Suhr

Marco Genoni: «Beim Zukunftsraum bin ich gespalten»

Die Dinge in der Balance halten – Marco Genoni sieht sich unter anderem als Mediator, der es versteht, alle Player unter einen Hut zu bringen.

Die Dinge in der Balance halten – Marco Genoni sieht sich unter anderem als Mediator, der es versteht, alle Player unter einen Hut zu bringen.

Marco Genoni, quasi designierter Gemeindepräsident von Suhr, äussert sich im AZ-Interview zu den zentralen Themen im Dorf.

Herr Genoni, Suhrs Verkehrsproblem ist ungelöst. Es gibt Leute, die finden, die Gemeinde müsste hier ein wenig forscher auftreten. Ist das möglich?

Marco Genoni: Da spielen so viele Dinge hinein. Es sind Kantonsstrassen, die Suhr vierteilen. Einbringen können wir uns als Gemeinde etwa bei der Schulwegsicherheit. Bei der Ostumfahrung sind wir daran, mit dem Kanton Lösungen zu finden.

Für uns schaut dabei eine minimale Verbesserung punkto Durchgangsverkehr heraus. Der grosse Gewinner der Ostumfahrung wird aber der Verkehr aus dem Wynental sein. Die Spitzen am Morgen und am Abend bilden ein gesamtschweizerisches Problem. Im Bereich öV hat Suhr sehr viel gemacht, zusammen mit AAR Bus + Bahn sowie den SBB.

Wäre es nicht zweckmässig gewesen, den Bauboom ein wenig zu dämpfen, solange das Verkehrsproblem nicht gelöst ist?

Ja, das denke ich auch. Bis vor drei, vier Jahren zählte Suhr zu den Gemeinden, welche die tiefsten Leerwohnungsbestände aufwiesen. In zwei Jahren sind wir vielleicht auch auf dem Stand von Buchs, Hunzenschwil oder Gränichen. Die Neubauten müssen mit Leben gefüllt werden. Gewerberäume müssen vermietet werden können.

Gefordert sind da private Investoren, auf welche die Gemeinde mit guter Kommunikation und Standortmarketing Einfluss nehmen kann. Zu wünschen bleibt, dass nach dem grossen Schub ein wenig Ruhe einkehrt. Für die 2500 Bewohner des südlichen Teils von Suhr, wo es keine Läden gibt, ist es ein Gewinn, wenn sie beim Bahnhof oder beim Suhre-Park Einkaufsmöglichkeiten finden – fünf Minuten zu Fuss von zu Hause entfernt.

Ist Ihnen wohl, wenn Sie Überbauungen wie den Suhre-Park und jene beim Bahnhof sehen?

Ich denke ja. Alles, was in Suhr geplant ist, spielt sich auf Industriebrachen ab. Es wird kein Kulturland verbaut. Es gab da sicher auch zwei, drei hübsche Häuschen. Aber gesamthaft war das Bild ja nicht besonders schön. Wenn wir im finanziellen Überfluss schwimmen würden, hätte die Gemeinde ein Gelände wie das, auf dem der Suhre-Park entsteht, kaufen und eine Parkanlage realisieren können.

Eine Folge des Baubooms ist die Verlagerung des Dorfzentrums in Richtung Bahnhof. Was soll aus dem alten Dorfkern werden?

Wenn etwas Neues kommt, gibt es Bewegung, Veränderungen. Aber mir ist wichtig, dass es im alten Zentrum wieder mehr Leben gibt. Überlegen können wir uns als Gemeinde, ob man dort eine Begegnungszone schaffen sollte. Hier ist mir der gute Kontakt mit den privaten Besitzern und Mietern wichtig.

Die Finanzlage Suhrs ist nicht optimal. Wie hoch muss der Suhrer Gemeindesteuerfuss sein, damit die Gemeinde handlungsfähig bleibt?

Wir streben nicht einen bestimmten Wert an. Dieser ergibt sich unter Berücksichtigung unserer Steuerkraft. Wir liegen mehr als 400 Franken pro Kopf unter dem Bezirksdurchschnitt. Bei 10 000 Einwohnern ergäben sich rund 4 Millionen zusätzliche Steuereinnahmen. Wenn wir die hätten, könnten wir den Steuerfuss sogar senken.

Im letzten November wäre eine Erhöhung um 5 Prozent wichtig gewesen – die Gemeindeversammlung gewährte 3 Prozent. Im Vergleich zu andern Gemeinden stehen wir nicht so schlecht da: Die Infrastruktur haben wir bereits auf das Bevölkerungswachstum ausgerichtet.

Im Bereich der Schule etwa zählt Suhr zu den Gemeinden, die schon sehr weit sind. Klar belastet das über die Abschreibungen nun die Erfolgsrechnung. Aber andern Gemeinden stehen erst noch die Investitionen bevor. Die Umsetzung der Schulraumplanung wird jetzt im südlichen Teil Suhrs abgeschlossen, wo wir am Schützenweg und an der Schmittengasse noch Kindergärten erneuern.

Wie kohärent ist eigentlich das Bündnis Zukunft Suhr, das Sie nominiert hat?

Wir sind eine gute Einheit. Ohne Zukunft Suhr wäre ich nicht in die Gemeindepolitik eingestiegen. Ohne so ein Bündnis im Rücken ist man als Parteiloser eine Einzelmaske. Bei Zukunft Suhr sind die meisten der beteiligten Parteien nicht besonders stark. Der Erfolg zeigt, dass man gemeinsam etwas erreichen kann. Es gibt eine äusserst positive Dynamik. So kann man mit Freude Politik betreiben.

Von Zukunft Suhr zum Zukunftsraum Aarau: Zurzeit läuft der Leitbildprozess. Wie stehen Sie dazu?

