Morgen Abend eine Gala für einen exklusiven Kreis, am Samstag und Sonntag «Tage der offenen Tür» für die Bevölkerung: Die Eniwa feiert «125 Jahre Strom für die Region» und die Vollendung ihres neuen Hauptsitzes an der Industriestrasse in Buchs. Letzterer hat 75 Millionen Franken gekostet.

Ein «Jahrhundertbau», heisst es im sehr schönen, sehr aufwendig gemachten Jubiläumsbuch («Von EWA über IBAar- au zu Eniwa»). Ein Mann wird darin zwei Mal ganzseitig gezeigt: Hans-Kaspar Scherrer (seit 2010 CEO des Aarauer Stadtwerks). Zusammen mit den Verwaltungsratspräsidenten Marcel Guignard (FDP, bis Frühling 2014) und Jolanda Urech (SP, bis Mai) hat er die Offensivstrategie des Versorgungsunternehmens ganz stark geprägt.

Wo steht die Eniwa (ex IBAarau) heute? Aus Anlass der Jubiläumsfeierlichkeiten beleuchtete die AZ heute einige kritische Punkte:

Was passiert mit der Eniwa, dem weitherum teuersten Anbieter, wenn die Privathaushalte beim Strom die Wahlfreiheit bekommen?

Sie kommt unter Spardruck. Denn das grösste Risiko für die Eniwa ist die anstehende, vollständige Liberalisierung des Strommarktes. In absehbarer Zeit werden auch die kleinen Kunden die Möglichkeiten haben, ihren Elektrizitätsversorger auszuwählen. Die Folge: Ein Preiskampf, den es bereits jetzt bei den Grossen gibt – und bei dem die Eniwa einen immer schwereren Stand hat (sie verliert Kunden).

Nirgendwo sonst im Gebiet Aargau-West ist der Strompreis höher als in den 16 Aargauer Gemeinden, in denen die Eniwa Direktversorger ist. In Suhr ist der Strom beispielsweise etwa 20 Prozent günstiger als in Aarau. Die Eniwa begründet den Preisunterschied unter anderem damit, dass sie seit Januar 2017 100 Prozent erneuerbaren Strom «Wasserkraft Schweiz» liefert (die Privathaushalte haben keine Wahlmöglichkeit).

Lebt die Eniwa auf zu grossem Fuss?

Diese Frage stellt sich spätestens, seit bekannt wurde, dass sich der Eniwa-Verwaltungsrat ein «Island-Reisli» gönnte, um sich in Fragen der Geothermie weiterzubilden. Sehr grosszügig ausgefallen ist auch der Neubau an der Industriestrasse. Nicht nur wegen der Raumreserve für 150 bis 200 Mitarbeiter (von der erst ein kleiner Teil fremdvermietet ist). Das neue Hauptgebäude hat einen Saal (300 Plätze), ein Selbstbedienungsrestaurant, einen Speiseraum mit Bedienung, eine Lounge für die Chefs (letztere wurde eingerichtet, damit die Raumreserven nicht leer stehen).

Schafft es die Eniwa, ihr ehemaliges Hauptgebäude an der Oberen Vorstadt zu akzeptablen Bedingungen zu vermieten?

Das Gebäude am Turbinenkreisel (Bezug 1925) steht seit Februar leer (im benachbarten Parkhaus Behmen/Implenia sind noch immer 25 Plätze mit «IBA» angeschrieben). Am aussichtsreichsten erscheint eine Vermietung an den Kanton. Im ehemaligen IBA-Hauptsitz könnte das Bezirksgericht (heute an drei Standorten) einquartiert werden. Das aktuelle Gerichtsgebäude an der Kasinostrasse gehört der Stadt.

Sie vermietet es dem Vernehmen nach sehr günstig (der Kanton hat einen Vertrag bis Ende 2022). Weil die Miete an der Oberen Vorstadt höher wäre, müsste der Kanton dank der Konzentration des Bezirksgerichts erhebliche Synergien (Stellenabbau?) generieren können. Und die Stadt? Sie hätte zwar für die Eniwa (an der sie 95,4 Prozent des Aktienkapitals hält) ein Problem gelöst, müsste aber für ihr denkmalgeschütztes Gebäude an der Kasinostrasse eine neue Lösung finden.

Wie lange dauert es, bis die Regionsgemeinden gegen die Investitionsoffensive in der Stadt aufgebehren?

Im Frühling 2012 stimmten die Aarauer dem Gegenvorschlag zur links-grünen ESAK-Initiative («Energiestadt Aarau konkret!») zu. Angestrebt werden müssen seither die 2000-Wattgesellschaft und eine massive Reduktion der Treibhausgas-Emissionen (mit relativ langen Fristen). Dabei spielt die Eniwa eine zentrale Rolle. Etwa, indem sie in der Grössenordnung von 100 Millionen Franken in den Aufbau eines Fernwärmenetzes investiert. Gibt es Querfinanzierungen? Müssen die gegen 50 000 Bewohner der Gemeinden, die nicht in Aarau wohnen, die Öko-Initiative der Kantonshauptstadt mitfinanzieren?

Es besteht keine Transparenz, weil die Eniwa nicht ausweist, ob beispielsweise ihre Fernwärmeaktivitäten selbsttragend sind. In der Antwort zu einem aktuellen Postulat schreibt der Stadtrat, die Eniwa gehe mit ihren Investitionen zur Erreichung der 2000-Watt-Gesellschaft Risiken ein, die möglicherweise kurz- und mittelfristig die Rendite schmälern würden. Und langfristig? «Eine Gewissheit für die Rentabilität der Investitionen besteht nicht.» Können die Kosten direkt auf den Strompreis überwälzt werden? Nein, eine Quersubvention sei «strengstens untersagt» und werde von der Regulierungsbehörde ElCom kontrolliert, heisst es seitens der Eniwa.

