Prozess in Aarau

Landesverweis für jungen Tamilen – wegen eines Raubs von einem Päckli Zigaretten

Vor einer Party im Jugendtreff: Der Angeklagte entriss einem anderen jungen Mann das Päckli Zigaretten. (Symbolbild)

Das Bezirksgericht Aarau wertet eine Straftat eines jungen Tamilen als Raub und damit als Katalogdelikt. Die Folge: Der 21-Jährige, der in der Schweiz aufgewachsen ist, muss die Schweiz verlassen, wenn das Urteil rechtskräftig wird.

Athavan (Name geändert) ist knapp 21 Jahre alt, Staatsbürger von Sri Lanka und lebt seit seiner Geburt in der Schweiz. Er spricht deutsch und tamilisch; in seiner Heimat war er noch nie. Wird das Urteil des Bezirksgerichts Aarau rechtskräftig, könnte das ändern: Wenn Athavan die ihm auferlegte dreijährige Freiheitsstrafe abgesessen hat, warten sieben Jahre Landesverweisung auf ihn. Grund: Der junge Tamile hat vor gut zwei Jahren einem gleichaltrigen Schweizer ein Päckli Zigaretten aus der Hand gerissen. Im Sinne der Anklage qualifizierte das Gericht unter dem Vorsitz von Gerichtspräsident Andreas Schöb diese Tat als Raub. Und Raub ist ein Katalogdelikt, das bei Ausländern zwingend zu einem Landesverweis führt, sofern kein Härtefall vorliegt.

Die Frage, die das Gericht lange diskutierte, lautete: Raub oder Entreissdiebstahl? Raub ist ein Diebstahl, der mit Gewalt erfolgt, unter Bedrohung von Leib oder Leben oder wenn das Opfer vorgängig widerstandsunfähig gemacht wurde. Hingegen hängt der Tatbestand des Raubs nicht vom Deliktsbetrag ab.

Schläge auf dem Wenk-Areal

Der Vorfall ereignete sich beim Aarauer Jugendtreff Wenk. Dort fand an einem Samstagabend im Januar 2017 eine Privatparty statt. Einer Gruppe von 10 bis 15 Personen, darunter Athavan, wurde der Zutritt deshalb verweigert. Der Gruppe gelang es jedoch, durch Niederreissen eines Zauns zum Hintereingang zu gelangen. Vom dort stehenden Schweizer, der vor Gericht nun als Privatkläger auftrat, verlangte Athavan eine Zigarette. Als der junge Mann das Päckli hervornahm, riss ihm Athavan dieses aus der Hand. Noch ehe der Bestohlene mehr als «Was?» sagen konnte, schlug ihm Athavan dreimal ins Gesicht, einmal mit der flachen Hand und zweimal mit der Faust.

Für dessen amtlichen Verteidiger, Kenad Melunovic, wars ein klassischer Entreissdiebstahl. Vom Vorhalt des Raubs sei Athavan daher freizusprechen. Die Tat sei als Diebstahl und Tätlichkeit, allenfalls als Körperverletzung zu werten. Der Bestohlene habe keinen Widerstand geleistet, daher seien die drei Schläge auch keine Nötigungshandlung gewesen, die es dem Täter erst ermöglichte, die gestohlene Ware zu behalten, was laut Strafgesetzbuch als Raub gelten würde. Genau das war in den Augen von Oberstaatsanwalt Beat Sommerhalder, der die Anklage vor Gericht vertrat, der Fall: Die Schläge hätten der Beutesicherung gedient. Der Geschädigte selber sagte, er sei der Schläge wegen «baff» gewesen. Gewehrt habe er sich nicht, zumal er rund zehn Personen gegenüber gestanden habe.

Athavan, der eine abgebrochene Lehre hinter sich und keinen Job hat, ist schon wiederholt durch Schlägereien und Drogengeschichten negativ aufgefallen. 2016 wurde er von der Jugendanwaltschaft zu einem bedingten Freiheitsentzug verurteilt. Die aktuellen Vorhalte der Staatsanwaltschaft lauteten ausser auf Raub auch auf Schändung (ein weiteres Katalogdelikt), qualifizierte einfache Körperverletzung, mehrfache Widerhandlung gegen das Waffengesetz, mehrfache Widerhandlung gegen das Betäubungsmittelgesetz und Hinderung einer Amtshandlung. Oberstaatsanwalt Sommerhalder ging über die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau hinaus und beantragte eine Verurteilung wegen versuchter schwerer statt bloss wegen qualifizierter einfacher Körperverletzung.

