Gast-Kolumne

Leben in Aarau – das (vermeintliche) Wohnparadies

Neben dem neuen Stadion werden nun bald auch vier Hochhäuser gebaut werden. Ein Teil der Wohnungen wird von einer Wohnbaugenossenschaft realisiert. Für welches Publikum?

Zurzeit stehen gemäss dem Internetportal homegate.ch genau 150 Wohnungen leer in Aarau und Aarau Rohr. Wenn die umliegenden Gemeinden mit einbezogen werden, zeigt sich ein massiv höherer Leerwohnungsbestand.

Das Spektrum reicht von ganz einfachen und günstigen Angeboten bis hin zu luxuriösen und teuren, von Zentrums- bis Peripherielagen. Auffallend ist, dass vor allem Altbauten keine Interessenten mehr finden.

Ein Bekannter aus der Immobilienbranche meinte: «Wer will schon in eine Wohnung ziehen, die kleine Zimmer bietet, keinen Lift hat und sich die Aktivitäten der Nachbarn wegen mässigem Schallschutz mitverfolgen lassen? Frau und Mann sind verwöhnt, lieber bewerben sie sich auf eine subventionierte Genossenschaftswohnung.»

Wohnen ist ein zentrales Anliegen aller. Die Ausgaben für diesen Budgetposten fressen bei so manchen einen beträchtlichen Teil der verfügbaren, finanziellen Mittel weg. Umso erfreulicher, dass sich die Preisentwicklung auf dem Mietwohnungsmarkt in und um Aarau dank eines Angebotsüberschusses entspannt hat.

Und trotzdem wird der Ruf nach wohnpolitischen Massnahmen wie etwa einer intensiveren Förderung durch die Stadt lauter. Eine deutliche Stärkung des gemeinnützigen Wohnungsbaus wird von verschiedenen Seiten verlangt.

Immer mal wieder ist zu hören, dass die Unterstützung des gemeinnützigen Wohnungsbaus nichts koste, da es bei der Förderung durch den Staat nur um rückzahlbare Darlehen handle. Oftmals gewähren Gemeinden den Genossenschaften aber auch Grundstücke mit tiefen Baurechtszinsen, so beispielsweise auch Aarau in den Goldern.

Diese können sich zudem beim staatlichen Fonds de Roulement für 80 bis 90 Prozent des Immobilienwerts mit 1 Prozent Zins finanzieren. Ein privater Investor bräuchte bedeutend höhere Eigenmittel und der risikoreiche Teil der Finanzierung würde ein Mehrfaches kosten. Gemäss einer Studie der Universität St. Gallen sind es diese niedrigen Kapitalkosten, die einer Genossenschaft ermöglichen, die Mietzinse rund 30 Prozent tiefer als in Liegenschaften von privaten Bauträgern anzusetzen.

Wenn bedürftige Personen in den Genuss solcher Wohnbauförderungen kommen, wird der Zweck ja erfüllt und eine staatliche Subvention wird aus sozialpolitischer Sicht gerechtfertigt. In der Regel leben in solchen Wohnungen aber mehrheitlich Personen, die auf dem freien Wohnungsmarkt auch fündig würden – vielleicht aber nicht an eben diesen besten Lagen und in neu erstellten Bauten.

In den vielen Genossenschaftswohnungen in Aarau wohnen kaum Familien, die auf Sozialhilfe angewiesen sind. Sozialhilfeempfänger sind hingegen für bestimmte private Vermieter wegen der staatlich bezahlten Mieten eine gern gesehene Kundschaft. Eine verkehrte Welt!

Vergessen geht in der Mietpreisdiskussion oftmals, dass die Mehrheit der Bevölkerung nicht nur Mieter, sondern über die Altersvorsorge indirekt auch Vermieter ist. Die allermeisten Schweizer Pensionskassen haben einen wesentlichen Anteil ihrer Vermögen direkt in Immobilien oder indirekt über Immobilienfondsanlagen investiert.

Wenn wir diesen Hut tragen, dann sind wir froh, wenn die Mieten auf dem freien Markt nicht allzu stark sinken. Man fragt sich dann schon, ob es wirklich sinnvoll ist, in Zeiten historisch höchster Leerstände, zusätzlichen, künstlich verbilligten Wohnraum zu schaffen. Eine Reduktion der Rente will schliesslich niemand.

Die städtische Wohnraumstrategie ist in Arbeit und deren Veröffentlichung auf den kommenden Frühling angekündigt. Bleiben wir also gespannt auf diese Analyse und die vorgeschlagenen Massnahmen.

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