krieger.

Sondern?

Zu gläubigen Menschen. In unserer Gemeinschaft beten wir und zeigen den Menschen den richtigen Weg der Wahrheit und des Glaubens auf. Im Koran steht, wie der Mensch ein gutes, verantwortungsvolles Leben führen soll.

Wie werten Sie die negativen Folgen des Anschlags auf die Muslime in der Region?

In der Schweiz gab es noch nie einen Anschlag von Extremen und ich hoffe, es bleibt so. Ich wünsche mir, dass die Bevölkerung die Menschen als Wesen betrachtet und nicht nach Glaube oder Rasse selektiert. Die Schweiz kann dafür ein sehr gutes Vorbild sein.

In Schlieren wurde in einer Moschee aus Vorsichtsmassnahme eine Überwachungskamera installiert. Denken Sie auch darüber nach?

Bereits vor einigen Monaten haben wir eine Kamera installiert, um sicher zu sein. Wir sind offen, aber nicht naiv. Sollte einmal etwas passieren, haben wir gegenüber der Polizei ein Beweisstück. Wir sind eine grosse Institution, Sicherheit steht bei uns an oberster Stelle.

In Deutschland wächst die islamfeindliche Pegida-Bewegung, auch in der Schweiz gibt es solche Strömungen. Macht Ihnen das Angst?

Nein. Wir Muslime denken jeden Tag über den Tod nach. Es ist eine Pflicht des Islams, sich mit dem Vergehen des Lebens zu beschäftigen. Wir gehen zu unserem Schöpfer zurück und dort werden wir für unsere Taten belohnt – oder bestraft. Für uns ist es Wunsch in Würde zu sterben. Unser Glaube ist stärker als Angst.