Es war nur eine winzige Agenturnachricht in der Aargauer Zeitung vom 24. Januar. Auf der letzten Seite. «Keine Freiheit für Sexualstraftäter», stand da. «Die Walliser Strafvollzugsbehörden haben einen Mann nach Ablauf einer stationären Massnahme nicht freigelassen, obwohl kein Entscheid dafür vorlag. Der verurteilte Sexualstraftäter kommt dennoch nicht frei, wie das Bundesgericht entschieden hat.»

So klein die Meldung war – bei Max Engel (90) hat sie Emotionen wieder hochgespült. Erinnerungen, die 40 Jahre alt sind, und doch noch so präsent. «Der kurze Hinweis in der AZ, dass dieser Verurteilte beim Bundesgericht sofortige Freilassung gefordert hätte, hat die Gnade des Vergessens für viele geschädigte Familien in unserer Region durchbrochen», schrieb Engel in einem Brief an die AZ. Denn er hat sofort erkannt, um wen es sich bei dem Walliser Sexualstraftäter handelte: U. B., heute 69. «Die gleiche Person, die 1977 bis 1979 unsere Gegend in allen Facetten dieses Ausdrucks terrorisiert hat.»

Die AZ trifft Max Engel in seiner Wohnung in Lenzburg. Der Senior hat seine Akten über den Fall «U. B.» auf dem Esstisch ausgebreitet: Anklageschriften, Polizeiprotokolle, Zeitungsausschnitte. Die Presse nannte U. B. den «Wattebausch-Täter» oder den «Chloroform-Unhold». Max Engel nennt ihn beim Nachnamen. Oder dann: «Schädling». Er hat allen Grund, wütend zu sein. Auch fast 40 Jahre später noch. Denn zu den geschädigten Familien gehörte auch seine.

Vom Voyeur zum Vergewaltiger

Wann genau U. B. damit anfing, Frauen nachzustellen, ist unklar. Er soll schon Anfang der 1970er wegen Voyeurismus aufgefallen sein. Belegt ist jedoch, dass der aus dem Bernbiet stammende Mann ab 1977 begann, auf der Suche nach potenziellen Opfern im Seetal in Häuser einzusteigen. Oft in der Nähe seines Wohnorts Beinwil am See.

Zuerst suchte er seine Opfer – mehrmals – im Lehrerinnenseminar in Hitzkirch LU. Die Methode, die sich durch U. B.s ganzes Leben ziehen würde, trat da schon zutage: Er verschaffte sich Zugang zum Haus und suchte ein Schlafzimmer mit einem jungen Mädchen. Dann legte er dem schlafenden Opfer einen mit Trichloräthylen getränkten Wattebausch aufs Kissen, nahe vors Gesicht.

Trichloräthylen ist ein starkes Lösungsmittel, riecht ähnlich wie Chloroform und hat eine stark narkotisierende Wirkung – in höheren Dosen eingeatmet, kann es tödlich sein. Dann wartete U. B. ab. Meistens, zum Glück, hatte er Pech: Das Opfer erwachte, bevor das Betäubungsmittel wirken konnte, und U. B. flüchtete durch ein Fenster oder eine Türe, die er beim Einstieg vorsichtshalber offen gelassen hatte.

In fünf Fällen, das ist verbürgt, kam es zu Vergewaltigungen. Sein Opfertyp: Teenagermädchen. «Jahrelang gab es für die Bevölkerung unruhige Nächte, war die Sicherheit im Schosse der Familie nicht mehr gewährleistet, wurden Menschen physisch geschädigt», erzählt Max Engel. «Eltern, Geschwister, Freunde und Lehrpersonen in ständigen Alarmzustand versetzt.»

Unglaublich: Über 50 Mal stieg der Täter in Häuser ein. Bei manchen Familien mehrmals. Zahlreiche Gemeinden waren betroffen: Seengen, Reinach, Hallwil, Beinwil, Auenstein, Lauffohr, Rohr, Unterkulm, Gränichen, Hirschthal, Seon, Meisterschwanden.

