Suhr

Luxushotels waren die Welt dieses Aargauer Bauernbubs – bis zu einem Vollbrand

Tiflis, Paris, Shanghai: Hotelier Rolf Bertschi aus Suhr managte grosse Häuser, lebte luxuriös. Nach einem einschneidenden Erlebnis hat er jetzt sein Glück in der Provence gefunden.

Er hat das Schlimmste erlebt, was ein Hotelier erleben kann. Einen Vollbrand im Fünf-Sterne-Luxushaus. In der Silvesternacht. Mitten in Dubai. Mit 6000 Menschen im Haus, darunter der Scheich und seine Familie, und einer Million Schaulustiger auf den Strassen, die auf das Feuerwerk um Mitternacht warteten: Rolf Bertschi, Hotelmanager, 48 Jahre alt. «Da habe ich gemerkt: Hier bin ich fehl am Platz», sagt er über diese Nacht, über die Monate danach, über das Aufräumen, über das Weitermachen, als wäre nichts gewesen. «Das war kein Ort für mich als Bauernbub.» Es wird nicht das einzige Mal sein, dass er das mit dem Bauernbub sagt.

Ein Bauernbub ist er tatsächlich, aufgewachsen auf dem Meierhof in Suhr; etwas Ackerbau, ein Dutzend Kühe, ein paar Obstbäume. Rolf ist das Nesthäkchen, mit Abstand das jüngste von fünf Kindern, und er geniesst es. Er erlebt eine unbeschwerte Jugend, hat viele Freunde, spielt im Fussballklub und schmeisst bereits als Teenager Partys mit bis zu 800 Gästen. Es sind die Gastgeberqualitäten, die er von seinen Eltern Emil und Elvira Bertschi vorgelebt bekommen hat. «Wir hatten immer ein offenes Haus. Egal ob Freunde, ob Angestellte oder der Schäfer, der gerade mit seiner Herde übers Feld gezogen kam – am Tisch meiner Eltern waren alle willkommen.»

Schon als Teenager ist für Rolf Bertschi klar, dass er die Hotelfachschule in Lausanne machen und in die Grosshotelerie einsteigen will. Und das tut er auch. Frisch diplomiert will er mit 26 Jahren in die USA, einen Vertrag für eine der Top-Adressen in Florida hat er im Sack. «Doch dann hat die Liebe dazwischengefunkt.» Ein Glücksfall, auch beruflicher Art. Bertschi beginnt ganz unten, in der Warenannahme, als Assistent Einkauf. Aber es ist das Hotel Marriott in Zürich, eben frisch Teil der internationalen Kette einer amerikanischen Familie, extrem im Aufwind.

Im Aufwind ist auch Bertschi. Nach zehn Monaten führt er die Putzequipe, nach weiteren acht Monaten übernimmt er das Bankett- und Eventmanagement, knapp 28 Jahre alt. «Der Start ganz unten hat mir nicht geschadet, im Gegenteil», sagt er heute. «So konnte ich allen Mitarbeitern auf Augenhöhe begegnen, ich war für sie nicht nur der mit der Krawatte, ich war auch einer der ihren.» Bertschi grinst. «Ganz der Bauernbub.»

Zürich gefällt Bertschi. Doch ihn zieht es in die Ferne. So sehr, dass er eine Lohneinbusse von 50 Prozent in Kauf nimmt. Nach sieben Jahren Zürich zieht er nach Brüssel, als Manager eines frisch eröffneten Hotels, ebenfalls Teil der Marriott-Kette. «Da habe ich gelernt, wie wichtig kulturelle Anpassung ist.» Das Verständnis, dass man mit den Angestellten und den Menschen vor Ort zusammenarbeiten muss.

