KOLUMNE
Run auf Klopapier: Von Hamstern und Präsidenten

Magen-Darm-Spezialist Florian Riniker wirft einen satirischen Blick auf die «Lage der Nation».

Florian Riniker*
Florian Riniker*
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Begehrtes WC-Papier

Begehrtes WC-Papier

Ralph Ribi

In einigen Ländern berichtet der Präsident jährlich zur Lage der Nation. Hierzulande gibt es bislang keine solche Tradition. Höchstens die Neujahrsansprache des Bundespräsidenten wäre vergleichbar. Auswärts fallen solche Berichte oft selbstgefällig und -beweihräuchernd aus. Bei uns ähnelt die präsidiale Rede, in gut eidgenössischer Bescheidenheit, einem nüchternen Rapport mit gefälligem Motivationsteil. Als einfacher Bürger ohne Amt springe ich mit meiner Kolumne nun aber einmalig und ganz selbstlos in diese national wichtige Informationsbresche zur Lage.

Den Denkanstoss zur heutigen Kolumne erhielt ich nicht von den Präsidenten Russlands und der USA allein, sondern auch während des ersten Lockdowns. Früher kannten wir Hamsterkäufe nur aus Zoogeschäften, vor einem Jahr kam es zu einer neuartigen Form: In den Sektionen für WC-Papier unserer Grossverteiler waren die Regale leergefegt. Ein Besuch vor Ort letzte Woche beruhigte mich, die Landesversorgung funktioniert! Sämtliche Marken waren mit unterschiedlichen Weichheiten, Musterungen und Packungsgrössen vorrätig.

Als Spezialist für den Verdauungstrakt war ich erfreut, dass in Krisenzeiten die Hygiene des Hinterteils für meine Mitbürger eine Selbstverständlichkeit bleibt. Doch angesichts der breiten Produktepalette liess mich der Gedanke nicht los, zu erfahren, wer denn nun welches Produkt kauft. Gönnt man sich ein extrasoftes Sechslagenpapier zu speziellen Anlässen? Gibt es hierzulande eine Hygienehierarchie, eine Mehrlagen-Oberschicht oder gar ein Rauhfaser-Wischproletariat?

Für meinen Bericht wurde im Vorfeld über Monate intensiv recherchiert, indem ich Papierproben aus den öffentlich zugänglichen Toiletten diverser Institutionen erhalten habe (vielen Dank an meine Helferinnen). Nach eingehender Analys …, ähm, Untersuchung bin ich heute in der Lage, die Lagen hierzulande breit zu beurteilen. Erfreut kann ich sagen, dass vom Dorfkafi bis ins Bundeshaus, vom Bahnhof bis zum Luxushotel, überall gute bis sehr gute Qualität von der Rolle gezogen werden kann. Somit darf ich festhalten: Unserem Land geht es gut.

Zur Person

*Florian Riniker

*Florian Riniker

Dr. med. Florian Riniker (44) arbeitet als Magen-Darm- Spezialist in Aarau und wohnt in Suhr.

Vielleicht ist dem geneigten Leser noch eine meiner früheren Kolumnen erinnerlich, in der ich mit Verweis auf Probleme im Abwasser eine Tirade gegen Feuchttüchlein hielt. Leider muss ich nun aus ärztlicher Sicht auch noch Kritik am guten alten Toilettenpapier üben, denn bei Hautreizungen ist auch das allerweichste Papier häufig noch zu irritativ. Mein Tipp: reinigen Sie mit Wasser gefolgt von sorgsamem Trockentupfen. Dafür braucht es nicht gleich ein hochpreisiges Dusch-WC. Eine Dusche, das Bidet, ein Waschlappen oder eine einfache Plastikflasche zum Spritzen reichen dafür meist aus.