Auenstein
«Könnte doch der Doktor das Singen verordnen»

Der Gemischte Chor Auenstein gibt am 18. Mai sein allerletztes Konzert – 127 Jahre nach der Gründung. Es fehlt an Sängern und Geld.

Von Katja Schlegel
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Vier von zehn verbliebenen Sängerinnen: Ruth Brugger, Präsidentin Berta Dietiker, Annemarie Brack und Aktuarin Irene Frei (v.l.).

Vier von zehn verbliebenen Sängerinnen: Ruth Brugger, Präsidentin Berta Dietiker, Annemarie Brack und Aktuarin Irene Frei (v.l.).

Katja Schlegel

Berta Dietiker weiss noch ganz genau, was sie an ihrem ersten Unterhaltungsabend mit dem Gemischten Chor Auenstein getragen hat: ein schickes Twin-Set in Hellblau, dazu einen schwarzen Jupe. Damals, 1962, als der Eintritt für den Unterhaltungsabend noch 3 Franken und das Tombola-Los 25 Rappen kosteten. Damals, als die Auensteiner in Scharen in den Bärensaal kamen, es nach dem Konzert ein Theaterstück gab und die Tanzmusik aufspielte.

Berta Dietiker erinnert sich gern an diese Zeit zurück. Obwohl, eigentlich war sie damals nur zur Chorprobe gegangen, um der Kollegin einen Gefallen zu machen, die so lange gestürmt hatte. «Da mache ich nicht lange mit», habe sie damals gedacht, sagt sie heute und lacht. «Aber dann haben wir angefangen Operetten zu singen, und da hat es mir den Ärmel reingenommen.»

Müde vom Kämpfen

Auf dem Tisch in Berta Dietikers Stube liegen die alten Protokollbücher, ein Ordner voller Noten und ein Plakat – die Einladung zum allerletzten Konzert. Lange haben die Frauen um den Erhalt des Chors gekämpft, gegen den Mitgliederschwund und für mehr Geld. Jetzt geben sie auf, sie sind müde. Traurig sei das, sagt Ruth Brugger, die mit am Tisch sitzt. «Aber es nützt nichts.» Und Annemarie Brack sagt: «Im Dorf finden es alle schade, dass wir aufhören. Aber mitmachen will auch keiner.» Alle würden sie behaupten, sie könnten nicht singen. Die Frauen schütteln die Köpfe. Es sei doch gar nicht schwierig. «Und es ist so gesund, es befreit, ist einfach schön und gut fürs Gemüt», sagt Berta Dietiker. «Könnte der Doktor das Singen als Medizin verordnen, wir hätten keine Nachwuchsprobleme.»

Mit dem Gemischten Chor verschwindet der letzte Chor aus Auenstein. 1887 als Töchterchor gegründet, wurde er Anfang der Fünfzigerjahre zum Töchter- und Frauenchor umbenannt, weil es an ledigen Sängerinnen fehlte. 1987, zum 100-Jahr-Jubiläum, entstand daraus der Gemischten Chor, «weil es mit Männerstimmen einfach schöner tönt», wie Ruth Brugger sagt. Damals schon waren die anderen beiden Chöre im Dorf, der Männerchor und ein zweiter Gemischter Chor, schon längst verschwunden.

Als der Dirigent 6 Franken kostete

Gerne denken die Frauen an Früher zurück. Annemarie Brack ist am längsten mit dabei, seit 58 Jahren. Direkt nach der Konfirmation ist sie eingetreten. Das war 1956. Fünf Jahre später stiess Ruth Brugger dazu, ein Jahr später Berta Dietiker. «Das war lustig damals», erinnert sich Brack. Auf einem Foto der Fahnenweihe 1963 sieht man die drei Frauen in ihren adretten weissen Röcken und mit Blumen in den Händen in die Kamera strahlen. Fast 30 Sängerinnen waren sie damals, der Zusammenhalt war gut. Da ging man auf Reisen, ins Wallis und nach Luzern an die Eidgenössischen Sängerfeste, in den Neunzigerjahren fuhr die ganze Schar sogar nach Belgien. «Das war ganz toll, davon zehren wir noch heute», sagt Ruth Brugger.

Zusammen mit Irene Frei, Aktuarin und seit gut 15 Jahren im Chor, blättern die Frauen in den alten Protokollen. Da finden sich allerlei – aus heutiger Sicht – kuriose Bemerkungen: Im Jahresbericht von 1951 ist zum Beispiel von einem «Wahlkampf im Vorstand» die Rede und von einer Lohnerhöhung für den Dirigenten: von 5 auf 6 Franken pro Monat. «Das waren noch Zeiten», sagen die Frauen im Chor und lachen etwas wehmütig.

Abschiedskonzert am 18. Mai, 17 Uhr, in der Kirche Auenstein, unter der Leitung von Elisabeth Röthlisberger