Barmelweid

«Luft, Licht und ein Etwas von Gemütlichkeit»

Auf der Sonnenterrasse am Jurasüdfuss auf 800 Meter über Meer: Die neu errichtete Heilstätte Barmelweid im Jahre 1912.

Auf der Sonnenterrasse am Jurasüdfuss auf 800 Meter über Meer: Die neu errichtete Heilstätte Barmelweid im Jahre 1912.

Die Klinik Barmelweid unterhalb der Geissfluh feiert das 100-Jahr-Jubiläum – ein Streifzug durch ihre Geschichte des einstigen kantonalen Sanatoriums für Lungenkranke.

Die Lungentuberkulose raffte um die Mitte des 19. Jahrhunderts weltweit Millionen von Menschenleben dahin. Die «Schwindsucht» war auch im Aargau eine Volkskrankheit, die nicht weniger als 15 Prozent aller Todesfälle verursachte. Mit der Entdeckung des ursächlichen Bakteriums 1882 durch Robert Koch erhielt die Behandlung der Seuche einen Aufschwung.

Tuberkulinkranke Kinder auf der Sonnenterrasse (nach 1932)

Tuberkulinkranke Kinder auf der Sonnenterrasse (nach 1932)

Die stationäre Sanatoriumskur im alpinen Gebiet erwies sich als beste Möglichkeit zur Genesung von der Tuberkulose, allerdings nur für betuchte Patientinnen und Patienten. Allmählich setzte sich die Erkenntnis durch, dass auch sonnige Standorte auf mittlerer Höhe infrage kamen.

Männerclub und Frauenverein

Der Brugger Arzt und Politiker Hans Emil Siegrist ergriff die Initiative und gründete 1907 den Aargauischen Heilstätteverein. Dem gleichen Ziel, nämlich der Einrichtung eines kantonalen Sanatoriums für Lungenkranke verpflichtet war auch die 1909 ins Leben gerufene aargauische Frauenliga zur Bekämpfung der Tuberkulose. Der «Männerclub» von Siegrist und der «Frauenverein» von Frau Oberst Betty Fahrländer gingen zuerst getrennte Wege und konkurrenzierten sich sogar. Man raufte sich aber rasch zusammen und zog nun am selben Strick.

Mit der Barmelweid, am äussersten Zipfel des Gemeindebanns von Erlinsbach AG gelegen, konnte auch die Standortfrage optimal gelöst werden. Die Sonnenterrasse unterhalb der Geissfluh verfügte über ein trockenes, mildes Klima und über viel frische Luft. Einzig die Zufahrt erfüllte noch nicht die gewünschten Auflagen. Trotz diesem Umstand und mit einer unsicheren Finanzierung vor Augen bewilligte der private Heilstätteverein bereits 1909 den nötigen Baukredit. Der Kanton übernahm die Zinsgarantie für die Investition (eine runde Million Franken) und sicherte einen jährlichen Beitrag zu.

Am 30. Juni 1912 wurde das Kurhaus auf der Barmelweid feierlich eingeweiht. Rund 2000 Personen, geladene Gäste und Neugierige, strömten herbei, die meisten zu Fuss. Das Sanatorium verfügte im Gründungsjahr über 69 Betten, darunter 27 Einzelzimmer für Schwerkranke. Das Aargauer Tagblatt schwärmte vom Ambiente auf knapp 800 Meter über Meer: «Überall Luft, Licht, helle, freundliche Farben und dabei ein Etwas von Gemütlichkeit, Frohsinn und lebensbejahender Freudigkeit», nicht zuletzt dank den nach Süden gerichteten, halb offenen Liegehallen mit grosszügigen Dimensionen.

Frische Luft, kräftige Ernährung

Für die Heilung der Tuberkulose entscheidend waren die Ruhe, die frische Luft, viel Sonne und eine kräftige Ernährung. Bereits 1914 musste die Bettenzahl auf 90 erhöhte werden, verbunden mit der Schaffung einer eigenen Kinderabteilung samt einem Schulzimmer. Der Tagesablauf war klar gegliedert: Viel Raum nahm die «Liegekur» (auch als «Kadaverruhe» bezeichnet) ein, daneben lockerten «Spazieren» und «Spiele» die Zeit zwischen den Mahlzeiten auf. In beschränktem Masse gefragt war auch die Mitarbeit der Patientinnen und Patienten, sei es in der betriebseigenen Landwirtschaft, in der Werkstatt oder bei Handarbeiten. Wobei strikte Hygiene amtlich befohlen war.

Bei einer wachsenden Zahl von Patienten und Personal war eine strenge Hausordnung nicht zu umgehen. «Eine Heilstätte ist kein Kurhotel», hielt der Jahresbericht des Heilstättevereins 1914 fest, «sondern ein Ort, wo der Kranke sich den zu seinem Wohle getroffenen Anordnungen fügt.» So war «in der Anstalt und ihrer Umgebung jeder Lärm zu vermeiden». Der Genuss «geistiger Getränke» unterstand ebenso wie das Rauchen einem Verbot. Den Patienten standen eine Bibliothek, Zeitungen und Spiele zur Verfügung. Urlaub gab es«nur in ganz dringenden Fällen».

Lunge, Herz und Psyche

Nach dem Zweiten Weltkrieg gelang es, die Tuberkulose in den Griff zu bekommen. Zusammen mit baulichen Veränderungen erweiterte das ursprüngliche Sanatorium dank der Weitsicht des Trägervereins seine Tätigkeit zwischen 1965 und 1977 zu einer Mehrzweckheilstätte für «Lunge, Herz und Psyche». Einen Namen machte sich die «Barmelweid» zudem durch den Aufbau eines Kompetenzzentrums für Schlafmedizin. Die Entwicklung endete mit dem Ausbau zu einer Spezialklinik, die ihren festen Platz in der aargauischen Spitallandschaft hat.

Um die Jahrtausendwende kam nach dem Abbruch von Altbauten der markante Neubau hinzu, begleitet durch moderne Führungsstrukturen. Aus dem historischen Heilstätteverein wurde 2000 der Verein Barmelweid, der zu hundert Prozent die Aktien der 2001 gegründeten Klinik Barmelweid AG und der Betriebe Barmelweid AG hält. Nach der Verlegung des Laurenzenbads im vergangenen Jahr umfasst die Gruppe nun noch ein drittes Glied, nämlich die Pflegezentrum Barmelweid AG.

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