Kolumne
Gleichstellung: Kein Kampf der Geschlechter, sondern eine Win-win-Situation

Frauen gehören in Führungspositionen genauso wie ins Militär, findet AZ-Kolumnistin Fiona Wiedemeier. Und: Es ist Zeit, dass auch die Mitte der Gesellschaft sich in den Gleichstellungsdiskurs einmischt.

Fiona Wiedemeier*
Fiona Wiedemeier*
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Fünfzig Jahre nach der Einführung des Frauenstimmrechtes befindet die Gleichstellungspolitik sich in einer Sackgasse. Die Fronten sind verhärtet, der Diskurs wird immer konfrontativer. Während sich die politische Rechte mit Händen und Füssen wehrt, anzuerkennen, dass die Ungleichheit der Geschlechter ein reales Problem darstellt, versucht die politische Linke mit aller Kraft an den wenigen Vorteilen der Frauen festzuhalten, um diese als Verhandlungspfand einzusetzen. Dass die Linke dem Projekt Gleichstellung damit keinen Gefallen tut, liegt auf der Hand.

Zur Person

Fiona Wiedemeier (26)

Fiona Wiedemeier (26)

Aarauerin, Europäerin, Feministin, Libera, foraus-Denkerin und Geschäftsführerin der GLP Kanton Zürich.

Der linke Unwille, die Ungleichbehandlung von Männern im Rentenalter oder bei der Militärdienstpflicht zu beenden, schafft einen Nährboden, mit dem auch die Ungleichbehandlung der Frauen weiter gerechtfertigt werden kann. Statt sich konsequent für Gleichstellung einzusetzen, springen sie auf die Geschlechterkampf-Rhetorik der Rechten auf. Bei jeder neuen gleichstellungspolitischen Forderung können so Frauen und Männer gegeneinander ausgespielt werden. Damit forcieren gerade die Parteien, welche sich Gleichstellung gerne auf die Fahne schreiben, eine Politik, bei der es nur Verlierer gibt.

Die Untervertretung von Frauen in Führungspositionen, die Lohnungleichheit, genau wie die einseitige Dienstpflicht und der quasi inexistente Vaterschaftsurlaub, sind Zeichen eines Gesellschaftssystems, welches die traditionellen Rollenbilder zementiert – die Frau als Hausfrau und Mutter, der Mann als Ernährer und Beschützer. Gleichstellung heisst, mit diesen alten Rollenbildern zu brechen. Männer können genauso verletzlich und fürsorglich sein wie Frauen durchsetzungsfähig und führungsstark. Das Ablegen stereotyper Vorstellungen von Weiblichkeit und Männlichkeit würde jedem von uns mehr Freiheit bringen.

Mit der Weigerung die Ungleichbehandlung der Männer genauso konsequent zu beseitigen wie die der Frauen, wird jedoch ein System aufrechterhalten, dessen grosse Verlierer die Frauen sind.

Die Ironie daran: Mehr Gleichstellung wäre meist eine Win-win-Situation. Ein anständiger Vaterschaftsurlaub zum Beispiel stärkt nicht nur die Beziehung zwischen Vater und Kind, er verteilt auch das Ausfallrisiko am Arbeitsplatz, welches heute einseitig bei den Frauen – den potenziellen Müttern – liegt, gerechter auf die Geschlechter. Damit beugt er Diskriminierung von Frauen auf dem Arbeitsmarkt vor.

Ähnlich verhält es sich bei Lohngleichheitsanalysen. Diese werden zwar in erster Linie dafür geschaffen, ungerechtfertigte Lohnnachteile von Frauen zu erkennen. Gerade aber auch Männer, die nicht dem klassisch männlichen Stereotypen entsprechen, leiden unter Lohnungleichheit. Sind Unternehmen gezwungen ihre Lohnstrukturen zu hinterfragen, werden diese Ungerechtigkeiten genauso entdeckt. Von mehr Gleichstellung profitieren langfristig also wir alle – Frauen wie Männer, aber auch all jene, die sich nicht (ausschliesslich) einem Geschlecht zugehörig fühlen.

Wer das Anliegen der Gleichstellung in seinem Kern ernst nimmt, der beseitigt Ungleichberechtigung, egal ob auf den ersten Blick Frauen oder Männer benachteiligt sind. Frauen gehören in Führungspositionen genauso wie ins Militär. Lohnungleichheit muss behoben werden, genau wie die Ungleichheit beim Rentenalter. Familie und Karriere muss endlich vereinbar sein – für Mütter wie für Väter. Es ist Zeit, dass auch die Mitte der Gesellschaft sich in den Gleichstellungsdiskurs einmischt. Denn Gleichstellung ist kein Kampf der Geschlechter, sondern eine Win-win-Situation.