Aarau
Letzter Aarauer Renntag des Jahres mit Franzosensieg und Schweizer Hymne

Der letztjährige Sieger Kemaliste doppelt für Peter Baumgartner im 68. Grossen Preis der Schweiz nach. Damit hat der ehrgeizige Besitzer im Schweizer Pferderennsport schon alles gewonnen, was es zu gewinnen gibt.

Ueli Wild
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Peter Baumgartner, mit Frau und Tochter, erhebt sich zur Siegerehrung aus dem Rollstuhl, links der Hunzenschwiler Köbi Rohr, ganz rechts Trainer Yann-Marie Porzier.

Peter Baumgartner, mit Frau und Tochter, erhebt sich zur Siegerehrung aus dem Rollstuhl, links der Hunzenschwiler Köbi Rohr, ganz rechts Trainer Yann-Marie Porzier.

Ueli Wild

Die Szene ist filmreif: Zu den Klängen der Nationalhymne erhebt sich Peter Baumgartner mithilfe des Hunzenschwiler Rennpferdevermittlers Köbi Rohr aus dem Rollstuhl. Der ehrgeizige Baumgartner, 85-jährig, mittlerweile erblindet, hat schon alles gewonnen, was es im Schweizer Pferderennsport zu gewinnen gibt. Eben hat ihm Kemaliste zum sechsten Sieg im Grossen Preis der Schweiz verholfen. Als Vorjahressieger und Gewinner des Grossen Preises des Kantons Aargau kam der sechsjährige Wallach gestern als Favorit an den Start.

Schon vor dem Rennen wurde Baumgartner von einem Vorstandsmitglied des Aargauischen Rennvereins angefragt, welche Nationalhymne denn im Falle eines Falles bei der Siegerehrung gespielt werden solle – die schweizerische oder die Marseillaise. Seit seinem Zerwürfnis mit dem schweizerischen Verband lässt der Thurgauer Immobilienkönig nämlich nicht nur alle seine Pferde in Frankreich trainieren, sondern er hat auch einzig in Frankreich Rennfarben eingetragen. Als Besitzer gilt er damit formell als Franzose. Richtigerweise müsste in diesem Fall die Marseillaise gespielt werden – wie beim Derby-Sieg 2014 in Frauenfeld. Vor die Wahl gestellt, entschied sich Baumgartner gestern für die Schweizer Hymne.

Hauptkonkurrent als Pacemaker

Die Entourage von Kemaliste war auf Nummer sicher gegangen: Im Achterfeld figurierten sieben Franzosen, darunter drei in den grün-weissen Baumgartner Farben. Mit Alberto de Ballon und Les Sables Blancs hatte Trainer Yann-Marie Porzier dem Favoriten gleich zwei Pacemaker zur Seite gestellt. Allerdings kam Les Sables Blancs schon beim ersten Tribünensprung zu Fall und Alberto de Ballon musste gar nie Tempo machen. Dafür sorgte nämlich Chiffre d’Affaires, der zweite Favorit. Der Wallach, den die englische Hindernispferdetrainerin Louisa Carberry aus dem Westen Frankreichs nach Aarau gebracht hatte, ist bekannt dafür, seine Rennen gerne von der Spitze aus zu laufen. Dorthin beorderte ihn sein Jockey, Philip Carberry, der Gatte der Trainerin, denn auch sogleich. Auf den letzten paar hundert Metern vermochte dem Frontrunner auf seiner Höllenfahrt nur Kemaliste zu folgen. Im Finish schob sich der Favorit dann noch um einen Pferdehals an Chiffre d’Affaires vorbei. So schnell, unter fünf Minuten, wurde das Rennen noch gar nie gelaufen.

Alexis Acker, der Reiter des Siegers, sagte hinterher, er habe ein ideales Rennen gehabt. Hinter dem Tempo bolzenden Chiffre d’Affaires habe Kemaliste auch nie gepullt. Er sei seiner Sache immer sicher gewesen, fügte der Jockey bei. Und Köbi Rohr, der als Pferdevermittler Peter Baumgartner zur Seite steht, doppelte nach: «Wir wissen ja, dass Kemaliste einen grausamen Speed und viel Flachklasse hat.»

Hoch zufrieden war auch Jungtrainerin Louisa Carberry mit Chiffre d’Affaires und dem Ritt ihres Ehemannes. Ein Nachteil für ihr Pferd sei es möglicherweise gewesen, dass es, anders als Kemaliste, noch nie im Schachen gelaufen sei. «Nächstes Jahr kommen wir vielleicht wieder», meinte die 30-Jährige.

Einziger Schweizer wird Dritter

Das einzige in der Schweiz trainierte Pferd im Feld, Vivalko, wurde ausgezeichneter Dritter. Der von Urs Muntwyler für den Stall Allegra Racing Club trainierte Wallach wurde vom Franzosen Gaëtan Masure geritten.

Einer, der nächstes Jahr wohl nicht mehr zur Siegerehrung im Schachen antreten wird, ist Trainer Yann-Marie Porzier. Wie das Schweizer Rennsportportal horseracing.ch vermeldete, bleiben Peter Baumgartners Hindernisrenner vorderhand in der Schweiz – bei Trainer Jürg Langmeier in Elgg. Zu diesem Zweck habe Baumgartners Frau in der Schweiz Rennfarben eintragen lassen. Der Grund: Porzier hört auf und zieht, nicht zum ersten Mal in seinem Leben, nach Marokko. Die dauernden Querelen mit dem französischen Verband hat der Bretone, der nördlich von Paris trainiert, nun satt. Wiederholt wurden Porzier Dopingvergehen vorgeworfen. Er sass deswegen auch schon in Untersuchungshaft. Farbige Rennsport-Welt!