«In den Bergen braucht es den ganzen Menschen. Das ist Hochleistungsgehirnjogging», sagt Christoph Liebetrau (60). An einer ausserordentlichen Generalversammlung im letzten Oktober wurde er zum Präsidenten des SAC Aarau gewählt; am 1. März 2019 folgt voraussichtlich die Bestätigung für die nächsten zwei Jahre.

Ist Bergsteigen eine Sucht? «Vielleicht ist es eine Sucht, vielleicht eine Sehnsucht nach dem Urtümlichen. Man muss mit der Natur gehen, mit ihr eins sein», sagt er. Und man müsse mit sich im Reinen sein.

Es ist zu spüren: Da spricht ein Mensch, der die Berge liebt. Und das Wandern im Gebirge, das Klettern in den Felsen. «Mein Blick ist meistens mehrere Meter vor mir, im Kopf sind die Meter gespeichert, und die Füsse wissen, wie und wohin sie treten müssen.» Höchste Konzentration ohne Verkrampfung.

Körperliche und geistige Fitness seien unabdingbar für diesen Sport, sagt der Maschineningenieur, der bei Schindler in Ebikon als «Chief Engineer Corporate Innovation» arbeitet. Als Innovator also, was den Bau von Aufzügen betrifft. Manchmal fährt er mir dem Velo aus dem Wynental nach Ebikon bei Luzern. «Mit elektrischer Verstärkung», schmunzelt Liebetrau.

Freiwilligenarbeit für Wanderer

Die SAC-Sektion Aarau ist die grösste im Aargau und landesweit eine der grössten. Als Präsident führt Christoph Liebetrau 3000 Mitglieder. Würde oder Bürde? «Verantwortung und Arbeit; in erster Linie aber Freude», sagt er. Mit einer so grossen Mitgliederzahl habe der SAC Aarau eine sehr gute Ausgangslage, um vielen Leuten Erlebnisse in einer intakten Natur zu ermöglichen.

Ohne Freiwilligenarbeit gäbe es in den Bergen viele Wege und Hütten mit Übernachtungsmöglichkeiten nicht. Von wegen Hütten: Liebetrau war während zehn Jahren als Hüttenchef zuständig für die Chelenalp-Hütte im Urnerland. Als Verwalter und Bindeglied zwischen dem Hüttenwart vor Ort und dem SAC. Nicht nur die Hütte muss unterhalten werden; auch die Wege wollen im Frühling wieder hergerichtet sein.

Erklärtes Ziel des neuen SAC-Präsidenten ist es, alle Altersgruppen zur Mitarbeit im Verein zu animieren, sei es bei Ausbildungskursen (z. B. Eis- und Firnkurs, Seiltechnik, Klettertrainings), auf Touren oder in der Tourenleiterausbildung. «Pro Jahr sind über 200 Anlässe geplant; davon können etwa 20 Prozent wetterbedingt nicht durchgeführt werden», sagt Liebetrau. Dazu bietet der SAC wöchentliche Trainings in der Kletterhalle und Fitnesstrainings an.

Schwedische Nordlichter

Es gebe beim Klettern schon Situationen, wo man sich frage, warum man sich das antue. Am Ziel erübrige sich eine Antwort. Das Hochgefühl und eine innere Zufriedenheit entschädigten für die Anstrengung. Immerhin steht man in der Nacht auf; um 3 oder 4 Uhr marschiere man los. «Grandios, der Sonnenaufgang auf einem Grat, die Umgebung», schwärmt er.

Nordschweden hat es ihm vor allem angetan; im März gehts zum fünften Mal in den Norden. Suchtpotenzial hätten diese zwei Wochen mit Ski und Zelt im Schnee: «Die endlose Weite ohne jegliches Zeichen von Zivilisation, Landschaften, die aussehen wie Bleistiftzeichnungen, Momente der absoluten Stille, orkanartige Stürme, Temperaturstürze von 20 Grad innert einer Stunde. Und natürlich die Nordlichter – das sind einzigartige Erlebnisse.»

Gemeinschaftserlebnis

Alleine mache es ihm wenig Spass, in die Berge zu gehen: «Das Teilen von Erlebnissen macht es aus.» Zudem ermögliche manchmal erst das kumulierte Wissen die Überwindung von Gefahren. Da ist es wichtig, dass man sich aufeinander verlassen kann. Vertrauen. Der SAC will Menschen zusammenbringen, die sportlich, kulturell, wissenschaftlich oder ideell an der Bergwelt interessiert sind.

«Ja, das Klettern hat auch etwas Meditatives», sagt Christoph Liebetrau. Man lebt ganz im Augenblick, nimmt die Veränderungen im Gebirge wahr, sieht den Klimawandel im lockereren Gestein. «Ein Stein kann immer kommen», weiss er. Und ergänzt: «Du musst in Bruchteilen von Sekunden Entscheidungen treffen.» Hochleistungsgehirnjogging eben. Etwas anderes als Kreuzworträtsel lösen oder flachwandern.