Bei diesem Thema bin ich gespalten. Beim Zukunftsraum haben wir in der Bevölkerung eine Fifty-fifty-Situation. Ich nehme diese ernst. Wichtig ist, dass wir Suhrs Stärken bei der Entwicklung des Leitbildes voll einbringen können.

Dann gilt es, kritisch hinzuschauen: Welche Vorteile gibt es für unsere Gemeinde? Verlieren wir in einem grösseren Konglomerat einen Teil des Spielraums, unserer Schlagkraft? Geht die Nähe zur Bevölkerung verloren? Natürlich müssen Themen wie Verkehr und Raumplanung in einem grösseren Zusammenhang betrachtet werden. Wenn wir in Richtung Zukunftsraum gehen, muss das Kleinräumige – in den Quartieren – umso mehr gepflegt werden. Danach besteht in der globalisierten Welt ein Bedürfnis.

Sprich: Was Suhr in letzter Zeit in der Quartierentwicklung alles gemacht hat, soll erhalten bleiben?

Ja. Die Quartierentwicklung ist zentral für das Zusammenleben im Dorf. Sie ist auch eine unserer Stärken. Etwa mit unseren Angeboten für familienergänzende Kinderbetreuung, welche alle Gemeinden ab nächstem Jahr einführen müssen.

Wir wurden schon verschiedentlich von andern Gemeinden wie Brugg und Lenzburg angefragt, wie wir das gelöst hätten. Weiter sind wir auch im Bereich Alter und Freiwilligenarbeit an vorderster Front. Es ist aber nicht so, dass wir den Quartieren von oben herab etwas aufdrängen würden. Es geht darum, Aktivitäten zu ermöglichen und zu begleiten, aber die Initiative muss von der Basis her kommen. Und das Ganze ist von der Gemeindeversammlung her breit abgestützt.

Wie gross ist der Spielraum des Suhrer Gemeindepräsidenten: Ist er eine Art Dorfkönig – oder bloss die Spitze des «Eisbergs» Gemeinderat?

Der Gemeindepräsident kann Schwerpunkte setzen, Themen aufnehmen, Dinge organisieren oder nicht organisieren – je nachdem, wo er Schwerpunkte setzen will. Als Dorfkönig sehe den Präsidenten aber nicht.

Der jetzige Gemeindepräsident betreut das Ressort Bau, Verkehr und Planung, Sie haben die Finanzen. Behalten Sie dieses Ressort, wenn Sie Präsident werden?

Das ist für mich noch offen. Ich mache beides gerne. Wir warten jetzt einmal die Wahlen ab. Ich will dann mit den Gewählten diskutieren, damit wir für alle eine gute Lösung finden können. Wir müssen als Team gut funktionieren.

Beat Rüetschi ist faktisch ein Vollzeit-Gemeindepräsident. Werden Sie das auch sein? Oder bleiben Sie Geschäftsführer bei der MPM?

Mit der MPM ist abgemacht, dass ich, falls ich im September als Gemeindepräsident gewählt werden sollte, mein Pensum von 60 auf 50 Prozent reduzieren würde. Ich bin schon jetzt in der Gemeinde sehr stark engagiert. Einen Job aufzugeben, ist immer heikel. Klar bin ich schon 55-jährig, aber in vier Jahren sind wieder Wahlen …

Die MPM ist eine wichtige Firma im Dorf – besteht da nicht die Gefahr von Interessenkonflikten?

Die grosse Firma im Dorf ist nicht die MPM, sondern die Mimo AG – die Mittelland-Molkerei. Die hat bis vor rund zehn Jahren unter dem Namen AZM der MPM gehört. Seit Anfang Jahr ist die Mimo AG nun zu 100 Prozent bei Emmi. Wir sind ganz klein: vier Leute mit etwa 300 Stellenprozenten. Wir vertreten die Interessen der Milchproduzenten gegenüber der Emmi. Mit der Mimo haben wir so gesehen nur am Rande zu tun. Was ich da mache, ist im weitesten Sinn politische Interessenvertretung.

Wenn die Bisherigen bei den Gemeinderatswahlen im Vorteil sind, stellt sich die Frage: Krähenbühl oder Woodtli – eine Mehrheit für Zukunft Suhr oder Rückkehr der SVP in den Gemeinderat? Wie wichtig ist für Sie, wer gewählt wird?

Bei meinen beruflichen Projekten habe ich die Erfahrung gemacht, dass ich stets mit allen Leuten gut zusammenarbeiten konnte. In der Politik hat mich auch nie interessiert, welcher Partei jemand angehörte. Im Vordergrund stehen für mich die Leute – und die Kontinuität. Natürlich kenne ich Oliver Krähenbühl besser als Beat Woodtli. Inhaltlich, bin ich der Meinung, dass mit Oliver mehr Ideen und mehr Gestaltung im Sinne der Kontinuität möglich sein würden. Das hat Zukunft Suhr mit dem Engagement für das Dorf in den letzten Jahren bewiesen.

Heisst das: Wie immer die Wahlen ausgehen – Sie verstehen sich als Mediator, der es versteht, alle Player unter einen Hut zu bringen?

 Genau. Auch im Milchgeschäft treffe ich mehrheitlich auf konservative Leute. Und auch da mache ich immer wieder sehr positive Erfahrungen.

Suhr bezieht die Bevölkerung stark in den politischen Prozess ein. Stichwort Info-Forum. Wollen Sie das in diesem Stil weiterführen?

Ja, auf jeden Fall. Vielleicht findet man zudem Wege, wie man den Miteinbezug der Bevölkerung noch optimieren kann.

Autor

Ueli Wild

Ueli Wild

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