Rolf Bertschi zieht weiter. Nach Tiflis, kurz nach der Revolution. Wird in der Hardship-Destination von Marriott Meister der Improvisation und innerhalb der Kette in die internationale Liga katapultiert. «Da, wo es politisch wird, wo man zum Spielball wird.» Etwas, das Bertschi widerstrebt. Trotzdem bleibt er in der Kette, geht nach Paris und Schanghai, als Retter in der Not, in Häuser mit je 700 Betten. Doch es wird nicht einfacher mit den Strukturen. Nach zwölf Jahren bei Marriott zieht Bertschi einen Schlussstrich, gönnt sich eine Auszeit und geht dann zu Intercontinental nach Hongkong. In dieser Weltmetropole kann er neue Konzepte entwickeln und weitere Erfahrungen sammeln. Der Karriere zuliebe geht er für zwei weitere Jahre nach China. Dort wird er erstmals Vater. Seine Frau Andrea, eine Psychologin aus Basel, hat er in der Zeit in Schanghai kennen gelernt.

In Asien geht es der Familie gut. «Unser Leben als Expats war grossartig, der ganze Luxus nicht zu verachten», sagt Bertschi. Doch es ist diese Blase, diese Oberflächlichkeit, die dem Bauernbub erneut widerstrebt, die ihn in die Schweiz zurückkehren lässt. Doch dann kommt das Angebot aus Dubai. Hotelmanager im «The Address Downtown Dubai», direkt neben dem Burj Khalifa. Er kann nicht widerstehen. Die letzte ultimative Herausforderung vor der Unabhängigkeit soll es werden.

Und dann kommt diese Silvesternacht 2015/16. Der Vollbrand während der Luxus-Party. Rolf Bertschi verlässt als Zweitletzter das Gebäude. Tote gibt es offiziell keine, nur 16 Verletzte. Was folgt, sind fünf Monate Irrsinn. Dann geht der Bauernbub heim.

Trouvaille in Südfrankreich

Rolf Bertschi findet sein berufliches Glück wieder, schneller als gedacht. Nicht in der Schweiz, aber nah. In der Provence, in Sabran im Cèze-Tal: das Château de Montcaud. Einst stolzer Besitz des Schweizer Hoteliers Rudy Baur (Gründungsmitglied von Mövenpick), fristet es nach dessen Tod inmitten eines verwilderten Gartens ein Dornröschen-Dasein. Trotzdem oder gerade deshalb ist es Liebe auf den ersten Blick. «Die Einfachheit der Gegend, dieses Natürliche als Kontrastprogramm nach Dubai, das hat es uns angetan», sagt Rolf Bertschi.

Mit Andreas Vater, dem Unternehmer Jürg Witmer als Investor, übernimmt die Familie das Schlosshotel aus dem Jahr 1848 und renoviert es gemäss heutigen Gästebedürfnissen. Eineinhalb Jahre lang pendelt Rolf Bertschi zwischen der Familie in Basel (inzwischen mit zwei Kindern) und Südfrankreich, stiefelt mit den Handwerkern über die Baustelle, bändelt mit lokalen Lieferanten an, packt mit an. Auf Augenhöhe, ganz selbstverständlich, ganz der Bauernbub. «Das war unser Eintrittsticket», sagt er. Zwar bleibe man für die Einheimischen wohl auf immer und ewig die Schlossherren. «Aber sie kommen zu uns, sie erachten uns nicht als die Fremden. Wir sind Teil der Gemeinde.» Dafür sorgen auch die Parkanlage und die beiden Gastrobetriebe, ein Bistro und ein Restaurant, die öffentlich zugänglich sind. «Das Schlosstor steht allen offen.»

Im Sommer 2018 eröffnet

Seit Sommer 2018 sind Andrea und Rolf Bertschi Gastgeber im Schlosshotel Château de Montcaud mit seinen 29 Zimmern. Hier findet man den Luxus des Einfachen, so der Slogan. Und noch ein Geheimtipp abseits der Touristenströme, 40 Minuten von Avignon entfernt, 20 von Uzès oder der Ardèche.

Hier haben die Bertschis endlich ihre Ruhe, ihr Glück gefunden – auch wenn die Selbstständigkeit Rolf Bertschi schon die eine oder andere schlaflose Nacht beschert hat. Aber hier dirigiert ihn kein Reglement, hier mahlen keine politischen Mühlen, hier regiert kein internationaler Grosskonzern. Hier kann er sich selbst sein. Auf diesem Schloss regiert der Bauernbub.

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