Kolumne
Leben in Aarau: Lieber Stadtrat, lass uns reden…

Yannick Berner
Yannick Berner
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Der Aarauer Stadtrat bei einer Rundtour zu den geschmückten Brunnen der Stadt am Tag des eigentlichen Maienzugs. (Aufgenommen am 3. Juli 2020)

Der Aarauer Stadtrat bei einer Rundtour zu den geschmückten Brunnen der Stadt am Tag des eigentlichen Maienzugs. (Aufgenommen am 3. Juli 2020)

Bild: Britta Gut

Jetzt strahlen sie wieder, die Köpfe auf den Wahlplakaten am Strassenrand. Selbst bin ich froh, auf ein wahlfreies Jahr zu schauen. Für einmal sind die Aarauer Stadtratswahlen unspektakulär. Lediglich einen von sieben Sitzen gilt es neu zu besetzen.

Und das hat durchaus seine Vorteile – so können wir uns auf den politischen Inhalt konzentrieren. Der jetzige Stadtrat hat sich gut eingearbeitet, ist beständig und gewissenhaft. Man liest schon, dass sich unser Aarau in den letzten Jahren zu Aarau 2.0 entwickelt hat – einer Stadt mit viel Lebensqualität für ihre Bewohnerinnen und Bewohner. Das Gewerbe-, Kultur-, Freizeit- und Gastroangebot ist vielfältig. Note fünf.

Zur Steigerung auf eine Sechs braucht es aber mehr. Für das laufende Jahr sind zwei Millionen Verlust prognostiziert. Nun für das kommende Jahr weitere 1,7 Millionen Defizit zu budgetieren, für sich selbst eine Lohnerhöhung von elf Prozent zu fordern sowie einen grosszügigen städtischen Stellenausbau zu planen und dafür diskussionslos wiedergewählt zu werden, ist kaum der richtige Weg in unsicheren Krisenzeiten.

Für die Note sechs braucht es eine Vision. Quo vadis? Was wollen wir überhaupt? Für die längerfristige Weiterentwicklung braucht die Stadt eine Zunahme von gewichtigen Steuerzahlern. Zurzeit sinken die Steuereinnahmen der städtischen Firmen sogar. Nächstes Jahr stammen lediglich 14% des Aarauer Steueraufkommens von juristischen Personen. Auf Kantonsebene liegt diese Zahl bei 27%. Und dies obwohl Aarau mit 32 000 Stellen deutlich mehr Arbeitsplätze als Einwohner hat.

Die Ansiedlung und Förderung von grösseren Unternehmen in der Stadt – zum Beispiel FinTech- und Cleantech-Firmen sowie Start-ups – ist durchaus Aufgabe des Stadtrates als Führungsgremium. Qualifizierte Berufsleute wiederum benötigen Tagesschulen für ihre Kinder.

Was plant die Stadt dazu? Die entsprechenden Anstrengungen stocken; benötigt es sogar private Anbieter? Eine gezielte Wirtschafts- und Standortförderung sollte auch in einem Mitte-Links geprägten Stadtrat hohe Priorität geniessen. Auch da ist Leadership angesagt. Es braucht gute Rahmenbedingungen, Flexibilität und eine unbürokratische Unterstützung, um Unternehmen nach Aarau zu holen und, leider oftmals vergessen, auch zu behalten.

Wir haben den Raum dafür. Drei Zukunftsareale wollen (weiter) entwickelt werden: Torfeld Süd, Torfeld Nord und das Kasernenareal. Letzteres als verlängerter Arm zur Altstadt darf auf keinen Fall eine Schlafburg werden. Deren Gestaltung bildet nämlich eine wichtige Weichenstellung über die Weiterentwicklung des urbanen Aaraus.

Sie wird die zukünftige Dynamik in unserer Stadt prägen. Spannende Ideen, wie sich das Areal entfalten könnte, liefert beispielsweise die Europaallee in unmittelbarer Nähe des Zürcher Hauptbahnhofs.

Zur Lebendigkeit dieses Stadtteils tragen vor allem das gelungene Nebeneinander von Arbeiten, Wohnen, Studieren, und Verweilen, aber auch Hotels, Kultur und Ausgang bei. Eine messerscharfe Analyse der Stärken und Schwächen des Aeschbachquartiers und der daraus resultierenden Erkenntnisse sollen ebenfalls in die Neugestaltung einfliessen.

Ich freue mich auf Weinseminare unter den Kasernenbäumen von Aarauer Weinexpertin Edvin, Pralinés im neuen Café Brändli und Open-Space-Arbeitsplätze eines zugezogenen Software-Unternehmens.

Klar ist: Die Zukunftsareale sollen lebendige Begegnungsorte sein, wo Neues entsteht, und die zum Sein einladen. Und dafür, lieber Stadtrat, müssen wir heute und nicht erst in zehn Jahren innovative Visionen entwickeln – für ein attraktives Aarau 2.0.

Yannick Berner (28) ist Betriebswirt, FDP-Grossrat, Einwohnerrat und Geschäftsleitungsmitglied im Familienunternehmen. Er wohnt in Aarau.

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