Oberentfelden
«Lohn statt Sozialhilfe» – eine Abkehr vom Weg in die Lethargie

Jörg Albisser, Mann der ersten Stunde im Projekt «Lohn statt Sozialhilfe», sagt, was ihm dieses brachte.

Ueli Wild
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Einer versucht, dem andern Türen zu öffnen: Jobcoach Franc B. Schwyter (links) und Projektteilnehmer Jörg Albisser.

Einer versucht, dem andern Türen zu öffnen: Jobcoach Franc B. Schwyter (links) und Projektteilnehmer Jörg Albisser.

Ueli Wild

Am Anfang sei es nicht einfach gewesen, in der orangen Leuchtjacke durchs Dorf zu ziehen und «Fötzeli» aufzulesen, sagt Jörg Albisser. «Gewisse Wege ging ich nicht. Die Leute kennen mich ja, und auch hier im Gemeindehaus wissen sie, dass ich mal ein Lausbub war.» Erst nach ein, zwei Monaten hatte der unverheiratete 50-Jährige, der gelegentlich an Partys mit Rock- und Blues-Songs als Alleinunterhalter auftritt, auf der Strasse genug Selbstbewusstsein – als er das Vertrauen seines Umfeldes spürte und es hiess, so sauber sei das Dorf noch nie gewesen.

Im Oberentfelder Projekt «Lohn statt Sozialhilfe» war Albisser von Beginn weg so etwas wie der Chef der Litteringtruppe, die am 1. Juni ihre Arbeit aufgenommen hat. Er kennt Oberentfelden. Er weiss, wann am meisten Abfall anfällt. Und manchmal fährt er am Vorabend mit dem Velo durchs Dorf. Dann weiss er schon, wo es tags darauf Arbeit für seine Equipe gibt.

Mehr Selbstwertgefühl als Ziel

Das Selbstbewusstsein, das Selbstwertgefühl aufzubauen – das sei ein Ziel der Teilnahme am Projekt gewesen, sagt Albisser. Der Projektleiter und Jobcoach Franc B. Schwyter weiss, dass das bei Arbeitslosen oftmals das Problem ist, auch bei Kaderleuten.

Vier Jahre war Jörg Albisser ohne Job gewesen, als er von Markus Stauffiger, dem Leiter Soziale Dienste, von dem Projekt erfuhr und diesen bat, ihn zu berücksichtigen. Von Frühjahr 2014 bis Herbst 2015 hatte er schon an einem «Wendepunkt»-Beschäftigungsprogramm teilgenommen.

Begonnen hat Jörg Albissers Berufsleben bei der Gemeindeverwaltung Holziken. «Der Gemeindeschreiber war unser Nachbar, und eines Tages kam mein Vater mit dem KV-Lehrvertrag daher.»

Doch der Tod der Schwester warf den Lehrling aus der Bahn. «Ich sackte in der Schule ab und hatte nur noch Fussball im Kopf.» Es reichte bloss noch für eine Bürolehre. Dann folgten Gelegenheitsjobs, aber nicht im Büro, sondern beispielsweise als Chauffeur. In den Neunzigerjahren schlitterte Albisser in die Drogen hinein.

Es folgten Therapien. «Das ist zwar schon lange vorbei, aber jeder Personalchef sieht es», sagt Albisser. Bei der Jobsuche habe ihm seine «Drogenkarriere» manchen Stein in den Weg gelegt.

Beim Projekt «Lohn statt Sozialhilfe» hatte er Glück. Markus Stauffiger schilderte dem Projektleiter die infrage kommenden Sozialhilfeempfänger, mit denen Franc B. Schwyter in der Folge Kontakt aufnahm.

Albisser habe in diesem Prozess «stets obenauf geschwommen», sagt der Jobcoach. Für Albisser war die Berücksichtigung ein Segen. Er erinnert sich: «Ich war auf dem Weg in die Lethargie, mir fehlte eine Struktur. Am Morgen stand ich nicht auf, am Abend ging ich nicht zu Bett.» Heute ist das anders.

Ein Grossteil der andern Projektteilnehmer hat ein Asylverfahren durchlaufen. Bisher ist es zwei Personen gelungen, eine Anstellung zu finden. Eine dritte hat sich selbstständig gemacht. Zu glauben, dass viele Teilnehmer nach drei Monaten vom Jobcoach an die Wirtschaft vermittelt werden können, ist eine Illusion.

«Nicht dass unsere Leute nicht vermittelbar wären», sagt Franc B. Schwyter. Aber es fehle schlicht der Bedarf. Auch Jörg Albissers Geschichte hat noch kein Happy End gefunden. Einmal schon wurde sein Vertrag um drei Monate verlängert.

Ende November läuft die zweite Runde aus. Albissers grösste Sorge: «Dass das Projekt fertig ist und ich keine Stelle habe.» Ende Jahr sind die Chancen klein. Aber Albisser ist zuversichtlich, bis im Frühling etwas zu finden. Und notfalls ginge er auch freiwillig auf Littering-Tour.

Dazu sagt Franc B. Schwyter: «Die Leute wären durchaus bereit, etwas zu machen.» Und: «Man darf auch etwas von ihnen verlangen.» Mit «Lohn statt Sozialhilfe» werden Sozialhilfeempfänger vorübergehend zu Gemeindeangestellten – bescheiden entlöhnt aus einem Legat.

Nach dem Austritt kommt, wenn sie keine Arbeit gefunden haben, wieder die Sozialhilfe für sie auf. Auch dann, denkt Schwyter, sollte eine Beschäftigung möglich sein. Bloss kommt das Geld anderswo her.

Natürlich könnten ausgeschiedene Projektteilnehmer auf eine Nachbetreuung zählen, macht Schwyter klar. «Ich habe ja ein Verantwortungsgefühl für sie.» Er weiss auch: Ideal wäre für Albisser ein 50- oder 60-Prozent-Pensum als Stellvertreter von Gemeindehausabwart Rico Stegmüller, für den er während der Ferien einsprang. Aber im Zeitalter des Sparens sei nicht an so etwas zu denken.

Nach drei Monaten noch nicht fit

Der Aufbauprozess in einem Projekt wie «Lohn statt Sozialhilfe» dauere oft länger als gemeinhin angenommen, lässt Schwyter durchblicken. Jörg Albisser bestätigt das aus seiner Erfahrung: «Nach drei Monaten wäre ich noch nicht fit gewesen.» Und wie es auch immer weitergeht – für ihn ist nach der Teilnahme am Projekt klar: «Mein Bewerbungsdossier ist aufgepeppt. Ich stehe damit nicht nur besser da, sondern fühle mich nach dieser Zeit auch wie ein anderer Mensch.»