Aarau
Lüschers Coiffeur-Ära geht zu Ende

Ein halbes Jahrhundert lang schnitten Hansueli und Käthy Lüscher Haare in den Goldern. Nun ist Schluss: Das Couffeur-Team Lüscher macht den Laden für immer dicht.

Sabine Kuster
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1966. Was die Frauen damals auf dem Kopf trugen, nannte man «Beehive», Bienenkorb. Die zu Türmen hoch auftoupierten Frisuren würden heute in keinem Kino mehr toleriert von den Zuschauern in den hinteren Reihen. Hansueli Lüscher, 21 Jahre alt, hatte soeben den Coiffeursalon an der Goldernstrasse28 übernommen. Im Salon stapelten sich die Bigoudis, auf dem Parkplatz stand sein weisser VW-Käfer.

45 Jahre sind seither vergangen, der Salon heisst noch immer Lüscher. Allerdings nur noch bis Ende Monat, dann übergeben Hansueli Lüscher und seine Frau Käthy ihr Geschäft der besten Lehrtochter, die sie je hatten.

Lieber Coiffeur als Viehhändler

Dabei hätte alles anders kommen können. Aus Hansueli Lüscher, geboren in Suhr, hätte auch ein Landwirt und Viehhändler werden können, wie sein Vater einer war. Aber seine Mutter fand, Coiffeur würde besser zu ihrem Sohn passen und die Landwirtschaft habe ohnehin keine Zukunft. «Du bisch ebe e Fiine gsy», sagt seine Frau. Die beiden sitzen auf zwei Coiffeurstühlen in ihrem Salon und versuchen in eineinhalb Stunden ihr Leben zu erzählen. So, wie es sonst ihre Kunden tun.

«Ich mochte den Kontakt mit den Leuten», sagt Hansueli Lüscher. Er schnupperte mit 15 Jahren in einem Salon neben der Aarauer Reithalle, dann begann er seine Coiffeurlehre in Reinach. Der Bauernbub lernte, den ganzen Tag zu stehen, von 8 bis 12 Uhr und von 13 bis 19 Uhr. Er lernte, mit den Erwachsenen Konversation zu machen, und er gewöhnte sich daran, wenig an der frischen Luft zu sein. Abends, wenn der Salon schloss, arbeitete er im elterlichen Betrieb weiter. «Es war kein Müssen», sagt er, «es war eine gute Abwechslung.»

Chef mit 21 Jahren

Er machte das Diplom, dann die Rekrutenschule. Nun hätte er eigentlich mit einem Freund, einem Pferdenarr wie er selbst, nach Paris reisen wollen. Morgens, so planten sie, würden sie als Jockey arbeiten, nachmittags in einem Coiffeursalon.

Doch die Pferde blieben ein Hobby. Frau Wehrli wollte ihren Coiffeursalon in den Goldern verkaufen, wo Lüscher nach der RS zu arbeiten begonnen hatte. Mit Vaters finanzieller Unterstützung übernahm er den Laden. 400 Franken bezahlte er für die Miete, Fr.5.50 kostete das «Waschen, Legen».

Vier Jahre lang half ihm die Mutter, dann lernte er Käthy kennen. Die beiden heirateten 1971, Käthy, gelernte Schuhverkäuferin, holte die Coiffeusenausbildung nach, Hansueli machte die Meisterprüfung. Seitdem stehen sie täglich zusammen im Salon an der Goldernstrasse und frisieren die Häupter aus dem Quartier und der ganzen Region um Aarau. «Wir wurden uns immer einig», sagt Hansueli Lüscher. «Wir haben uns ergänzt», sagt Käthy Lüscher, «mir sind Dinge aufgefallen, die mein Mann nicht sah.» Wenn eine Lehrtochter bedrückt war, bemerkte sie es, und bei ihr schütteten die Mädchen ihr Herz aus. «SDesirée», «sMichaela», so nennt Käthy Lüscher ihre Lehrtöchter, die beiden wählten die Mädchen mit Bedacht. Die Eltern waren zum Bewerbungsgespräch immer mit eingeladen. Nie sei eine durch die Lehrabschlussprüfung gerasselt.

Nach drei Monaten wurde den Lehrtöchtern eine Woche Ferien verordnet, Lüscher hat nie vergessen, wie anstrengend der Beruf am Anfang ist.

Neue Schneidetechnik aus England

In den 70er-Jahren senkten sich die «Bienenkörbe», aus England kam die Haarschneidetechnik: Statt zum Toupiermesser griffen die Lüschers nun auch in Aarau zur Schere. Die Frisuren wurden schlichter, so passten sie besser zum engeren Kleiderstil. Die Perücken kamen aus der Mode, denn die Frauen konnten ihre Haare nun selbst in Form halten. Der Zusatzverdienst des Perücken-Frisierens fiel weg, dafür kamen später Haarverlängerungen und das Anbringen künstlicher Nägel hinzu.

Die beste übernimmt

1979 kommt ihr Sohn Marc zur Welt, 1988 wird Hansueli Lüscher Präsident des Coiffeurverbands Aarau und Umgebung. Im Jahr 2000, mit
58 Jahren, holte er die Abschlussprüfung im Herrenfach nach, weil eine Lehrtochter diesen Abschluss machen wollte. Die Lehrtochter schloss mit
5,6 ab, Désirée Thut hiess sie. Heute ist sie 29 Jahre alt, wohnt in Aarau, ist verheiratet und heisst MelgarThut. Sie wird Lüschers Geschäft übernehmen. «Ich habe Freude, dass der Laden weitergeführt wird», sagt Hansueli Lüscher, «einmal kommt der Tag, an dem man aufhören muss.»

Mitnehmen werden die beiden nichts aus dem Geschäft ausser ihrer eigenen Schere. «Und meine Frau nehme ich mit», sagt Hansueli Lüscher. Sie lachen. Die beiden wollen mehr zusammen biken. Sie will mehr malen und ins Kunsthaus, er macht weiter im Jodelchor und wer weiss, vielleicht steht er bald wieder bei den Pferden in einem Rennstall. «Mal schauen», sagt er, «ich bin in meinem Leben bisher gut gefahren, wenn ich die Dinge kommen liess.»

Viele der Stammkunden lassen sich im März bei Lüschers an der Goldernstrasse28 noch ein letztes Mal die Haare schneiden. «Nein, Herr Lüscher, Sie hören auf?», fragen sie ungläubig. «Es ist der richtige Zeitpunkt. Es ist sicher richtig», entgegnet der Coiffeur.