Stadtpräsidentin Urech
«Manchmal wünsche ich mir, die Aarauer gingen gelassener durchs Leben»

Jolanda Urech ist seit einem Jahr Stadtpräsidentin von Aarau. Im Interview mit der Aargauer Zeitung spricht sie über ihr erstes Jahr, über das FC-Aarau-Stadion und ihre Rolle im «Bestatter».

Katja Schlegel und Hubert Keller
Merken
Drucken
Teilen
Jolanda Urech in ihrem Büro im Stadthaus. An der Wand eines ihrer Lieblingsbilder, gemalt von Cosimo Gritsch.

Jolanda Urech in ihrem Büro im Stadthaus. An der Wand eines ihrer Lieblingsbilder, gemalt von Cosimo Gritsch.

Alex Spichale

Frau Urech, Aarau treibt eine Frage um: Wann findet der Spatenstich für das Fussballstadion statt?

Jolanda Urech: Ich wage keine genaue Prognose. Das Geschäft liegt beim Regierungsrat, der wird in den nächsten Wochen entscheiden. Dann hängt alles davon ab, ob dieser Entscheid akzeptiert wird. Es wäre schön, könnten wir den Spatenstich 2015 machen.

Wie gehen Sie als Stadtpräsidentin mit einem so schwierigen Thema wie dem Stadion um? Seit Monaten warten die Aarauer auf Antworten und nichts passiert.

In der Politik braucht man einen langen Atem. Unsere demokratischen Abläufe sind vorgegeben, und der Bürger hat viele Möglichkeiten, in einen solchen Prozess einzugreifen. Das ist auf der einen Seite gut. Entscheide werden schlussendlich von allen getragen, Fehlentscheide können ausgeglichen werden. Es gibt aber auch Projekte, bei denen man sich wünscht, dass sie umgesetzt werden können oder in eine neue Phase kommen. In solchen Momenten steht man als Stadtpräsidentin auch nicht immer über der Sache. Man hofft auf einen Entscheid, auf eine Einigung.

Hand aufs Herz: Wie haben Sie auf die Nachricht reagiert, dass eine Beschwerde eingegangen ist?

Ich war enttäuscht wie viele andere auch. Es wäre für die Stadt ein starkes Zeichen, wäre die Baubewilligung rechtskräftig geworden. Viele Leute warten seit Jahren darauf. Jetzt hängt alles an diesem einen Faden. Aber das muss man akzeptieren. Der Beschwerdeführer hat sein Recht wahrgenommen.

Mit der Brücke Pont Neuf hat ein anderes umstrittenes Projekt eine Hürde genommen. Obwohl es starker Kritik ausgesetzt war, hat das Volk schliesslich deutlich Ja gesagt. Wie erleben Sie solche Momente?

Diskussionen sind etwas Gutes, Meinungen müssen auf den Tisch kommen. Gerade beim Pont Neuf wurden viele Leserbriefe geschrieben und zwar von beiden Lagern. Das war ein gutes Zeichen. Aber ich hätte vor der Abstimmung keine Prognose gewagt. Dass das Resultat so deutlich ausfiel, hat mich sehr gefreut. Für den Stadtrat ist es ein gutes Gefühl, die Bestätigung vom Volk zu erhalten.

Aarau ist eine ruhige Stadt. Man wettert zwar hinter vorgehaltener Hand, aber öffentlich tut man seinen Unmut nicht kund.

Das höre ich auch immer wieder, insbesondere wenn auswärtige Leute den Einwohnerrat besuchen und finden, das ginge so ruhig zu und her. Aber das empfinde ich nicht als schlecht. Es ist kein Zeichen von mehr Meinungsvielfalt, wenn man sich beschimpft. Es muss eine Diskussion stattfinden, aber das funktioniert in Aarau auf sehr anständigem und sachlichem Niveau.

Und doch ist man nie zufrieden, verhindert dieses und jenes Projekt. In einer anderen Stadt wäre das Stadion längst beschlossene Sache.

In Aarau werden schnell Rechtsmittel ergriffen, das stimmt. Fairerweise muss man sagen, dass solche Einwendungen manchmal sinnvoll sind und sogar bessere Lösungen bringen. Aber manchmal sind es nur pure Verzögerungen. Es herrscht eine Betroffenheitspolitik, bei der zu wenig aufs Ganze geschaut wird. Manchmal wünschte ich mir für die Aarauerinnen und Aarauer, dass sie grosszügiger und gelassener durchs Leben gehen und Freude an ihrer Stadt haben, die eigentlich alles bietet, um zufrieden zu sein.

