Als Ende März 1889 in Paris der Eiffelturm fertiggestellt war und trotz heftiger Proteste gegen diesen «Schandfleck» fürs Publikum freigegeben wurde, geschah in Unterentfelden etwas weit weniger Spektakuläres: Die Musikgesellschaft Unterentfelden (MGUE) wurde gegründet.

125 Jahre später sitzen fünf Aktive am Tisch, erzählen, wie sie zur Musik und zur MGUE gekommen sind. Sie müssen es gar nicht in Worte fassen, sie leben es vor: Sie sind lebende Beispiele für das, was der amerikanische Psychologe Howard Gardner sagt: «Die musikalische Intelligenz ist eine der wichtigsten Teilintelligenzen des Menschen. Die Welt der Töne befähigt Menschen, ihre Umgebung besser zu verstehen und sich anderen mitzuteilen. Musizieren lässt die Verbindung zwischen den Nervenzellen beider Gehirnhälften besser wachsen, fördert Konzentration und Kommunikation.»

Vom Paukist zum Tubaspieler

Tagsüber sitzen sie im Büro, stehen vor einer Schulklasse, arbeiten an der Werkbank, stecken in einer Aus- oder Weiterbildung, die 44 aktiven Mitglieder der MGUE. Am Donnerstagabend treffen sie sich im Gemeindehaus, oben im Singsaal. Zusammen erarbeiten sie neue Programme, pflegen die Kameradschaft, freuen sich auf den nächsten Auftritt. Vor ihnen steht ein erfahrener Dirigent seit 26 Jahren: Daniel Willi. Auch nach bald drei Jahrzenten ist er alles andere als müde. Er motiviert, lenkt, setzt zusammen, was auseinanderzudriften droht, quittiert mit einem Lächeln, wenn es klappt. «Normalerweise beträgt die Verfallzeit eines Dirigenten fünf bis zehn Jahre», schmunzelt er.

Daniel Willi ist indessen nicht der Doyen. Diese Ehre gebührt Ernst Vogt. Seit vierzig Jahren gehört er zu den Aktiven. Er hat als Paukist begonnen, und irgend einmal hat ihm der Dirigent gesagt, es fehle ein Tubaspieler. Also hat Vogt die Tuba zur Hand genommen, ein Kollege hat ihm die wichtigsten Griffe gezeigt, und los gings. Vogt gegenüber sitzt Massimo Rossi, das jüngste Mitglied, Posaunist. Er ist dabei, weil er sich in der MGUE das Rüstzeug für den Eintritt ins Rekrutenspiel holen will. «Die Hürde, dort aufgenommen zu werden, ist hoch, sind doch die meisten, die es schaffen, Musik-Studenten», sagt er. Kein Zweifel, Massimo wird es schaffen. Das spürt man, das innere Feuer lodert, aber das äussert er nicht so, denn der 16-Jährige ist ein Mann der Töne, nicht der Worte.

Der Liebe wegen eingetreten

Stellvertretend für all die treuen MGUE-Mitglieder sind auch Maja Grob Baumann und Stefan Suter. Suter ist seit Kurzem Präsident des Vereins. Er hat das Amt nicht aus Prestigegründen übernommen, sondern als «Primus inter pares», der dem Ganzen dienen will. Man nimmt ihm das ab, er wirkt authentisch, kommunikativ, ist zudem ein versierter Baritonsax-Spieler, der das Vereinsleben nicht nur von aussen, sondern, was besonders wichtig ist, auch von innen her kennt. Maja Grob Baumann ist der Liebe wegen in die MGUE gekommen. Ihr damaliger Freund und heutige Ehemann hat sie mitgenommen, und sie ist hängen geblieben. Nicht nur wegen des Mannes an ihrer Seite, sondern weil ihr ihre Instrumente, die Flöte und das Piccolo, Freude machen und weil sie gerne im Team musiziert, im Team, das sich in Harmoniebesetzung präsentiert. Harmonie ist denn auch ein Label, das sich die MGUE mit gutem Gewissen auf die Fahne schreiben darf.

Fünf kleine Geschichten, die das Leben des Ensembles prägen. Es gibt 39 weitere Geschichten. Ihnen ist es zu verdanken, dass die MGUE, die in der zweiten Stärkeklasse spielt, funktioniert, sehr gut sogar. «Im Vergleich zu früher haben sich die Stärkeklassen nach oben bewegt, die Anforderungen an die Qualität steigen», meint der Dirigent.

Vielseitiges Repertoire

Früher spielten die Musikvereine Märsche und das wars. Das Repertoire der MGUE geht weit darüber hinaus. Pop, Rock, Latin, Jazz, das sind keine Tabus. Man spielt gute Arrangements, auch auf der Strasse, wenn der Verein durch Dörfer und Städte marschiert oder die berühmten MGUE-Evolutionen präsentiert. Gerade diese Evolutionen und die schönen Uniformen waren mitunter Gründe, weshalb Stefan Suter zur MGUE gestossen ist und es bis heute keinen Tag bereut hat. Für Ernst Vogt waren die neuen Trends im Repertoire schon gewöhnungsbedürftig. Aber er macht mit, auch wenn er mitunter etwas spielen muss, das nicht aus seiner Welt kommt. Was war denn sein eindrücklichstes Erlebnis mit der MGUE? «Das war unser Auftritt in der Arena des Eidgenössischen Schwingfestes, im August 2007 in Aarau, vor über 40000 Zuschauern,» sagt er. Die anderen nicken. Nur Massimo Rossi nicht, er war damals noch nicht dabei. Vielleicht aber das nächste Mal, bei einem Grossanlass, dem Eidgenössischen Musikfest im Juni 2016 in Montreux.

Der Eiffelturm und die MGUE – beides gibt es heute noch, und niemand würde sich wünschen, dass eines von beidem verschwinden würde.