Aarau

Kostprobe der Apokalypse in der Alten Stadtgärtnerei

«Semiramis» ist ein Theaterstück über das Leben und Überleben. Donovan Wyrsch

«Semiramis» ist ein Theaterstück über das Leben und Überleben. Donovan Wyrsch

In der Alten Stadtgärtnerei Aarau simuliert eine Theatergruppe einen Ernstfall, der dem Zuschauer Gänsehaut verschafft.

Es ist ein kühler Herbstabend, als das Stück «Semiramis» seine Premiere feiert. Obwohl es ein einigermassen warmer Tag war. Bei der Location, der Alten Stadtgärtnerei Aarau, ist man glatt froh um Google Maps; wenn das Handy auch nur noch wenig Akku hat, führt es einen zuverlässig ans Ziel. Vorbei am Stadtbach, der Mühle, an die Aare, die etwas Furchteinflössendes hat um diese Zeit: Leblose Äste ragen aus dem schwarzen Nichts, als würden sie nach etwas greifen.

Das Feuer vor dem Lager der Gärtnerei brennt dafür schon, verströmt etwas Licht und Wärme. Irgendwann setzt Musik ein, und obwohl das Leben wieder anzufangen scheint, steht es noch still. Man versammelt sich, wartet. Es beginnt zu regnen, aber nur jemand hat den Schirm geöffnet, der eine oder andere trägt eine Mütze oder hat die Kapuze in die Stirn gezogen, der Rest merkt es nicht, oder es ist ihnen egal. Denn hier gibt es genug zu sehen: ein Plakat, das zur Mitgliedschaft in der Wohngruppe Semiramis einlädt, Bücher über den Weltuntergang und den Wiederaufbau (Bühnenbild: Linda Rothenbühler). Wer interessiert ist, kann sich politische Weltkarten zur Entstehung der Dritten Welt ansehen oder Zeitungsartikel zum Ölpreis lesen; jeder, für den das etwas Neues ist, schüttelt den Kopf, wer es schon wusste, nickt bedächtig.

Dann kommt ein junger Mann (Aron Yeshitila) mit Gitarre, spielt etwas, stellt «Under Pressure» erst etwas leiser und dann wieder lauter, es folgen die News: Auch der Aargau verbietet nun den Verkauf von Öl, allfällige Vorräte müssen abgegeben werden. Die Aufstände in Zürich halten an: Plünderungen halten die Stadt in Atem.

Es sind die Details, die «Semiramis» zu einem Erlebnis machen. Es sind die sieben Schauspieler, die nicht zu spielen scheinen: Sie drängen den Zuschauer in die Rolle eines Bewerbers, der gerne mitmachen will in dieser kommunen-ähnlichen Wohngemeinschaft. Michelle (Anna Walker) macht Porträt-Fotos und fragt, wie viele Kalorien man etwa zum Leben brauche, Sebastian (Jonas Egloff) lässt sich beim Einladen der Einkäufe helfen und predigt, dass Toilettenpapier bald das neue Blattgold sei. Hie und da schimmern die Schwierigkeiten des Gemeinschaftslebens durch: Der Zuschauer beobachtet, wie Marco (Livio Prisi) an seinem privaten Wodka-Vorrat nippt, obwohl man hier eigentlich alles teilt. Und er bekommt die Eifersüchteleien zwischen dem Anführer-Typen Sebastian und dem sportlich-übermütigen Tommy (Patrick Oes) mit.

Die Dystopie des Alltags

Das Kollektiv GeeGee Express zeigt, was wäre, wenn. Die sieben Selbstversorger machen dem Zuschauer nicht die Perfektion vor, sondern lassen ihn teilhaben am Scheitern und Gelingen, am täglichen Versuchen. Sie greifen Ideen wieder auf, die einem bekannt vorkommen: Teilen und Schenken anstatt Besitzen, nur kaufen, was nötig ist, langfristig denken und handeln.

Als Theaterschaffende tun sie noch mehr: Sie zeigen Alternativen auf in einer Welt, die von einer Katastrophe vielleicht immer weniger weit entfernt ist, als sie sich eingestehen kann und will. Und fragt sich, was die nächste Katastrophe sein könnte und wie wir damit umgehen würden. Denn wie abwegig ist der Gedanke, der hier durchgespielt ist, wirklich? In Zürich, Bern und Basel demonstriert man just an diesem Tag gegen Erdogan, die Wahlen in den USA stehen noch bevor und lassen nicht nur Gutes erhoffen, weder für die Gesellschaft noch für die Wirtschaft. Die schlechten Nachrichten scheinen, wie so oft, zu überwiegen.

Mitten in diese Situation hat GeeGee Express eine kleine Oase, eine A-Community: die beste aller möglichen Gesellschaften. Hier verteilt ein Naturkundler (Urbain Guiguemdé) Tee (natürlich ohne Zucker), und Andrea (Sophie Achinger) versucht, in einem Gewächshaus die zukünftige Lebensgrundlage der Gruppe heranzuzüchten.

Das Feuer ist erlöscht, die Kohlen glühen noch schwach, als die 50-köpfige Gruppe wieder draussen steht. «Jetzt freue ich mich auf eine heisse Dusche», flüstert jemand. Den Weg zurück zum Bahnhof muss man jetzt selbst finden: Der Handy-Akku ist leer.

Nächste Aufführungen: Mittwoch, 9.11., und Freitag, 11.1., jeweils um 20.15 in der Alten Stadtgärtnerei Aarau. Das Stück wird im Januar in Zürich und im Februar in Wettingen aufgeführt.

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