Und immer wieder das Lehrerinnenseminar in Hitzkirch Ziel des Unholds. In Lenzburg stieg U. B. etwa fünf Mal in ein Hotel ein, fand aber keine Opfer. In Zufikon zerschnitt er ein Kinderzelt, die darin Schlafenden erwachten, bevor er ihnen etwas antun konnte.

«Warst du in meinem Zimmer?»

Und dann, am 29. Mai 1979, fuhr er nach Othmarsingen. Gegen 3 Uhr morgens drang er in das Haus der Familie Engel ein. Auch hier schlief ein Mädchen, «14-jährig, blond und bildhübsch», wie ihr Vater noch heute stolz sagt. U. B. hob ein Gitter vom Lichtschacht ab, stieg in den Heizungsraum, erklomm drei Treppen bis zum Kinderschlafzimmer im ersten Stock. Max Engel erwachte, «vom Getrampel», erinnert er sich. Er stand auf, ging in den Gang, rief nach seiner Tochter. «Sie antwortete: Papi, warst du das in meinem Zimmer?»

Ein Glück: Der Täter floh, bevor er Engels Tochter etwas antun konnte. Aber auf ihrem Kissen lagen zwei Wattebäusche, getränkt mit Trichloräthylen. Der Tochter «kommt es wie Nagellackentferner vor», hielt der Polizist in seinem Rapport damals fest.

Die Polizei war schon auf dem Weg gewesen, als Max Engel sie gerufen hatte – U. B. war zuvor in eine andere Liegenschaft in Othmarsingen eingestiegen und hatte vergeblich versucht, eine 18-Jährige zu betäuben.

Er beobachtete die Familien

Es war nicht das erste Mal, dass der Täter in einer Nacht mehrere Betäubungsversuche unternommen hatte. Besonders dreist ging er in einer Dezembernacht 1978 vor. Kurz vor 2 Uhr gelangte er durch ein unverschlossenes Kellerfenster in eine Liegenschaft in Zufikon.

Als er ins Schlafzimmer kam, stellte er fest, dass sein Opfer noch wach lag und um Hilfe rief.
U. B. floh durch die Verandatür, stieg ins Auto und fuhr 25 Kilometer nach Hitzkirch. Kurz vor 3.30 Uhr kletterte er beim Lehrerinnenseminar über die Balkone bis in den fünften Stock, wo eine Balkontür unverschlossen war. Im Zimmer schliefen zwei 17-Jährige.

Der Täter deponierte seine Wattebäusche, die er – um zu verhindern, dass die Flüssigkeit vom Kissen aufgesaugt wurde – auf ein Stück Folie legte. «Als sich der Angeklagte auf den Balkon begab, um die Wirkung des Mittels abzuwarten, musste er feststellen, dass sich auf dem Rasen Leute befanden, welche die Fassade mit dem Scheinwerfer absuchten», hiess es in der Anklageschrift.

Der Täter hastete zurück ins Zimmer, auf den Flur, die Treppen hinunter in den zweiten Stock. Statt das Weite zu suchen, holte er sich in einer Toilette WC-Papier, tränkte dieses wiederum mit Trichloräthylen und schlich in das Zimmer einer 19-Jährigen. Als er ihr das Papier aufs Kissen legte, erwachte sie. Erst jetzt, es war mittlerweile nach 5 Uhr morgens, floh der Täter aus dem Gebäude.

«Wie ruhig er seine Sexausflüge plante», schrieb das «Aargauer Tagblatt» später, zeige ein weiterer Fall: «Eine ganze Familie sass im Garten. Der Seetaler beobachtete sie. Als die Ahnungslosen dann ins Haus gingen und sich vor dem Fernseher gruppierten, hatte die Familie noch immer einen ungebetenen Beobachter. Er sass seelenruhig im Garten auf einem Stuhl und registrierte, wann, wie und vor allem in welchem Zimmer die einzelnen Familienmitglieder schliesslich ins Bett gingen.

Erst weit nach Mitternacht stieg er dann ins Mädchenzimmer ein. Zu Hilfe kam ihm bei seinem abnormalen Tun ganz besonders auch die bei uns immer häufiger praktizierte ‹holländische Fenstersitte›, nämlich die Fenstervorhänge nicht zuzuziehen.»

