Kolumne
Volksfeste – neu rezeptiert!

Die Traditionen des Maienzugs sind für die ehemalige höchste Aarauerin ein alter Zopf, der neu geflochten werden soll.

Lelia Hunziker*
Lelia Hunziker*
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Der Maienzug 2019 in Aarau mit dem Umzug durch die Stadt, der Feier im Telliring und dem Bankett in der Schanz. Aufgenommen am 5. Juli 2019 in Aarau.

Der Maienzug 2019 in Aarau mit dem Umzug durch die Stadt, der Feier im Telliring und dem Bankett in der Schanz. Aufgenommen am 5. Juli 2019 in Aarau.



Chris Iseli / AAR

Aktuell en vogue? Samstag für Samstag liefern sich Menschen ohne Maske – dafür mit illus­tren Ansichten – ein Katz-und Maus-Spiel mit der Polizei. Die Treicheln schwingen, der Schweizerpsalm serbelt, die Viren tanzen Polka. Es gibt Menschen, für die werden diese Märsche zum Volksfest. Zeit für ein paar Gedanken zu veränderten Bräuchen und Traditionen. In den letzten 14 Monaten mussten Feiern und Feste abgesagt werden. Schade und traurig. Nutzen wir die freigewordenen Ressourcen für ein Refresh, ein Remake, eine neue Rezeptierung dieser Feste. Denn: Einige Traditionen sind aus der Zeit gefallen. Als Neuzugezogene in eine Lokaltradition zu stolpern ist meist irritierend und berührt peinlich. Das ist egal. Nicht egal ist, dass Traditionen oft ausschliessend, diskriminierend und stereotyp sind.

Zur Person

*Lelia Hunziker

*Lelia Hunziker

Lelia Hunziker (47), ist Geschäftsführerin und SP-Grossrätin. Sie wohnt in Aarau.

So knöpfe ich mir die Aarauer Volksfeste vor. Allen voran den Maienzug. Den mochte ich nie, früher wegen der Röckli und Chränzli. Noch heute ist mir die kollektive Fröhlichkeit unangenehm. Hand aufs Herz: Haben Sie den Maienzug 2020 mit den dezentralen, individuellen Banketten auch genossen? Auf Strassen wurde aufgetischt, in schattigen Gärten getanzt, auf Plätzen geprostet:

Corona-Maienzug in der Saxerstrasse.

Corona-Maienzug in der Saxerstrasse.

Britta Gut

Das gigantische Bankett auf der Schanz hat ausgedient. Es ist ein Stelldichein der Autochthonen. Ulkige Menschen mit Mützchen, farbigen Bändeln über der Brust und vom Weisswein geröteten Nasen (gerne auch noch lässig mit einem Zigarillo im Mundwinkel) hauen auf den Putz. Und zwar so richtig. Es ist ihr Ding, für sie inszeniert. Sie geniessen. Mit dem Selbstverständnis, dass das Fest mit ihren Steuern bezahlt wird. Dass sie die Hauptlast tragen. Jedes getrunkene Glas Wein ist eine Dividende. Eine Rückzahlung ihres Investments. Neulinge merken spätestens bei der Suche eines Platzes, dass dieses Fest nicht für sie ist. Meist landen sie auf der unteren Schanz, am Familienbankett. Selbstbedient und ausserhalb der Hörweite der präsidialen Rede.

Der Maienzug 2019: Bankett in der Schanz.

Der Maienzug 2019: Bankett in der Schanz.

Chris Iseli / AAR

Nun zum Umzug und dem Dresscode. Dieser ist 2021 nicht mehr zu rechtfertigen. In die Mottenkiste damit. Aber subito. In heterosexueller, binärer Manier spaziert Bube (in weissem Hemd, blauer Hose und Blumengesteck) Hand in Hand mit dem Mädchen (im jungfräulich weissen Kleidchen, Sträusschen und Blumenkränzchen) wie ein Brautpärchen durch die Stadt: Jööö! So härzig! Schööön! Nein – ist es nicht. Diese Inszenierung katapultiert Vielfalt und Gleichstellung alljährlich wieder ins 19. Jahrhundert zurück. Damals, als Biedermeier und Konsorten der spiessigen Bürgerlichkeit frönten – und dabei notabene die arbeitende Klasse auf ihre Plätze, nämlich draussen vor der Tür, verwies.

Der Maienzug 2019.

Der Maienzug 2019.

Chris Iseli / AAR

Stichwort draussen vor der Tür. Am Nachmittag. Unten. Im Schachen. Wird in der 1. und 2. Klasse gefeiert. Einmal draussen, auf den ketchupverschmierten Holzbänken, einmal drinnen, im Zelt. Weiss aufgedeckt. Ein privater Anlass integriert im Volksfest. Weg damit.

Sowieso: Das Programm fokussiert fast ausschliesslich das erwachsene Establishment. Aber: Kinder und Jugend gehören ins Zen­trum. Geben wir ihnen den Maienzugsplatz und die Schanz. Mit Spiel und Spass, mit Musik und Tanz. Oder #whatevertheywant. Und wenn sie kein Sportturnier wollen, ist das zu akzeptieren.

Eigentlich wollte ich Lösungen vorschlagen. Aber meine Kritik am Maienzug ist zu fundamental. Das Fest darf neu gedacht werden. Total. Was für eine Chance!

PS: Leider bleibt kein Platz mehr für Bachfischet und Neujahrsempfang. Aber diese Feste sind gut, wie sie sind. Ausser (ja, ich finde immer ein Haar in der Suppe): Die Prämierung der Lampions durch die Zunft ist überflüssiger Wettbewerb. Schön ist schön. Und beim Neujahrsempfang kann der Abend ersatzlos gestrichen werden. Der Abend ist wie das Bankett, nur im Winter: hochschwellig und nicht inklusiv.

Bachfischet

Bachfischet

Fabio Baranzini