Analyse
Lasst die bewährten Zebrastreifen!

In seiner Analyse zur Frage, welche Instrumente am ehesten der Fussgängersicherheit dienen, schreibt Ueli Wild: «Gerade Mehrzweckstreifen sind weit anspruchsvoller zu nutzen als beispielsweise Fussgängerstreifen.»

Ueli Wild
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Analyse zur Frage, welche Instrumente am ehesten der Fussgängersicherheit dienen
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Aarau, Kasinostrasse (KasinoparkKino Ideal, Parkhaus Kaserne) Streifen ist weg.
Aarau, Bahnhofstrasse (BehmenAargauerplatz) Der Streifen verursacht Stau.

Analyse zur Frage, welche Instrumente am ehesten der Fussgängersicherheit dienen

AZ

In den letzten Jahren haben Politik und Verkehrsplaner ihr Augenmerk vermehrt auf die Sicherheit der schwächeren Verkehrsteilnehmer gerichtet. Das ist im Grundsatz zu begrüssen. Bei der Umsetzung stellen sich oftmals aber Fragen. In Suhr etwa ist man nun nach jahrelanger Suche in Sachen Schulwegsicherheit auf der Tramstrasse definitiv beim Mehrzweckstreifen in der Mitte der Fahrbahn gelandet. Ist das Ei des Kolumbus damit gefunden?

Der Mehrzweckstreifen existiert auf dem grössten Teil des fraglichen Abschnitts schon. Es geht vor allem darum, ihn, wo nötig, zu verbreitern, damit er überall die ihm zugedachten Zwecke erfüllt. Ein Mehrzweckstreifen dient verschiedenen Verkehrsteilnehmern. So dürfen ihn Autos, Motorräder und Velos beim Linksabbiegen als Einspurstreifen benutzen, auf dem sie das Passieren des vortrittsberechtigten Verkehrs abwarten. Dies sowohl beim Einbiegen von der Hauptstrasse in eine Querstrasse als auch umgekehrt. Zudem darf der Mehrzweckstreifen zum Überholen von Velos genutzt werden. Und schliesslich kann ihn der Fussverkehr zum Queren der Strasse in Etappen verwenden. Allerdings werden die Suhrer Schulkinder auf der Tramstrasse zwischen Museum und Suhre nach dem Verschwinden der Zebrastreifen nirgends mehr Vortritt geniessen. Sie müssen stets eine Lücke im Verkehrsfluss abwarten – zuerst auf dem Trottoir, dann auf dem Mehrzweckstreifen. Letztlich dient dieser so gesehen vorab der Verflüssigung des Verkehrs, für den nach wie vor eine erlaubte Höchstgeschwindigkeit von 50 km/h gilt.

Bei den vielen Ansprüchen, die gleichzeitig an ihn gestellt werden, kann der Mehrzweckstreifen zur Konfliktzone werden. Klarheit müssen oftmals Blickkontakt und Handzeichen schaffen. Wirklichen Schutz bieten Fussgängern höchstens die Querungshilfen. Sie verhindern, dass der Streifen an den neuralgischen Punkten von Velos und Motorfahrzeugen als Einspurstrecke und zum Überholen genutzt wird. In rechtlicher Hinsicht sind die Querungshilfen aber kein Ersatz für die Fussgängerstreifen.

In Aarau wurden solche in den letzten Jahren auf Tempo-30-Abschnitten beseitigt. So etwa auf der Kasinostrasse beim Kino Ideal – dies eine Querung, die stark frequentiert ist, auch nachts (Kino, Parkhaus), wobei Fussgänger, die sich vom Kasinopark her nähern, von den südwärts fahrenden Automobilisten erst spät wahrgenommen werden können. Unklarheiten und Missverständnisse sorgen für heikle Situationen. Gleiches gilt für die Fussgänger-Verbindung Kantonsspital–Bahnhof bei der Querung der Herzogstrasse: Tempo 30 und kein Fussgängerstreifen. Die grösste Gefahr besteht hier darin, von einem talwärts brausenden Radler über den Haufen gefahren zu werden.

Klar: In Tempo-30-Zonen sind Fussgängerstreifen nur in Ausnahmefällen zulässig. Die kommunalen Behörden haben aber die Möglichkeit, selber zu entscheiden, wo diese Notwendigkeit gegeben ist. Ein Plädoyer also für den guten alten Fussgängerstreifen? Ja. Zugegeben: Stark begangene Fussgängerstreifen können den Verkehrsfluss nachhaltig stören. So ein Beispiel findet sich beim Behmen an der Aarauer Bahnhofstrasse. Das Problem liesse sich jedoch mit einer Lichtsignalanlage für die Fussgänger lösen.

Ampeln, Temporeduktionen, Fussgängerstreifen – notfalls in Kombination miteinander: Herkömmliche Instrumente zur Konfliktverhinderung haben den Vorteil einer eindeutigen, leicht verständlichen Botschaft. Gerade Mehrzweckstreifen sind weit anspruchsvoller zu nutzen. Sie setzen ein grosses Mass an Aufmerksamkeit, Rücksichtnahme und Eigenverantwortung voraus. Suhr hätte eigentlich gerne Tempo 30 auf der Tramstrasse. Der Kanton will aber nicht: Auf einer Durchgangsstrasse müsse der Verkehr fliessen. Zumindest das ist mit dem Mehrzweckstreifen wohl gewährleistet. Wenn er von allen richtig genutzt wird.