Die Verunsicherung in der Bevölkerung wuchs, auch wenn man nur hinter vorgehaltener Hand über die Vorkommnisse sprach. «Von offizieller Seite vernahm man nichts», erzählt Max Engel. «Man hörte nur immer wieder von neuen Untaten.»

Er montierte Gitter vor den Fenstern, machte nächtliche Kontrollgänge im Quartier. «Man kann sich nicht vorstellen, wie schlimm das ist: Da zieht man ein Kind gross und trägt ihm Sorge – und dann passiert so etwas in seinem eigenen Schlafzimmer und man kann nichts tun.»

Manche merkten nichts

Erst in der Nacht auf den 14.8.79 hatte die Angst ein Ende: Nachdem er erst in Rohr und dann in Gränichen eingestiegen war, wurde U. B. zu Hause in Beinwil von der Polizei erwartet. Die Wattebäusche und das Betäubungsmittel trug er noch auf sich.

Nach und nach gestand er seine Taten, auch solche, die noch nicht einmal aktenkundig gewesen waren. «Dass nicht alle Fälle zur Kenntnis der Polizei gelangten, hat mehrere Gründe», schrieb das «Tagblatt» vier Wochen nach der Verhaftung. «Manche Mädchen hielten vermutlich das plötzliche Auftauchen einer dunklen Gestalt in ihrem Zimmer für Scherz oder auch Traumgeschehen.

Andere merkten überhaupt nichts, weil sie offenbar betäubt waren, noch ehe sie wach werden konnten. Nie wurde nämlich, soweit dies bis jetzt bekannt ist, der Seetaler gewalttätig. Sobald ein Mädchen aufwachte, verschwand er wortlos. Die schlaftrunkenen Mädchen sahen jeweils nur für Sekunden eine dunkle Gestalt – eine glaubte sogar, es sei ihr Freund.»

Er entkam aus dem Gefängnis

U. B. kam in Untersuchungshaft und schliesslich in den vorzeitigen Strafvollzug in der JVA Lenzburg. Von dort türmte er im Sommer 1980 «auf spektakuläre Art mit einer turnerischen Bravourleistung über die Mauer» («Aargauer Tagblatt»), konnte aber dank aufmerksamen Taxifahrern zwei Tage später im Brugger Hotel Bahnhof-Terminus beim Zmorge aufgegriffen werden.

Wieder das «Aargauer Tagblatt»: «Was gespielt wurde, merkte der Erkannte erst, als ein freundlicher ‹Zivilist› neben seinen Stuhl trat und unmissverständlich eine Pistole auf ihn richtete. Auf die Warnung: ‹Mached kei Lämpe› und die Frage, ob er freiwillig mitkomme, erwiderte B.: ‹Erst möchte ich noch mein Zmorgen fertig essen!› Diesen Wunsch erfüllte ihm der Polizist auch.»

«Er zeigte keine Reue»

Im Januar 1981 sprach das Bezirksgericht Aarau U. B. schuldig, unter anderem der Vergewaltigung in fünf Fällen, der versuchten Vergewaltigung, der Nötigung und des Hausfriedensbruchs. Er bekam 12 Jahre Haft aufgebrummt. Max Engel war dabei. «Als man ihm ein Schlusswort vor allen diesen geschädigten Angehörigen zugestand, zeigte er keine Reue und sagte nur, dass wir nun ohne Hass auseinandergehen möchten.»

Das Obergericht revidierte das Urteil wegen der verminderten Zurechnungsfähigkeit von U. B. und senkte die Haftstrafe auf 10 Jahre. In seiner extremen seelischen Isolation habe der Angeklagte halsbrecherische Fassadenklettereien ausgeführt, nur um seine aufgestauten irregeleiteten Gefühle zu befriedigen, soll der Verteidiger argumentiert haben. Staatsanwalt Heinrich Frey betonte: «Dies ist einer der allerschwersten Fälle in meiner über dreissigjährigen Tätigkeit in der aargauischen Justiz.»

