Aarau

Maienzug: «Mit Leib und Seele dabei, bis über die Ohren jugendfestverrückt»

Hermann Burger (1942–1989) war Germanist und Schriftsteller. Der Roman mit dem Titel «Lokalbericht» entstand in den Jahren 1970 bis 1972 und spielt in Aarau, in der Zeit rund um den Maienzug. 27 Jahre nach Burgers Tod wurde das Manuskript entdeckt.

Hermann Burger (1942–1989) war Germanist und Schriftsteller. Der Roman mit dem Titel «Lokalbericht» entstand in den Jahren 1970 bis 1972 und spielt in Aarau, in der Zeit rund um den Maienzug. 27 Jahre nach Burgers Tod wurde das Manuskript entdeckt.

Keiner beschreibt den Maienzug so wortgewaltig wie Hermann Burger – Auszüge aus dem 2016 erschienenen «Lokalbericht»

«Die Kadettenmusik schmettert eine längst überflüssige Tagwache an die Fensterläden und lässt halb eingeseifte Familienväter im Schritt aufs Klosett marschieren. Jung und Alt, Gross und Klein, Kind und Kegel, Mann und Maus, Reich und Arm, Krethi und Plethi, urbi et orbi, was da kreucht und fleucht, jedermann, männiglich, Freund und Feind putzt sich vom Scheitel bis zur Sohle heraus, ist mit Leib und Seele dabei, bis über die Ohren jugendfestverrückt und lässt sich, ratzeputz, mit Pauken und Trompeten, mit Schall und Rauch aus den Federn konzertieren, böllern oder auch ganz einfach klingeln. Kein Wecker muss heute unverdiente Schimpfwörter über sich ergehen lassen, kein Telefonfräulein wird schlaftrunken angeschnauzt, man ist mit Stumpf und Stiel von der Pieke auf dabei, Knall auf Fall gehen die Türen auf, Haus und Hof ergiesst sich mit Sack und Pack von A bis Z aufs Pflaster, man ist schlechthin omnipräsent.

Es gibt Leute, sogar alt eingesessene Alt-Aarauer, die behaupten, der Umzug sei das Schönste am ganzen Jugendfest. Redaktor Barzel weiss es, wie sich das für sein grosses, lokalhistorisches Wissen gehört, ein ganz kleines bisschen besser. Nicht der Umzug ist das Schönste, sondern die Besammlung, wenn die Mädchen und Buben scharenweise in die Graben-Allee strömen und ihren Klassenstandplatz aufsuchen, wenn sich die Vorfreude sozusagen ein letztes Mal personifiziert und gegen die Hauptfreude aufbäumt. Gross ist die Aufregung, gross der Stolz auf das Kornblumenkränzchen und das weisse Kleidlein samt weissem Täschchen, gross schreibt sich da jeder Diminutiv. Gross ist das herzige Techtelmechtel zwischen Klassengespänlein, gross das minutiöse Schnattern flügge gewordener Entlein, gross im Grossen und Ganzen alles Niedliche.

Aus zentraler Sicht liest sich die Umzugsbesammlung als ein tachistisches Gewühle unter einer grünen Blätterschlange, und aus den Gassen ergiesst sich das Kremser-Weiss tubenweise in die Allee, um dem Karminrot, Nubierschwarz, Jadegrün, Senfgelb und Kornblumenblau zu signalhaftem Leuchten zu verhelfen.

Die Kadettenmusik bläst den Kirchenglocken jenen Marsch, den alle kennen, und der Umzug setzt sich langsam, ruckend und zuckend, vom Stockturm aus gesehen, in Bewegung. Womit beginnen, womit aufhören? Welches Marschtempo, welche Richtung einschlagen? Auditiv oder optisch oder gar audiovisuell vorgehen? Die Schlange beisst sich in den eigenen Schwanz. Der Umzug zieht sich nicht durch die Stadt, sondern er erfüllt die Strassen und Gassen. Er ist überall, ein weisser Lindenwurm, dessen Schnauze die Kadettenmusik, dem Schwanz, der Studentenverbindung Allotria, trommelnd ins Gerippe beisst. Je schneller die Kadetten trommeln, desto zügiger müssen die Studenten singen.

Halten wir fest: Der Umzug zieht um. Dichtgesäumt die Strassen, auf den Balkonen überschäumt es, an den Fenstern drängt es sich, auf Baugerüsten hockt es, auf Flachdächern steht es schwindelfrei, in Passagen findet es Harasse, Sockel nützt es aus, auf Autodächer klettert es: das Festpublikum. Die Fahnen knattern oder baumeln lose im Wind. Nennen wir das Ganze ein Schaugepränge! Man guckt, sperbert, äugt, winkt und ruft. Vereinfachend gesagt: Jeder will von jedem gesehen werden.

Das übliche Bild: Eltern winken sich den Arm aus und Kinder sehen sie nicht, Eltern rufen: Peter, Barbara! Aber Peter und Barbara stellen sich taub, weil sie nicht zu den Eltern, sondern zum Umzug gehören wollen. Es ist der Lauf der Welt. Die Eltern wollen den Miteltern zeigen, dass sich auch ein Eisen im Feuer haben, während die Kinder vor den Mitkindern auf Elternlosigkeit wert legen. Sei dem, wie dem auch sei, immer kommt zur rechten Zeit eine Blechmusik, um dem langwierigen Erkennungsprozess ein schallendes Ende zu setzten. Blech blitzt in der Sonne, goldene Trichter kujehnen, spirrige Klarinetten schrauben sich auf einsame Höhen empor, und immer setzt der Trompeter hinten rechts kurzs aus, um die Ventile durchzupumpen und einem verblüfften Konzertpublikum zu lehren, dass einmal keinmal ist. Wer ein geübtes Auge für Blechmusiken hat, der heftet es auf den Paukisten. Denn: Wie der Paukenmann paukt, so zwitschern seine Jungen.

Jeder Umzug ist gleichzeitig eine Modeschau, wie ja das Leben schlechthin eine einzige, grosse Modeschau auf dem Laufsteg des Glücks ist. Seminaristinnen ergiessen sich in vier Kolonnen in die Bahnhofstrasse und stimmen manchen nachdenklich, der so viel Charme nicht in staubigen Schulstuben verwelken sehen möchte. Die Beine sind lang und gebräunt, die Röcke kurz, die Haare frisch gewaschen, die Lippen züchtig geschminkt. Kein Strauss kommt gegen diesen Korso jugendlicher Lindenblüten auf. Da und dort zuckt ein Männerherz zusammen, da und dort tritt einer seiner Gattin auf den Fuss, weil der Hals nicht lang genug sein will. Schönheit blendet. Wo nimmt die Stadt nur so viel Schönheit her?»

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