Aarau
Leiter über die Prüfung des Jugendhauses: «Kalt gelassen hat es uns nicht»

Das Jugendkulturhaus «Flössi» in Aarau startet die Image-Kampagne «Flösser als du» in einem speziellen Moment. Das Interview mit dem Leiter.

Katja Schlegel
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Frank Fischer, Balram Huber, Nicole Bürgisser, Marco Hagenbuch und Etienne Renevey (v.l.; es fehlt Laura Schiel).

Frank Fischer, Balram Huber, Nicole Bürgisser, Marco Hagenbuch und Etienne Renevey (v.l.; es fehlt Laura Schiel).

Sandra Ardizzone

Seit bald 30 Jahren ist das «Flössi», das Jugendkulturhaus Flösserplatz, das Sprungbrett für Musiker, DJs, Eventmanager, Clubbetreiber, Gastronomen oder Komiker.

Doch letztes Jahr wurde bekannt, dass das Jugendhaus im Rahmen der städtischen Leistungs- und Prozessüberprüfung (LUP) durchleuchtet wird. Geprüft wird nicht nur, ob das Jugendkonzept noch zeitgemäss ist. Gleichzeitig klärt die Liegenschaftsverwaltung auch ab, ob das Haus umgenutzt werden könnte.

Die ersten Ergebnisse dieser Prüfungen werden im Mai erwartet. Und just in diesen Wochen lanciert das Flösserplatz-Team eine Image-Kampagne unter dem Titel «Flösser als du». Diese beinhaltet einen Kurzfilm, der ab 19. Februar viral gehen soll, sowie einen «Tag der offenen Tür» am 9. März. Zufall oder nicht? Ein Gespräch mit Frank Fischer, der das Jugendkulturhaus seit bald 16 Jahren leitet.

Frank Fischer, in wenigen Tagen wird der Bericht erwartet, der über die Zukunft des «Flösserplatzes» entscheidet. Ist die Kampagne ein Hilferuf?

Frank Fischer: Nein, die Kampagne hat mit der Überprüfung nichts zu tun. Wir haben die Lancierung bereits letztes Jahr geplant, bevor die Überprüfung beschlossen wurde.

Ich kann also beruhigen: Wir machen die Kampagne nicht, weil wir mit dem Rücken zur Wand stehen. Sondern weil wir Freude daran haben, was bei uns alles passiert, und wir das nach aussen tragen wollen.

Warum braucht es die Kampagne?

Wenn ein Haus so lange existiert wie der Flösserplatz mit seinen bald 30 Jahren, dann hat jeder eine Meinung dazu. Entsprechend viel wird erzählt. Der Film soll ein virtueller «Tag der offenen Tür» werden, eine Einladung an die jungen Leute, bei uns vorbeizukommen und mitzumachen. Und er soll allen Aarauern zeigen, was bei uns läuft, wie viele Leute bei uns engagiert sind und was den ganzen Tag über passiert. Das wissen nämlich die wenigsten.

Zum Beispiel?

Wir veranstalten beispielsweise monatlich eine Disco für Menschen mit einer Behinderung, arbeiten mit den Kantonsschulen zusammen und bieten Platz für Projekte zu Maturaarbeiten, und bieten Tanz-Workshops oder DJ-Contests. Lauter Projekte, die parallel laufen und auf keinem Veranstaltungsprogramm stehen.

150 Leute...

... sind am Betrieb des Jugendkulturhauses Flösserplatz beteiligt. Der harte Kern besteht aus Frank Fischer (Leiter), Nicole Bürgisser und Marco Hagenbuch. Dazu kommen Etienne Renevey (Technik), Balram Huber (Zivildienstleistender) und Laura Schiel (Praktikantin).

Sie alle arbeiten Teilzeit. Dazu kommen Aktivisten, die in rund zehn Teams tätig sind (z. B. Bar, Plakatieren, Garderobe) sowie die Veranstalter, die für die Organisation ihrer Events zuständig sind – getreu dem Slogan «von Jugendlichen für Jugendliche».

Dieses Motto besteht seit 1998, seit dem Jugendkonzept und einem Leistungsvertrag mit der Stadt. Damals wurde aus dem Jugendtreff ein Jugendkulturhaus, indem die Jugendlichen nicht mehr nur konsumieren, sondern selber zur Programmgestaltung beitragen. Die Stadt stellt das Haus zur Verfügung, bezahlt Beiträge an den Unterhalt und die Löhne des Leitungsteams.

