Aarau
Linke Einwohnerräte zeigen weniger Durchhaltewillen als Rechte

Im Einwohnerrat gibt es immer mehr Rücktritte während der laufenden Amtsperiode. Die Grünen führen die Statistik mit fünf Abgängen bei sechs Sitzen klar an, gefolgt von der SP. Die SVP hat den längsten Atem.

Sabine Kuster
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Ziemt es sich, während der Legislatur zurückzutreten? Micha Siegrist (Grüne, links im Bild) und Marc Dübendorfer (SVP) vertreten unterschiedliche Sichtweisen.

Ziemt es sich, während der Legislatur zurückzutreten? Micha Siegrist (Grüne, links im Bild) und Marc Dübendorfer (SVP) vertreten unterschiedliche Sichtweisen.

Die Grünen treten am 24. November mit einem beachtlichen Kontingent Einwohnerratskandidaten an: 33 Parteimitglieder wollen gewählt werden. Keine andere Aarauer Partei bietet den Wählern eine grössere Auswahl. Dies, obwohl die Grünen bis jetzt im Einwohnerrat nur die viertstärkste Partei sind.

Fünf Rücktritte bei sechse Sitzen

Unter den 33 Kandidaten treten alle sechs Bisherigen wieder an. Doch dies sagt nichts über den Durchhaltewillen der grünen Einwohnerräte aus: Vier dieser sechs sind nachgerutscht – sie kamen in der laufenden Amtsperiode 2010 bis 2013 als Ersatz für abtretende Kollegen hinzu. Die Partei kommt insgesamt sogar auf fünf Rücktritte. Dies, weil Franziska Kaiser, welche Parteikollegin Anna Niggli im Herbst 2010 ersetzt hatte, in der gleichen Amtszeit selbst wieder zurücktrat.

Damit verzeichnen die Grünen die meisten Wechsel im Einwohnerrat in der letzten Legislatur. Relativ oft traten auch SP-Räte und jene von Pro Aarau zurück: 7 von 11 bei der SP, 2 von 3 bei Pro Aarau verliessen den Einwohnerrat.

Bei der FDP traten 4 von 10 Räten zurück. Insgesamt dürften es 21 Rücktritte gewesen sein. Die Tendenz ist steigend: 2006–2009 waren es noch rund 17.

Nur ein Wechsel bei der SVP

Am besten steht die SVP da: Nur einer der 12 Einwohnerräte musste ersetzt werden – dies, weil Fortunat Schuler starb. SVP-Einwohnerratspräsident Marc Dübendorfer ist die hohe Fluktuation der Grünen aufgefallen. Er findet: «Das ist massiv, ich finde es fairer, auf Ende der Amtszeit hin zurück zutreten.»

Dübendorfer geht mit gutem Beispiel voran: Er tritt nach drei Amtsperioden zurück. «Ich weiss, dass ich nicht mehr vier volle Jahre Einwohnerrat sein will.» Ausserdem sei es früher üblich gewesen, dass Einwohnerratspräsidenten auf die folgende Legislatur nicht mehr antraten.

Viele Gründe für einen Rücktritt

Pro-Aarau-Präsident und Einwohnerrat Ueli Hertig findet Wechsel während der Amtszeit weniger schlimm: «Ich finde es legitim, keine volle Amtszeit zu machen und zum Beispiel in der Hälfte zurückzutreten.» Es gebe viele gute Gründe, die man bei der Kandidatur nicht auf vier Jahre hinaus ahnen könne: ein Wegzug aus Aarau, Krankheit oder eine höhere Beanspruchung in Beruf oder Familie.

Marc Dübendorfer widerspricht: «Nicht alle, aber viele Veränderungen zeichnen sich doch schon bei der Kandidatur ab.» Kandidaten, die sich längerfristig – am liebsten für zwei Amtsperioden – verpflichten wollten, seien aber immer schwieriger zu finden. Er zweifelt deshalb an der grossen Truppe der Grünen: «Ist es all diesen 33 Kandidaten ernst, oder sind es Füller?»

Lange Liste aus Werbegründen

Der Grüne Einwohnerrat Micha Siegrist gibt das unumwunden zu. «Unser Ziel war, eine möglichst volle Liste zu präsentieren. Auf der Liste jeder Partei gibt es solche Namen.» Namen von Kandidaten also, die fest damit rechnen, nicht gewählt zu werden. «Sie zeigen mit ihrer Kandidatur, dass sie uns unterstützen», sagt Siegrist.

Ab ungefähr der 16. Listen-Position seien die Kandidaten solche Unterstützer. «Das ist nicht schlecht. So weit unten auf der Liste haben diese Leute keine Chance. Wenn sie richtig ambitioniert wären, würden wir sie so nur verheizen.»

Zu den vielen Wechseln sagt Siegrist: «Wir prüfen unsere Kandidaten nicht auf Herz und Nieren. Man kann die Lebensplanung auch nicht vom Einwohnerratsamt abhängig machen.» Und absichtlich nicht auf Ende Legislatur zurückzutreten, findet auch Siegrist legitim: «Alle versuchen doch aus wahltaktischen Gründen, in der laufenden Amtszeit zurückzutreten, um dann mit möglichst vielen Bisherigen antreten zu können.»