Küttigen

Kuriose Protokolle im Schrank

Veronika de Maddalena stöbert gern in den alten Protokollen.

Veronika de Maddalena stöbert gern in den alten Protokollen.

Der Kulturkreis feiert 140 Jahre. Zeit für einen Blick in die alten Protokollbücher. Nicht nur Orts-, sondern auch weltpolitische Themen finden sich dort.

Wenn es während der Wintermonate früh eindunkelte, sassen die Männer nach der Arbeit in Stall und Hof im Küttiger Gemeindehaus im Zivilstandszimmer und diskutieren schmauchend über die wichtigen Dinge des Lebens. Oder sie hörten sich Vorträge zum «Tabakrauchen», zum «Stand des russisch-türkischen Krieges», «Schulwesen – Geographie für die Mädchen unnötig» oder «Zuckerrüben-Anbau» an, bevor sie sich zu Abendtrunk und Gesang ins «Kreuz» begaben.

30 Rappen Monatsbeitrag

All die Jahrzehnte hat nicht nur der Leseverein – 1970 wurde er in Kulturkreis Küttigen-Rombach umgetauft – überdauert, sondern auch die Protokollbüchersammlung in einem Schrank im Spittel. Wenn die heutige Präsidentin Veronika de Maddalena in den alten Protokollen stöbert, kann sie sich ein Lächeln manchmal nicht verkneifen; gewisse Themen oder Wertvorstellungen muten aus heutiger Sicht doch sehr schräg an.

«Aber die Vortragsthemen sind ein guter Spiegel dafür, was die Küttiger damals umtrieb, was sie bewegte. Das ist unglaublich spannend.» Und die Notizen zeigen noch viel mehr; Namen, Funktionen, politische Strukturen, Vorstellungen über eine gesunde Ernährung, Ideen des damaligen Weltbildes oder Einkommensverhältnisse. So wurde beispielsweise im November 1878 der bei der Gründung bestimmte Monatsbeitrag von 50 Rappen auf 30 Rappen reduziert, um mehr Mitglieder anzulocken.

«Mich beeindruckt, dass in Küttigen, damals ein einfaches Bauerndorf, nicht nur Alltägliches rund um Haus und Hof, sondern auch über weltpolitische Themen diskutiert wurde», sagt de Maddalena. «Und das in einer Zeit, in der Informationen vom anderen Ende der Welt nicht einfach per Knopfdruck online abgerufen werden oder sich jeder eine Zeitung leisten konnte.»

Wie inbrünstig diskutiert wurde, zeigt sich ebenfalls im Protokollbuch: So scheint die Diskussion darüber, ob denn nun reife oder nicht ganz ausgereifte Zwetschgen mehr Branntwein ergeben, das Hauptthema der Versammlung im März 1878 gewesen zu sein. Zum Schluss habe man sich darauf geeignet, dass mehrere Landwirte den Versuch wagen und Branntwein aus unreifen Zwetschgen machen wollen, um die «Behauptung» aus der Welt zu räumen.

Gehts um Küttigen, kommen sie

Hatten die Abende im Leseverein einen mehrheitlich weiterbildenden Charakter, steht heute die Unterhaltung im Vordergrund. Lesungen, Konzerte, Ausstellungen, Exkursionen, Cabarettabende, das bietet der Kulturkreis heute. «Wir versuchen, das Programm so zu gestalten, dass jeder Küttiger etwas findet, das ihn interessiert», sagt de Maddalena.

Gleichzeitig versuche man auch immer, jungen Künstlern eine Plattform zu bieten und Experimente zu wagen. Wie das Programm bei den Leuten ankommt, ist von Anlass zu Anlass unterschiedlich. «Manchmal kommt nur eine Handvoll und wenn es um Küttigen oder den Jura geht, rennen uns die Leute den Saal ein.» Mit den Anzahl Besuchern sei man Ende Jahr unter dem Strich zufrieden, es gebe aber noch Luft nach oben.

Jammern will die Präsidentin aber auf keinen Fall. Dem Kulturkreis geht es gut; der Vorstand bewährt sich seit Jahren und die Finanzen sind gesund. Heute zählt der Verein rund 270 Mitglieder. Künftig werde man sich bemühen, jüngere Küttiger für eine Mitgliedschaft zu begeistern, damit der Verein auch die nächsten 140 Jahre Bestand hat. De Maddalena: «Der Kulturkreis ist eine wichtige Ergänzung zu den anderen Vereinen und Angeboten im Dorf. Küttigen ohne Kulturkreis würde ärmer werden.»

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