Hat der Flösserplatz Nachwuchsprobleme?

Überhaupt nicht, weder bei den Besuchern noch bei den Helfern. Was wir haben, sind Schwankungen nach Generationenwechseln. Aber das gehört seit drei Jahrzehnten mit dazu. Uns hat das gelehrt, nicht zu stark auf Monokulturen zu setzen, sondern das Programm möglichst breit zu gestalten. So federn wir diese Schwankungen ab.

Was, wenn der Flösserplatz schliessen müsste? Was würde den Jugendlichen damit verloren gehen?

Wir sind eine Lernwerkstatt in vielerlei Hinsicht. Nicht nur für die jungen Leute, die bei uns aktiv mitarbeiten oder ihre eigenen Veranstaltungen planen und realisieren, sondern auch für die, die erste Erfahrungen im Nachtleben sammeln – mit allem, was Ausgang mit sich bringt, also auch Alkohol, Gewalt oder Drogen.

Darauf sind wir extrem sensibilisiert. Wenn bei uns ein junger Mensch stark alkoholisiert auftaucht, haben wir einen festgelegten Ablauf, wie wir mit ihm umgehen. Diese Betreuung haben die Jungen nicht, wenn sie nach Zürich gehen.

Da landen sie direkt im Haifischbecken. Bei uns lernen sie schwimmen. Von dem her gesehen haben wie eine grössere Aufgabe als eine Bar oder Beiz in der Stadt. Und dementsprechend sind die Erwartungen an uns grösser.

Jetzt schaut man Ihnen und Ihrem Team mit der Prüfung ganz besonders auf die Finger; hat Sie das getroffen?

Kalt gelassen hat es uns nicht. Aber auf politische Angelegenheiten können wir schwerlich Einfluss nehmen. Als Opfer fühlen wir uns jedenfalls nicht. Es ist, wie es ist: Das Jugendhaus wird überprüft, aber wir betrachten es auch als Chance.

Sie haben nicht die Befürchtung, dass der Laden geschlossen wird?

Diesen Entscheid treffen andere.

Bislang ist der ganz grosse Aufschrei ausgeblieben – ist die drohende Schliessung so abwegig?

Wer soll denn aufschreien? Wir nicht, denn eine Überprüfung des Jugendkonzeptes ist ja per se nichts Schlechtes, im Gegenteil. Auch wir machen uns immer wieder Gedanken darüber, ob alles noch zeitgemäss ist.

Und die Prüfung, ob das Gebäude noch anderweitig genutzt werden kann?

Was diesbezüglich herauskommt, darauf sind wir natürlich gespannt.

Was hat der Image-Film gekostet?

Eine Zahl nenne ich nicht. Aber es liegt in der Tradition und der Natur unseres Hauses, dass wir für wenig Geld zu tollen Sachen kommen. Wir haben mit der Agentur Denkmal zusammengearbeitet, die wir gut kennen, und die Aufnahmen hat ein junger Filmer gemacht, der bereits einen Image-Film für die Schwanbar und die Stadt gedreht hat.

Was letztes Jahr Schlagzeilen gemacht hatte, war der Rückzug vom Maienzug-Vorabend. Ist der Flösserplatz dieses Jahr wieder mit einer Disco dabei?

Nein, der Maienzug-Vorabend ist für uns gelaufen. Da hat es definitiv keinen Standort gegeben, an dem wir hätten tun können, was wir wollten.

Warum nicht?

Nachdem wir vom Schlossplatz wegmussten, landeten wir am Zollrain. Doch die abschüssige Strasse war zu gefährlich. Dann gab es die Option mit der Markthalle, doch dies war nicht der optimale Ort für das, was wir 15 Jahre lang gemacht haben.

Dann wurde uns der Kirchplatz angeboten, der schliesslich aus Sicherheitsgründen kurzfristig wegfiel. Deshalb haben wir uns entschieden, bis auf weiteres nicht mehr mitzumachen.

Vielfältiges Programm bei «Flösser als du»

Am 9. März feiert der Flösserplatz unter dem Motto «Flösser als du» seine ganze Vielfältigkeit an einem Abend.

Ab 21 Uhr (Doors 20.30 Uhr) gibt es die ganze Bandbreite von Improvisationstheater (Hirschwahn) über Hip Hop (Rapshit Events), bis hin zur Jamsession (Jamarama), Goa (Electric Moonpony) und Funk (Vinyl Culture). Der Eintritt ist frei.