Was wird aus dem Klotz der Alpiq-Beteiligung?

Hätten die Aarauer 2012 der «ESAK»-Initiative zugestimmt, hätte die Eniwa ihre 2 Prozent am Aktienkapital der Alpiq verkaufen müssen. Das wäre damals vermutlich noch möglich gewesen – und das mit einem ansehnlichen Gewinn. Am meisten verdient hätte die Eniwa (und mit ihr die Stadt, die zur Hälfte partizipiert), wenn ihre Chefs prophetische Fähigkeiten gehabt und das Alpiq-Paket im Februar 2009 verkauft hätten. Heute ist es Grössenordnung 200 Millionen Franken weniger wert.

Die Eniwa hatte bisher stehts erklärt, die Alpiq-Papiere seien eine strategische Investition. Der langjährige Partnervertrag erlaube ihr Strombezug zu Gestehungskosten aus Schweizer Produktion. Doch das ist zurzeit nichts mehr wert: Denn es hat in Europa zu viel Strom – und erst noch zu Preisen unter dem Schweizer Niveau. Darum hat die Eniwa ihre Meinung geändert. «Aus ihrer Sicht ist die Alpiq-Beteiligung aktuell für die Versorgungssicherheit nicht notwendig» schrieb der Stadtrat vor zwei Wochen in der Beantwortung eines Postulates.

Und: «Der Stadtrat ist bereit, mit der IBAarau AG die Möglichkeiten eines Verkaufs der Alpiq-Aktien und die allfällige Verwendung des Verkaufserlöses zu besprechen.» Ob sich überhaupt ein Käufer finden lässt? Die Aussichten sind nicht rosig. Denn in den Alpiq-Aktien steckt das Risiko der Stilllegungskosten der AKW Gösgen und Leibstadt.

Warum hat die Eniwa die Berichterstattung über die Quartalszahlen eingestellt?

Offiziell gibt es dafür keine Begründung. Es heisst einzig, die Geschäftsleitung habe entschieden, nur noch Halbjahreszahlen zu veröffentlichen. Im Vorfeld der Jubiläumsfeierlichkeiten wären die Werte des 1. Quartals besonders interessant gewesen. Auch wegen des Vergleichs mit dem Vorjahr. In den ersten drei Monaten 2017 litt die Eniwa unter dem tiefen Wasserstand (wenig Stromproduktion).

Dafür profitierte sie von der guten Börsenentwicklung. In diesem Jahr war die Börse schwach (SMI minus 7 %), dafür der Wasserdurchfluss besser. Interessant sind auch immer die Angaben zum Geschäftsgang der Installationsabteilung, die unter besonderer Beachtung der rein privaten Konkurrenz ist.

Ist die Eniwa überhaupt eine erfolgreiche Firma?

Was den Profit anbetrifft, hatte das Unternehmen auch schon bessere Zeiten. Letzte Jahr betrug der Gewinn noch 12,8 Millionen Franken, 2014 lag er letztmals über 20 Millionen. Es sind auch Projekte wie der Kauf des EW Kölliken oder der Bau von fünf Kleinwasserkraftwerke an der Suhre gescheitert.

Zudem musste die Eniwa bei der Gesamtsanierung des Wasserkraftwerkes Aarau nach über zehnjähriger Planung überraschend den Reset-Knopf drücken. Für die Eniwa spricht, dass es ihr gelungen ist, sich als Ökostromanbieterin zu profilieren. Und sie ist solide finanziert (Eigenkapitalquote bei 61 %).

Wird das Wasserkraftwerk überhaupt je neu gebaut werden können?

Es wird sicher noch dauern. Das Grundproblem besteht darin, dass das neue Kraftwerk zu teuren Strom produziert. Die Investition von 100 Millionen Franken lohnt sich nur mit einer sehr langfristigen Perspektive. Und der Neubeginn der Planung (Reset-Knopf) hat in jedem Fall eine Verzögerung zur Folge.

Mehr noch: Es könnte zu einem Seilziehen mit dem Heimatschutz kommen. Dieser war gegenüber dem bisherigen Projekt (transparentes Turbinenhaus, Erhalt des Türmchens) wohlwollend eingestellt. «Sorgenvoll gespannt» wartet er eine definitive Ansicht des neuen flachen Turbinenhauses (ohne Türmli).

Ist die Eniwa ein gutes Investment?

2011 wurde die damalige IBAarau zur Publikumsgesellschaft. Wer damals Aktien gekauft hat, machte ein schlechtes Geschäft. Der Ausgabepreis lag bei 1260 Franken. Aktuell sind die Aktien gar nicht gesucht. Gestern hätte ein Käufer 840 Franken bezahlt (ein Verkäufer hoffte auf 920 Franken). Immerhin gabs in diesem Frühling erneut eine Dividende von 20 Franken (die genehmigt sich der Mehrheitsaktionär, die unter Spardruck stehende Stadt Aarau). Der innere Wert der Eniwa-Aktie lag Ende 2017 bei 1172 Franken, der Steuerwert beträgt 900 Franken.

Hat sich der Namenswechsel, der neue optische Auftritt, gelohnt?

Es wird immer Leute geben, die der alten IBA nachtrauern. Und die Kritik an den Kosten von einer Million Franken wird nie ganz verstummen. Aber der Namenswechsel ist sehr professionell umgesetzt worden. So gibt es heute kaum noch Eniwa-Fahrzeuge mit dem alten Logo.