Wie haben Sie das erste Jahr als Präsidentin dieser Stadt erlebt?

Das Jahr ging sehr schnell vorbei. Es war unglaublich dicht und intensiv. Der Wakker-Preis war ein motivierender Start in die neue Legislatur. Ich bin voller Eindrücke, Erlebnisse und Begegnungen. Der Abschied von der Schule, von meiner Suhrer Sekklasse ein halbes Jahr vor Schulende, war für mich nicht einfach. Aber mittlerweile bin ich im neuen Amt angekommen.

Haben Sie Zeit dafür, all diese Eindrücke zu verarbeiten?

Zeit ist sehr rar und kostbar geworden. Ich muss mir Freiräume schaffen und nehmen für meine Familie, meinen Partner und meine Freundschaften. Im Alltag schreibe ich Tagebuch. Nicht jeden Tag, aber ich habe es immer bei mir. Das mache ich schon lang so. Das hilft mir, zu verarbeiten, was ich tue. Da kommen Sachen rein, die mich freuen oder die mich ärgern. Durch das Schreiben werden Dinge fassbar und es gibt mir eine Zufriedenheit. Das ist sehr wertvoll.

Nehmen Sie ein Dossier mit in die Weihnachtspause?

Nein. Ich bin nur vier Tage weg, diese Zeit brauche ich zum Regenerieren.

Was tun Sie als Stadtpräsidentin am liebsten?

Sobald ich mit Menschen an einem Tisch sitze und etwas Konkretes entsteht, ist mir wohl. Ich löse gerne Probleme, bringe gerne ein Geschäft weiter. Ich finde es hoch spannend, die verschiedenen Meinungen zu bündeln und eine Lösung zu finden. «S chunnt guet» ist mein Motto.

Was bringt das kommende Jahr an Herausforderungen?

Ich freue mich sehr auf die Eröffnung des Stadtmuseums und die beiden Grossanlässe Volksmusikfest und Gigathlon. Dann stehen viele grosse Entscheidungen an: Das Mammutprojekt zur Stabilisierung des Finanzhaushaltes wird im ersten Halbjahr sehr viele Kräfte binden.

Der Sparwille ist vorhanden, handkehrum sind da viele Sachzwänge, die einem das Gefühl vermitteln, man könne die Ausgaben gar nicht stoppen. Grosse Sparbrocken sind schwer auszumachen.

Wir müssen beim Investitionsprogramm genau hinschauen und Projekte suchen, auf die man verzichten, die man verschieben oder bei denen man den Standard senken kann. Das werden zum Teil sehr schmerzhafte Entscheide werden.

Was kommt nebst dem Sparen?

Die ganze Alterspolitik zum Beispiel, mit der Verselbstständigung der Altersheime, und das Raumentwicklungsleitbild, das jetzt in die Bau- und Nutzungsordnung überführt wird. Dann kommt der Massnahmenkatalog zum Esak-Gegenvorschlag, dessen Vernehmlassung jetzt abgeschlossen ist. Ich bin gespannt, ob die Bevölkerung, die damals zur 2000-Watt-Gesellschaft A gesagt hat, jetzt auch B sagt.

Und der Zukunftsraum?

Der Zukunftsraum ist für mich ein ganz wichtiges Projekt. Es ist gelungen, mit allen beteiligten Gemeinden eine gute Basis zu legen. Wir haben ein gegenseitiges Vertrauen aufgebaut, und das ist absolut zentral. Im Sommer werden wir den Bericht mit den Vor- und Nachteilen zu Fusion oder vertiefter Zusammenarbeit bekommen. Interessant wird sein, wie man in den einzelnen Gemeinden den Bericht zur Diskussion stellt und wie die Bevölkerung darauf reagiert, sodass endlich auch eine öffentliche Diskussion entsteht. Darauf bin ich sehr gespannt. Es ist absolut nötig, dass der Zukunftsraum nicht mehr länger nur auf der politischen Ebene diskutiert wird. Ich bin sehr zuversichtlich.

Ein Projekt des Zukunftsraums ist der Kreisschulverband Aarau-Buchs. Dieser wird vor allem von Aarauer Seite kritisiert. Was würde es bedeuten, würde die Kreisschule abgelehnt?

