Das Wort «Kirschessigfliege» aus dem Mund einer jungen Frau aus Los Angeles zu hören, ist eine Überraschung. Jhana Maung spricht den Namen des kleinen Schädlings, der derzeit viele Weinbauern auf Trab hält, in fast akzentfreiem Hochdeutsch aus. «Wir haben Fallen gegen die Kirschessigfliege aufgestellt», erzählt die 20-jährige US-Amerikanerin beim Spaziergang durch die Reben der Weinfamilie Wehrli in Küttigen. «Die Fallen sind mit einem Lockmittel aus Wasser, Essig, Rotwein und Abwaschmittel gefüllt.» Lockmittel, Essig, Abwaschmittel – auch diese Worte sprudeln fast akzentfrei aus Jhanas Mund. Nur das «R» rutscht manchmal auf ihrer Zunge nach hinten ins Amerikanische.

Seit August arbeitet Jhana Maung im Rebberg von Peter Wehrli. Sie hat im Sommer die dreijährige Lehre zur Winzerin begonnen. Das erste Jahr verbringt sie in den Küttiger Reben, die beiden folgenden Jahre bei Zweifel Weine in Zürich – dies, obwohl die Weingebiete in ihrer Heimat Kalifornien zu den besten der Welt gehören. Eine Ausbildung in den USA war für Jhana Maung aber keine Option: «Nach der Highschool wollte ich nicht auf ein US-College, weil diese wenig Praxis bieten.». Zudem habe sie vor zwei Jahren noch nicht gewusst, welchen Beruf sie lernen möchte. «In den USA gibt es keine Berufsberatung. Es ist schwierig, sich mit 18 Jahren für Studium und Beruf zu entscheiden.»

Familie Wehrli ist fasziniert

Jhana Maung ging deshalb einen ganz anderen Weg. Vor einem Jahr zog sie nach Zürich in eine WG. «Ich wollte schauen, welche Möglichkeiten die Schweiz bietet.» In Zürich lernte sie ein Jahr lang Deutsch, arbeitete in einem Bistro und setzte sich ins Wartezimmer der Berufsberatung. Dort wurde klar: Handwerkliche Berufe an der frischen Luft passen am besten. Forstwartin, Floristin und Geflügelfachfrau standen nach dem letzten Beratungstermin auf der Liste. Und der Beruf der Winzerin, der Jhana Maung am meisten faszinierte. Sie bewarb sich deshalb im Frühling 2016 auf den letzten Drücker bei der Familie Wehrli in Küttigen. Nach drei Tagen schnuppern hatte sie die Lehrstelle. «Mein Bauchgefühl sagte sofort: Dieser Frau müssen wir eine Chance geben», sagt Peter Wehrlis Tochter Susi Steiger. «Jhanas Lebenslauf und die Art, wie sie selbstbewusst Entscheide fällt, ist faszinierend.»

Highschool im Fernstudium

Susi Steiger hat den Entscheid nicht bereut. «Jhana ist ein Glücksgriff. Schade, dass sie ausbildungsbedingt nur ein Lehrjahr bei uns ist.» Auch Jhana ist begeistert vom Winzer-Beruf. «Ich bin in der Natur und darf Ende Jahr ein schönes Produkt in den Händen halten.» Im Rebberg und im Weinkeller habe sie schon viel lernen können. Spannend sei auch der Unterricht an der Berufsschule Strickhof in Wädenswil ZH.

Das ist nicht selbstverständlich, denn zur Schulbank hatte Jhana Maung schon immer ein gespanntes Verhältnis. Die letzten zwei Highschool-Jahre verbrachte sie zu Hause und lernte über das Internet. In Los Angeles sei dies nicht ungewöhnlich. «Das tun vor allem Kinder von Prominenten», erzählt Jhana Maung

Parallel zum Fernstudium arbeitete sie 100 Prozent in einer Bäckerei; für die Schule wendete sie wöchentlich etwa 20 Stunden auf. Die nötige Disziplin baute sich auch auf Druck der Eltern auf. Wenn du keinen Highschool-Abschluss machst, musst du gehen, stellten die Eltern klar. Jhana: «Das war für mich Motivation genug.»

Dass Jhana Maung für ihre Ausbildung die Schweiz gewählt hat, ist kein Zufall. Die junge Frau besitzt den Schweizer Pass. Ihre Mutter stammt aus Arosa und war mit 28 in die USA gezogen. Obwohl sie mit Jhana als Kind Schweizerdeutsch sprach, musste die angehende Winzerin in der Schweiz Deutsch lernen. Als Jhana in Zürich landete, verstand sie zwar Deutsch, konnte dieses aber nicht sprechen.

«Ich liebe Aarau»

Mit dem Umzug in die Schweiz trennen Tochter und Eltern nun knapp 10 000 Kilometer und elf Flugstunden. Trotzdem haben die Eltern Jhanas Pläne, in der Schweiz zu arbeiten, unterstützt. «Meine Eltern, beide Psychologen, sind stolz, dass ich mit den Händen arbeite», sagt Jhana Maung. Ihre Mutter freue zudem, dass sie in ihre Heimat zurückgekehrt sei.

In dieser Heimat möchte Jhana Maung bleiben. Die Schweiz sei abwechslungsreicher als Los Angeles, vor allem die Jahreszeiten. Zudem sei die Schweiz sicherer und biete beruflich mehr Möglichkeiten. Auch der Telli Aarau, wo sie jetzt in einer WG wohnt, möchte Jhana Maung treu bleiben. «Ich liebe Aarau, das genau die richtige Grösse hat. Obwohl ich aus L.A. bin, war Zürich für mich zu gross.»