«Er macht nichts»
Manche Hunde bellen nicht nur, sie beissen auch – nämlich Briefträger

Wenn Pöstler von Hunden angegriffen werden, kann das für den Halter unangenehme Folgen haben. Schlimmstenfalls bekommt der Hundebesitzer seine Post nicht mehr geliefert.

Pascal Meier
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Von der Hand in den Mund.

Von der Hand in den Mund.

Aargauer Zeitung

Peter Krapf ist ein erfahrener Briefträger, und doch war der Schrecken gross. Als er frühmorgens mit Töff, Briefen und Päckli durch das verschlafene Holziken fuhr und auf dem Vorplatz eines Hauses stoppte, schoss plötzlich ein Schäferhund auf ihn zu. Krapf drückte wieder aufs Gas. «Sonst hätte ich keine Hosen mehr gehabt.»

Das ist kein Einzelfall. Die Legende, dass Hund und Pöstler gern Katz und Maus spielen, ist wahr und für viele Briefträger unangenehmer Alltag. «Hunde haben ein Problem mit uns Briefträgern», sagt Bettina Blatter, die seit über zwölf Jahren in verschiedenen Gemeinden im Westen des Kantons auf Tour ist. «In Aarau hat mich einmal ein Dalmatiner aus dem Hinterhalt angefallen. Zum Glück erwischte er nur meine Regenhose.»

Nicht immer enden solche Vorfälle glimpflich. Dunkle Bissspuren an der Hand der Arbeitskollegin von Bettina Blatter zeugen von der letzten Begegnung zwischen Mensch und Tier. «Kennt man alles», sagt die Pöstlerin ruhig, als gehöre das einfach dazu. Ein weiterer Briefträger ist in den vergangenen 40 Jahren siebenmal gebissen worden, zweimal in den Hintern. «Viele Pöstler haben Angst vor Hunden», sagt er. «Und die Hunde merken das.»

Hund kann eingeschläfert werden

In der Post-Zentrale werden die Vorfälle ernst genommen. Wie oft Hunde die Pöstler bei der Arbeit beissen, wird zwar nicht registriert. Bei insgesamt 1200 Betriebsunfällen unter den rund 14 000 Briefträgern und 1700 Paketboten kamen letztes Jahr solche Vorfälle laut Post-Mediensprecher Bernhard Bürki jedoch nicht sehr oft vor: «Im Verhältnis zu anderen Unfallursachen betrachten wir das Risiko als mässig.» Da der Kontakt mit Hunden aber unvermeidbar ist, werde dem Thema besondere Aufmerksamkeit geschenkt.

Weil mit Hundebissen nicht zu spassen ist, muss der angegriffene Pöstler in jedem Fall zum Arzt. Im Suva-Protokoll wird unter der Rubrik «Schädigung» das Wort «Biss» vermerkt. Der Arzt wiederum ist verpflichtet, den Vorfall dem kantonalen Veterinäramt zu melden.

Das kann für den Halter unangenehm werden: Das Veterinäramt bittet Hundehalter und Opfer um eine Stellungnahme und entscheidet dann über die weiteren Schritte. «Die Massnahmen reichen von einer Verwarnung bis hin zur Anordnung eines Verhaltenstests», sagt Kantonstierärztin Erika Wunderlin. Die Massnahmen müssten dabei der entsprechenden Situation angepasst werden. «Rennt ein Hund aus dem Garten und verletzt eine Person oder ein Tier, dann ist eine mögliche Massnahme, dass der Garten eingezäunt werden muss», erklärt Wunderlin. Im Fall einer Attacke im Freien könne Leinenpflicht ein Thema werden. Eine solche war im vergangenen Jahr im Kanton Aargau insgesamt 16 Mal angeordnet worden; nicht nur bei Fällen mit Briefträgern. Zu den weiteren Massnahmen gehören Maulkorbpflicht oder Verhaltenstest. «Als Ultima Ratio kann die Euthanasie angeordnet werden.» Das heisst: Das Tier wird eingeschläfert.

Unbelehrbare Hundehalter

Manchmal ärgern sich die Pöstler jedoch viel mehr über die Hundehalter als über dessen Tier. «Der macht doch nichts», sind Worte, die Briefträger auf ihrer Tour durch die Quartiere oft hören. Oder: «Der bellt doch nur!» Ist die Konfrontation mit einem Hund für einen Pöstler nicht mehr zumutbar, kann die Postlieferung eingestellt werden und der Hundehalter muss seine Briefe und Päckli auf der Poststelle abholen. «Hier gibt es keine allgemeingültige Regel», sagt Post-Sprecher Bernhard Bürki. «Allermeistens finden wir eine Lösung mit dem Hundebesitzer.»

Gewisse Hundehalter sind jedoch unbelehrbar, was mehrere Briefträger bestätigen. Das illustriert der Fall einer Frau, die keine Post mehr erhielt, weil ihre Hunde nicht angebunden waren und den Pöstler ständig anbellten. In einem Leserbrief machte sie ihrem Ärger Luft, nannte die Briefträgerin «eine hysterische Frau» und kritisierte die Post wie folgt: «Kann sich die Post das leisten, obwohl unsere Hunde bloss bellen und nicht beissen? Können die Postoberen uns nun vorschreiben, dass wir die Hunde einsperren, wenn der Pöstler die Post bringt?»

Die Antwort ist klar und steht im Gesetzesbuch: Tiere sind so zu halten, dass sie Menschen und andere Tiere weder gefährden noch verängstigen. Und dazu gehört auch der Pöstler.

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