Aarau
Man liebt sie oder man hasst sie: Saatkrähen halten Kantonsspital auf Trab

Schweizweit nimmt die Krähenzahl leicht zu - stark vertreten sind die Krähen auf dem Gelände des Kantonsspitals Aarau (KSA). Worin sich ihre aussergewöhnliche Intelligenz zeigt und warum Hitchcock am schlechten Image der schwarzen Vögel nicht unschuldig ist.

Ann-Kathrin Amstutz
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Saatkrähen-Kolonie am Kantonsspital Aarau
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Eine Saatkrähen-Kolonie von 78 Vögeln lebt beim Kantonsspital Aarau.
Saatkrähen stellen das Kantonsspital Aarau vor Lärm- und Dreckprobleme. (Archiv)
Adolf Fäs beobachtet die Krähen am KSA aus Leidenschaft. Die az hat ihn schon 2015 begleitet. (Archiv)
Der pensionierte Arzt und Hobby-Ornithologe kennt die Kolonie in- und auswendig.
Jedes Jahr zählt er auch die Nester. 39 sind es dieses Jahr.

Saatkrähen-Kolonie am Kantonsspital Aarau

zvg / Adolf Fäs

In der Saatkrähen-Kolonie am Kantonsspital Aarau (KSA) ist der Teufel los. Hier entbrennt der Kampf um einen guten Nistplatz, da klaut ein besonders Frecher Zweige aus dem Nachbarsnest.

Unter lautem Krächzen segeln die Krähen über dem Haus 1 durch die Luft, ruhelos, ständig kommunizierend. Kaum einmal sind die Krähen und ihre Nester so gut sichtbar wie jetzt, kurz vor der Brutzeit, wenn die hohen Bäume noch keine Blätter tragen.

Der Saatkrähenbestand nimmt schweizweit zu. So spielen sich in anderen Städten ähnliche Szenen ab. Die «NZZ» berichtete, wie die Stadt Bern mit Plastik-Uhus gegen die «Störenfriede» vorgehe. Für manche Stadtbewohner seien die Krähen eine echte Plage. Ist das auch in Aarau der Fall?

Erfolglos verscheucht

Klar ist: Die Saatkrähen-Kolonie am KSA prosperiert. 2007 kamen die ersten Vögel, mittlerweile ist sie eine der grössten im Kanton. Das bringt unangenehme Begleiterscheinungen mit sich, wie KSA-Mediensprecherin Andrea Rüegg sagt: «Neben dem Lärm bereitet vor allem der Kot auf den Wegen Mehrarbeit. Das Team Arealunterhalt muss zwei- bis dreimal täglich mit den Putzmaschinen durchfahren.»

In der Vergangenheit waren verschiedene Abschreckungsversuche erfolglos. Weder das Entfernen der alten Nester ausserhalb der Brutzeit noch das Aufhängen von Folienbändern brachten einen spürbaren Effekt.

Aktuell versucht das KSA, die Krähen auf weniger exponierte Bäume zu bringen. «Dazu setzen wir Klangelemente ein», sagt Andrea Rüegg. Doch sie weiss: «Die Krähen haben hier ein Zuhause gefunden – und werden bleiben.»

Deshalb möchte das KSA «ein sinnvolles Miteinander von Krähen und Menschen finden», so Andrea Rüegg. «Viele Kollegen sagen, sie fänden die Tiere faszinierend. Ich denke, es gibt Freunde und Feinde dieser Vögel.»

Krähen erkennen ihr Spiegelbild

Ganz klar zu den Freunden gehört Adolf Fäs. Der pensionierte Arzt und Hobby-Ornithologe kennt die Kolonie am KSA wie kein Zweiter: Seit Jahren beobachtet er sie und zählt die Nester. 39 sind es dieses Jahr.

Fäs stört sich daran, dass die Wahrnehmung der Krähen fast immer negativ ist: «Allpott wird in den Medien auf den Krähen herumgehackt.» Er ist überzeugt: «Die Krähen sind den Menschen ähnlich.» Adolf Fäs verweist auf die aussergewöhnliche Intelligenz der Vögel, die etwa ihr eigenes Spiegelbild erkennen können. Dass solche Fakten wenig bekannt sind, weiss auch Fäs: «Es ist noch viel Aufklärungsarbeit nötig.»

So ist etwa wichtig zu wissen: Krähe ist nicht gleich Krähe. Bei uns kommen zwei Arten mit komplett unterschiedlichen Lebensweisen vor: Saatkrähen (erkennbar am grauen Schnabel) und Rabenkrähen.

Erstere brüten in Kolonien im Siedlungsgebiet, letztere paarweise in Revieren. Für aufgerissene Abfallsäcke sind meist die 20 Mal häufigeren Rabenkrähen verantwortlich, die auch bei Landwirten ungern gesehen sind: Schwärme von halbstarken Jungvögeln können grosse Schäden am Saatgut anrichten. In Birmenstorf begann deshalb ein Pilotprojekt für die spezialisierte Krähenjagd mit Lockvogelattrappen und Krähenfallen.

Während Krähengegner in die Öffentlichkeit drängen, verhalten sich die Befürworter meist still. Das sagt Michael Schaad von der Schweizerischen Vogelwarte Sempach. «Viele Leute haben Freude an den Krähen, doch sie sagen es weniger laut.» Woran das liegt, ist schwer abzuschätzen.

Haben die Rabenvögel etwa immer noch ein Image-Problem? Michael Schaad würde das zumindest nicht ausschliessen. So waren die Rabenvögel, insbesondere der Kolkrabe, im Mittelalter als Galgenvögel bekannt. Die Allesfresser suchten die Nähe von Hinrichtungsstätten, wo sie sich an den Leichen Erhängter gütlich taten. Okkulte Kreise brachten die Rabenvögel gar mit Hexen, schwarzer Magie oder dem Teufel in Verbindung.

Image-Problem wegen Hitchcock

Solcher Aberglaube ist heute selten geworden. An seine Stelle ist aber Fiktion neueren Datums getreten. Das beste Beispiel ist der Filmklassiker «Die Vögel» von Alfred Hitchcock. Dort greifen aggressive Krähen- und Möwenschwärme Menschen an – ohne ersichtlichen Grund.

Michael Schaad meint dazu: «Der Film hat den Ruf der schwarzen Rabenvögel wohl nachhaltig negativ beeinflusst.» Das glaubt auch Adolf Fäs. So wird er sich weiter für die Krähen einsetzen, bis wir sie als Nachbarn akzeptiert haben.

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