Aarau

Liebes Kraftwerk, wir werden dich vermissen – eine Liebeserklärung

© Elia Diehl

Über 100 Jahre lang gehörte das Kraftwerks-Türmchen zu Aarau – jetzt muss es weichen. Was ist Aarau ohne das Kraftwerk und das Türmchen?

Liebes Kraftwerk, seit über 100 Jahren gehörst du zu Aarau. Insbesondere dein Türmchen gehört zum Stadtbild dazu wie all die anderen Türme. Jeder von uns hat sich schon an dir gefreut, wenn die untergehende Sonne an deiner Wetterspitze kratzt, das Abendrot aus dem Westen an deine Mauern brandet oder sich der Mond vor dir spiegelt.

Du bist keine klassische Schönheit, du reichst bei weitem nicht an den Oberturm oder an die Stadtkirche heran, von der Altstadt mit ihren Giebeln ganz zu schweigen. Im Gegenteil, das Gegenlicht der untergehenden Sonne tut dir gut.

Je näher man dir bei Tageslicht kommt, desto offensichtlicher sind deine Schäden, desto verwitterter die grauen Backsteine, umso rostiger die Geländer. Dazu bist du laut, mitsamt all deinen Ventilatoren und Motoren, dich umhüllt ein ständiges Surren und Brummen.

Aber du gefällst uns, weil du immer da warst, weil du immer dazugehört hast, und jetzt erst recht, da deine Tage gezählt sind; alleine diese Bedrohung macht dich wunderschön. Du gefällst uns, weil wir als Kinder lieber über den schmalen Holzsteg auf deiner Vorderseite gehüpft sind, als über die Strasse auf deiner Rückseite zu laufen.

Am liebsten bei tosender Aare, die nach Unwettern braun und brausend aus deinem Innern schiesst, dem Nervenkitzel wegen, und weil nie ganz sicher war, ob das denn nun erlaubt ist oder nicht.

Wir lieben dich, weil du für die lauen Sommernächte an der Aare stehst, für das Schwimmen, für das Lachen, für das Geniessen, für die Freude am Leben. Weil man im an dir gestauten Wasser in der Dämmerung Biber beobachten kann. Und weil du mit deiner romantischen Kulisse sogar die Gösger Kühlturmwolke erträglich machst.

Liebes Kraftwerk, was wird Aarau dereinst ohne dich und dein Türmchen sein. Uns graut vor der gähnenden Leere, vor dem ungehinderten Blick auf die Wolke. Vor dem tristen Wehr, das dich ablösen wird.

Liebes Kraftwerk, wir werden dich schmerzlich vermissen.

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