U. B. sass einen Teil seiner Strafe ab. 1987 kam er frei. Und machte weiter.
«Ich habe 32 Jahre nichts mehr von ihm gehört», sagt Max Engel. «Dann war ich zufällig in Beinwil in der Beiz und fragte meinen Tischnachbarn, was eigentlich aus B. geworden sei. Er schob mir den ‹Blick› hin und sagte ‹Da kannst du es nachlesen›.»

Romands wussten von nichts

Passiert war etwas, das Max Engel heute als «unverständliches Versagen in der gesamtschweizerischen Verbrechensprävention» bezeichnet. U. B. war nach Verbüssung seiner Haftstrafe im Aargau ins Wallis gezogen, wo er in Binn ein kleines Häuschen besass. Es lässt sich nicht mit Sicherheit sagen, ob er direkt wieder delinquierte oder seine Triebe mehrere Jahre im Griff hatte – sicher ist, dass er 1995 und 1996 mehrere Male ins Sport- und Freizeitcenter Fiesch, einer international bekannten Ferienanlage, einstieg. Wieder betäubte er Mädchen, davon einige Feriengäste aus dem Ausland, mit Trichloräthylen, zerschnitt ihnen Pyjama und Unterhose. «Ich wollte nur Schamhaare gucken», sagte er später vor Gericht.

1998 verübte U. B. sein brutalstes Verbrechen, als er in Raron eine 19-Jährige auf einer öffentlichen Toilette überfiel und mehrfach vergewaltigte. 2000 verschaffte er sich nachts Zugang zu einem Nobel-Internat im Waadtland. Es kam zu Übergriffen auf drei Schülerinnen. Da Sperma-Spuren sichergestellt werden konnten, mussten 157 männliche Schüler zum DNA-Test antraben.

Auf die Schliche kam man U. B. letztlich durch Zufall: In Olten stellte er einer jungen Frau nach, bis es ihrem Vater im August 2007 gelang, den Täter zu überwältigen. Ein DNA-Abgleich führte die Beamten dann auf die Spur in die Westschweiz.

Verwahren oder nicht?

2011 verurteilte das Kreisgericht Oberwallis U. B. zu 13 Jahren Haft plus Verwahrung wegen sexueller Handlungen mit Kindern, sexueller Nötigung, Vergewaltigung und weiteren Delikten. Das Kantonsgericht als nächsthöhere Instanz reduzierte jedoch die Haft auf 11 Jahre und 8 Monate – und hob die Verwahrung auf.

Da die Gerichtsgutachterin die Behandelbarkeit der psychischen Störung des Mannes ausdrücklich bejahte, wurde die Strafe zugunsten einer therapeutischen Massnahme in einer geschlossenen Anstalt aufgeschoben (man kennt dies als «kleine Verwahrung»). Diese muss mindestens alle 5 Jahre überprüft werden, lässt sich aber unbeschränkt immer wieder verlängern. Ob das im Fall von B., dessen 5 Jahre im September 17 abgelaufen sind, passiert, ist derzeit noch offen.

Im Raum steht laut Bundesgerichtsurteil auch wieder die Möglichkeit einer Verwahrung. Ein psychiatrisches Gutachten vom letzten Sommer attestiere U. B. eine «unveränderte Gefährlichkeit».

Für Max Engel ist indes nur wichtig, dass «die Verbrechensprävention dieses Mal dafür sorgt, dass von diesem Mann keine Gefährlichkeit mehr ausgeht». Er ist überzeugt, dass einige der Übergriffe im Wallis und im Waadtland hätten vermieden werden können, wenn erstens die Gefährlichkeit des Täters erkannt worden wäre und zweitens die Kantone untereinander besser kommuniziert hätten.

Vor einigen Jahren schrieb er dem Täter via «Walliser Bote» einen offenen Brief: «Begreifen Sie endlich, welch enormen Schaden Sie gesamthaft dieser Gesellschaft zugeführt haben und hören Sie auf, auf Gutmenschen zu hoffen, die Ihnen die Fortsetzung Ihrer abnormalen kriminellen Neigungen ermöglichen.»