«Rache» für Foto von Schwester?

Dieser im Wesentlichen unbestrittene Vorfall an der Aarauerstrasse in Buchs betraf das Zusammenschlagen eines srilankischen Landsmanns mit einem Teleskopschlagstock. Was es falsch gemacht haben soll, weiss das 31-jährige Opfer heute noch nicht. Angeblich genügte der Besitz eines Fotos von Athavans Schwester für die Attacke. Das Gericht erkannte auf qualifizierte einfache Körperverletzung und folgte damit der Verteidigung. Eine Verurteilung wegen versuchter schwerer Körperverletzung, wie sie der Oberstaatsanwalt gefordert hatte, erklärte der Gerichtspräsident, sei wegen des Anklagegrundsatzes nicht möglich: In der Anklageschrift finde sich nichts, woraus hervorgehen würde, dass der Beschuldigte die Absicht gehabt habe, das Opfer schwer zu verletzen.

«Verladene» Kollegin geschändet?

Der Vorfall, der zum Anklagepunkt der Schändung führte, ereignete sich an einer «Home Party» mit 10 bis 15 jungen Leuten, die völlig aus dem Ruder lief. So lag am Ende der Hörnlisalat im ganzen Wohnzimmer verstreut, eine Flasche flog durch ein Fenster, zwei Feuerlöscher verschwanden, an den Wänden hatte es Weinflecken und am Boden lagen Scherben. Ort des Geschehens: die sturmfreie Wohnung der Mutter einer früheren Schulkollegin von Athavan. Auf dem Balkon wurde buchstäblich gesoffen – und gekifft. Beim «Flaschendrehen», einem Spiel, bei dem der Verlierer jeweils genötigt war, einen alkoholischen Mix ex zu trinken, schüttete die Gastgeberin sechs bis neun «Shots» hinunter. Sturzbetrunken kippte sie auf ihr Bett und musste sich mehrmals übergeben. Athavan folgte ihr aufs Zimmer, wo es unbestrittenermassen zu sexuellen Handlungen kam. Staatsanwaltschaft und Privatklägerin erklärten, diese seien nicht einvernehmlich erfolgt. Athavan habe um den Zustand der Frau gewusst und diesen ausgenutzt, womit Schändung vorliege.

Der Verteidiger machte unter anderem geltend, die junge Frau sei hinterher selbstständig zum Erbrechen aufs WC gegangen. Ganz so weggetreten sei sie demnach nicht gewesen. Und noch ein paar Tage danach habe sie Athavan auf eine Whatsapp-Frage eine scherzhafte Antwort mit vier Smileys geschickt. Zwei Tage später brach der Kontakt ab. Die Zivil- und Strafklägerin sagte vor Gericht, die Mutter habe ihr klargemacht, so könne es nicht weitergehen. Vorher, so die 20-Jährige, habe sie mit niemandem über den Vorfall gesprochen. – Was an der Party wirklich passiert sei, befand das Gericht, lasse sich nicht im Detail erstellen. Es sprach Athavan deshalb «in dubio pro reo» vom Vorhalt der Schändung frei.

Tausende von Franken kosten Athavan nun bereits gutgeheissene Zivilansprüche der zwei männlichen Zivilkläger. Dazu kommen vergleichsweise moderate Bussen und Geldstrafen, die dreijährige Gefängnisstrafe und der Landesverweis. Seit Juli 2018 ist Athavan im vorzeitigen Strafvollzug. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Wie sich der Verteidiger nach der mündlichen Eröffnung äusserte, dürfte er in Berufung gehen. Die Wertung als Raub sei falsch, sagte Melunovic. «Es war schlicht ein Entreissdiebstahl.»

Autor

Ueli Wild

Ueli Wild

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