Eigentlich wäre der Samstag für die Suhrer ein Freudentag: Das neue Primarschulhaus «Vinci» wird eingeweiht. Doch über dem «Vinci» ist eine dunkle Wolke aufgezogen. Eine kleine Gruppierung von «Eltern und besorgten Bürgern» wirft den zuständigen Behörden öffentlich vor, ein «lebensgefährliches» Treppenhaus gebaut zu haben.

In einer auf Facebook aufgeschalteten Petition schreibt die Gruppierung, «die völlig offene Konstruktion» berge «viele Gefahren» und sei für ein Primarschulhaus «völlig ungeeignet». Die Gruppierung befürchtet nicht nur schlimme Stürze über das Geländer oder auf der Treppe. Sie spekuliert sogar: «Auch ein möglicher Suizid kann mit dieser offenen Treppenkonstruktion nicht ausgeschlossen werden.»

Vorwürfe, die Gemeindepräsident Beat Rüetschi, Gesamtschulleiterin Denise Widmer und Projektleiterin Jeannette Schreyer fassungslos machen. Und Vorwürfe, gegen die sie sich wehren wollen – öffentlich, weil nach einem ergebnislosen schriftlichen Austausch zwischen den Parteien vor ein paar Tagen auch die Gruppierung an die Öffentlichkeit getreten ist. «Natürlich ist das Empfinden von Gefahren eine subjektive Angelegenheit», sagt Denise Widmer. «Uns aber öffentlich vorzuwerfen, wir würden unsere Schülerinnen und Schüler mutwillig einer Gefahr aussetzen, ist schlichtweg gelogen. Das ist Verleumdung.»

Höher als Norm es verlangt

«Wir haben alles für die Sicherheit der Kinder getan», sagt auch Beat Rüetschi. «Die Sicherheitsaspekte standen während der ganzen Planung und Umsetzung auch bei der breit abgestützten Begleitgruppe immer an erster Stelle.» Nicht nur die bfu-Empfehlungen, sondern auch die SIA-Normen zu Geländerhöhen wurden im «Vinci» übertroffen.

So ist das Geländer am äusseren Treppenlauf zwei Zentimeter, am inneren Treppenlauf sogar elf Zentimeter höher als vorgeschrieben. Auf den Podesten sind die Geländer einen Zentimeter höher, auf dem Podest im obersten Stock übersteigen sie die Richtwerte um bis zu 15 Zentimeter. Und auch die Zwischenräume zwischen den Stäben sind 2,5 Zentimeter enger gehalten, als vorgeschrieben.

Ausserdem wurde das Geländer nach innen geneigt, um das Klettern zu erschweren, und Noppen auf den Handlauf geschweisst, damit kein Kind auf die Idee kommt, auf dem Geländer in die Tiefe zu rutschen. «Alle diese Masse sind mehrfach überprüft», so Rüetschi.
Denise Widmer deklariert die Befürchtungen der Gruppierung als «Panikmache»: «Die Argumente entbehren jeglicher sachlichen Grundlage, sie sind rein emotional.»

Die Behauptung beispielsweise, es sei «bereits zu etlichen Stürzen mit Verletzungsfolgen gekommen», sei falsch, so Widmer. Die einzige Person, die sich bisher im «Vinci» bei einem Sturz verletzt habe, sei eine Schulleiterin gewesen, die beim Umzug über eine Kiste gestolpert sei. Auch die Aussage, das Treppenhaus habe 8 Millionen gekostet, widerlegt Schreyer: «Die Baumeisterkosten für das Schulhaus und den Keller liegen bei ungefähr 3,2 Millionen.»

Mit ihrer in der Petition angegebenen Forderung – Spanndrähte, Antirutschmaterial auf den Treppenstufen und Entschärfung der Treppenkanten – wird die Gruppierung ins Leere laufen, sollte sie überhaupt zustande kommen. «Eine Petition ist eine Bittschrift. Der Gemeinderat sieht keinen Anlass, diese Massnahmen umzusetzen», sagt Rüetschi. Und Widmer ergänzt: «Wir können dieser Emotionalität nichts als Sachlichkeit entgegenhalten und immer wieder betonen, dass keine einzige der 45 Lehrpersonen, die im ‹Vinci› unterrichten, Bedenken geäussert hat.»

Die Freude am neuen Schulhaus wollen sich die drei trotz dieser Vorwürfe nicht vergällen lassen. «Wir haben eine unglaubliche Freude an dem neuen Schulhaus und sind sehr stolz darauf», sagt Widmer. «Und da die Sicherheitsaspekte immer an erster Stelle standen, birgt das ‹Vinci› nicht mehr Gefahren, als jedes andere Schulhaus auch.»