Bezirksgericht Aarau
Kranführer fällt auf Baustelle in Loch und stirbt - Gericht spricht Sicherheitschef frei

Auf einer Baustelle macht ein Arbeiter einige Schritte rückwärts - und fällt über fünf Meter tief in einen Treppenschacht. Er verstirbt Tage später. Der junge Projektleiter der Baustelle stand nun wegen fahrlässiger Tötung vor Gericht.

Aline Wüst
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Auf einer Baustelle im Aargau kam es zu einem tödlichen Unfall - nun kam es zum Gerichtsfall. (Symbolbild)

Auf einer Baustelle im Aargau kam es zu einem tödlichen Unfall - nun kam es zum Gerichtsfall. (Symbolbild)

Keystone

Die Zimmerleute arbeiteten im Obergeschoss. Der Kranführer stand ihnen gegenüber und hievte mit dem Kran die Bodenelemente hinauf. Als eines dieser Elemente angeschwebt kam, machte er einige Schritte rückwärts und fiel in einen ungesicherten Treppenschacht. Er blieb auf dem Betonboden im Keller des Rohbaus liegen – 5 Meter 60 weiter unten. 13 Tage später starb er an den Folgen eines Schädelhirntraumas.

Es war ein Schock für alle Beteiligten. Doch wer war schuld?

Niemand, entschied die Aarauer Gerichtspräsidentin Bettina Keller-Alder und sprach den Zimmermann, der als Projektleiter für die Sicherheit auf der Baustelle zuständig war, am Montag frei. Der 29-jährige Mann war erleichtert. Er sagte nach der Verhandlung, dass es eine schwere Zeit gewesen sei nach dem Unfall, es ihm heute aber wieder gut gehe, er nun in die Zukunft blicke.

«Dann ist er hinuntergefallen»

Das Haus wurde im Elementbau aufgerichtet. Es blieben gerade mal zwei Tage Zeit dafür. Der Bau war im Verzug. «Wir standen unter grossem Zeitdruck», erinnert sich ein Zimmermann, der als Zeuge vorgeladen war.

Eigentlich hätte auch das Treppenhaus schon fertig sein sollen, als die Zimmerleute im Juni 2011 mit dem Aufrichten begannen. Doch anders als vorhergesehen war die Treppe noch nicht da – nur ein Loch.

Der Unfall passierte am zweiten Arbeitstag um 8.20 Uhr. Die Spanplatten auf dem Boden im Obergeschoss waren bereits verlegt. Zehn Minuten vor dem Unfall hatten zwei Arbeiter das Loch nachgefräst. Einer der fünf anwesenden Bauarbeiter erinnert sich: «Ich war auf dem Gerüst, das nächste Bodenelement kam und dann ist er runtergefallen.» Um 10 Uhr hätte das Loch laut Projektplanung gesichert werden sollen.

Heute ist es so, dass Gefahrenquellen auf Baustellen unverzüglich beseitigt werden müssen. In ihren Richtlinien schreibt die Suva vor, dass bei ungesicherten Stellen die Arbeit niedergelegt werden müsse.

Nicht erklären konnten sich alle Beteiligten, warum der erfahrene Kranführer nicht auf dem Baugerüst stand. Das wäre eigentlich sein Platz, dort hatte er den besten Überblick gehabt. «Es ist einfach sehr dumm gelaufen», sagt ein Zimmermann.

Es bleibt ein Restrisiko

Der beschuldigte Projektleiter war zum Zeitpunkt des Unfalls frisch ab Ausbildung. Es war das zweite Projekt, das er geplant hatte. Sein Verteidiger sagte, dass der junge Projektleiter den Kranführer hätte wegschicken müssen aufs Baugerüst.

«Es ist aber nur menschlich und verständlich, dass er einen älteren und erfahrenen Kranführer nicht zurechtweist.» Grundsätzlich gebe es das risikofreie Arbeiten nicht. Und es sei in der Natur der Sache, dass Unfälle auf Baustellen meist sehr schwer seien.

Der Verteidiger fragte auch: «Was hätte wohl der Bauleiter gesagt, wenn die Zimmerleute die Arbeit niedergelegt, den Gerüstbauer bestellt und gewartete hätten, bis er den Treppenschacht mit einem Gerüst gesichert hätte?» Es war Freitag. Das Dach musste bis zum Abend fertig sein.

Der beschuldigte Projektleiter sagte: «Komme ich heute auf eine Baustelle, vergehen keine zehn Sekunden, bis ich alle Gefahrenquellen registriert habe.» Die Staatsanwaltschaft forderte einen Schuldspruch wegen fahrlässiger Tötung.

Den Freispruch begründete die Gerichtspräsidentin damit, dass auf einer Baustelle nicht immer alle Gefahren ausgeschlossen werden können.