Die künftige Schulorganisation ist eine Bewährungsprobe. Hier würde man den Zukunftsraum an einem konkreten Beispiel leben. Die aktuelle Diskussion zeigt, dass solche Projekte immer auch Ängste schüren, und diese muss man ernst nehmen. Es freut mich, dass beide Einwohnerräte so positiv auf den Kreisschulverband reagiert haben.

Ihnen ist Harmonie wichtig. Wie geht es Ihnen, wenn Sie angegriffen werden?

Ich suche den Ausgleich, richtig. Solange Angriffe auf die Sache gehen, kann ich gut damit umgehen. Nach 13 Jahren in der Politik bin ich auch gewohnt, dass nicht immer alles gelingt.

Ist das schwierig für Sie, als Stadtpräsidentin Entscheide des Stadtrats nach aussen zu vertreten?

Der Stadtrat ist eine Kollegialbehörde. Diskussionen finden im Stadtratssaal statt. Wenn entschieden ist, tritt der Stadtrat gegen aussen mit einer Stimme auf. Das ist wichtig und macht mir keine Mühe. Als Stadtpräsidentin ist man exponierter denn als Stadträtin. Manchmal ist es auch ein einsamer Job. Man ist zwar immer unter Leuten und an vielen Anlässen, aber viele wichtige Entscheide muss ich selber fällen.

Passen Sie besser auf, wem Sie was sagen?

Das ist eine der Erfahrungen, die mich dieses Jahr überrascht und beschäftigt haben: Kommunikation ist unglaublich wichtig, aber auch äusserst anspruchsvoll. Mit den heutigen Möglichkeiten zur Kommunikation verbreitet sich jede Nachricht in Windeseile. Ein dahergesagter Satz bekommt plötzlich eine ungeheure Wichtigkeit, und man hat unverhofft ein riesiges Problem. Das ist ein neues Phänomen und wir haben viel Zeit darauf verwendet zu planen, wann wem was gesagt wird.

Bekommen Sie aus der Bevölkerung Feedbacks für Ihre Arbeit?

Ich spüre viel Wertschätzung. Die Leute merken, was es heisst, ein solches Amt auszuführen. Und sie wiederum schätzen es, dass ich ihre Anlässe besuche und ihnen Wertschätzung für das, was sie tun, entgegenbringe. Wenn ich an Anlässen oder auf der Strasse angesprochen werde, gibt mir das viel Energie für diese Arbeit.

Haben Sie erreicht, was Sie sich für das erste Jahr vorgenommen haben?

Ich habe kürzlich durch meine Wahlbroschüre geblättert und geschaut, was ich den Wählerinnen und Wählern versprochen habe. Danach war ich beruhigt, ich bin auf Kurs (lacht).

Keine Pendenz?

Ich habe mir dieses erste Jahr gegeben, um vieles kennen zu lernen und zu begreifen. Trotz zwölf Jahren als Stadträtin ist das Stadtpräsidium noch einmal etwas ganz anderes. Ich hatte mir vorgenommen, bis Ende Jahr alle Abteilungen persönlich zu besuchen. Bis auf das KuK und die Stadtbibliothek habe ich das geschafft. Auch der Kontakt zu verschiedenen Firmen, Verbänden und den Gemeinden war mir wichtig.

Eine letzte Frage: In der neusten «Bestatter»-Staffel wird Ihnen im Abspann gedankt. Sehen wir Sie bald als Leiche?

(Lacht) Ich bin erklärter «Bestatter»-Fan, aber ich war auch überrascht, meinen Namen im Abspann zu sehen. Entweder ist das ein Dankeschön für ein Zvieri, das wir der Crew spendiert haben.

Oder?

Ich habe der Crew einmal gesagt, dass ich gerne als Statistin mitspielen würde – nur bloss nicht als Leiche. Beim Dreh beim Friedhof Rosengarten durfte ich dann einen Spazierweg entlanggehen. Ob sie mir dafür danken oder weil wir sie als Stadt unterstützt haben, weiss ich nicht. Ich weiss auch nicht, ob ich in einer Folge vorkomme oder ob sie mich herausgeschnitten haben. Aber ich habe der Crew gesagt, für eine vierte Staffel würde ich ihnen als Drehort gerne das Rathaus anbieten.